Perfekter Körper: Was kostet Schönheit?

Weltweit lassen sich immer mehr Menschen liften, spritzen & verschlanken. Woher kommt dieser Drang nach dem perfekten Körper?

Beauty OP
Perfekte Schönheit - ein erstrebenswertes Ziel? Foto: EdwardDerule/iStock/Thinkstock

"Love me" heißt eine Bilderserie des Fotografen Zed Nelson, der damit den globalen Schönheitswahn dokumentieren wollte. Seine größte Überraschung erlebte er im Iran. Überall waren sie zu sehen: Frisch Operierte mit Gesichtsverbänden und jede Menge Tschador-Trägerinnen, die ihre Nasen auf Hollywood-Norm hatten umoperieren lassen. Nirgendwo sonst auf der Welt, schreibt Nelson auf seiner Homepage, seien "nose jobs" so verbreitet wie im Mullah-Staat. In einem Land, in dem es Frauen vorgeschrieben ist, Körper und Haar zu verhüllen und wo Make-up in der Öffentlichkeit verboten ist, findet die Schönheitssucht eben dieses Ventil. 

23 Millionen Behandlungen

Nasen-, Lid- und Kinnkorrektur, Facelifting, Fettabsaugung und Bauchdeckenstraffung, Lippen-Tuning und Haarentfernung - die Schönheitsmedizin boomt weltweit. 23 Millionen kosmetische Interventionen hat die "International Society of Aesthetic Plastic Surger" (ISAPS) 2016 weltweit gezählt. Die Hitliste der chirurgischen Eingriffe führen Lidkorrekturen, Liposuktion und Brustvergrößerung an, bei den nicht-chirurgischen Maßnahmen landet die Botox-Spritze auf Platz eins, gefolgt von der Hyaluron-Behandlung und der Haarentfernung. Die Zahlen der ISAPS beruhen auf offiziellen, nationalen Statistiken - wie viel da zusätzlich geschnipselt, gesaugt und gespritzt wird, ohne dass man es zählt oder meldet, kann nur vermutet werden. 80 Millionen Eingriffe pro Jahr oder auch 100 Millionen? 

Von 20 bis 80 Jahren

Auch hierzulande wächst die Zahl Schönheits-OPs. Mindestens 50.000 Österreicher unterziehen sich pro Jahr einer invasiven oder nicht-invasiven Verschönerung durch einen Arzt - etwa 85 Prozent der Klienten sind Frauen. Sich tunen zu lassen, ist kein Statussymbol der oberen Zehntausend mehr, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es ist auch mitnichten eine Domäne von Menschen jenseits der 50; die Kundschaft rekrutiert sich aus allen Altersgruppen von 20 bis 80 Jahren, und auch immer mehr Teenager liegen ihren Eltern mit dem Wunsch nach einer neuen Nase in den Ohren. 

Männer unter Druck 

Für Walther Jungwirth, den Präsidenten der Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie hat der Sager der Tante Jolesch ("Alles, was ein Mann schöner ist als ein Aff, ist ein Luxus") keine normative Kraft mehr. Auch die Männer kämen heutzutage immer mehr unter Schönheitsdruck, sagt Jungwirth, der den Anteil der männlichen Kundschaft der Schönheitschirurgie auf "etwa 15 bis 20 Prozent" beziffert. Ganz oben auf der Einkaufsliste: Lidstraffung, Facelift und Tränensack-Eliminierung. Und selbstverständlich auch der Kampf gegen die Glatze mittels Eigenhaartransplantation. 

Sehr glatt 

Auf der anderen Seite denken die Männer jetzt auch über dauerhafte Haarentfernung nach - zum Beispiel am Rücken, wo das Rasieren denkbar lästig ist. Anders als am Kopf sind Körperhaare bei Männern mittlerweile unerwünscht. Vorbei die Zeiten, in denen die Frauen kernige Typen mit Brustbewuchs á la Sean Connory sexy fanden - glaubt man diversen Umfragen oder den Presseaussendungen des Rasierer-Weltmarktführers Gillette, sollte Mann ein Nacktmull mit Waschbrettbauch sein, um beim anderen Geschlecht gut anzukommen. 

"Love me" 

Und darum geht es beim Körper-Tuning: nicht um Schönheit an sich, sondern darum, attraktiv zu sein für den Partner/die Partnerin, für den Arbeitsmarkt, die Facebook- und sonstigen Freunde, für "die Gesellschaft" halt. "Noch nie hatte die Perfektion des äußeren Erscheinungsbildes einen derartigen Stellenwert wie in der Gegenwart", heißt es in dem Buch "Projekt Körper" der Soziologin Waltraud Posch. "Schönheit fungiert als Mittel zum Zweck, um sich sozial zu positionieren und die eigene Identität zu sichern." 

Schöne haben's leichter

Und es stimmt einfach - wer gut aussieht, hat's besser im Leben. Die auf Attraktivitätsforschung spezialisierte US-Psychologin Rita Freedman hat bewiesen, dass schon hübsche Babys mehr Zuwendung erfahren. Der Schönheitsbonus ziehe sich laut Freedman durchs ganze Leben, vom Kindergarten bis zur Schule bis ins Berfusleben. Gut aussehende Frauen verdienen in Deutschland rund 20 Prozent mehr als der Durchschnitt und ebensolche Männer bekommen 14 Prozent mehr Gehalt, hat Eva Sierminska vom Luxemburger Institut für Sozialforschung herausgefunden. 

Botox-Elite

In den USA fällt der "Beauty-Bonus" übrigens für beide Geschlechter niedriger aus - aufgrund strenger Antidiskriminierungsgesetze. Nichtsdestoweniger ist der Druck, jung und dynamisch auszusehen, nirgendwo so stark ausgeprägt wie in den USA. Am extremsten grassiert der Jugendwahn in Hollywood, wo für Schauspielerinnen ab 35 die Luft dünn zu werden beginnt - ihnen bleibt nichts anderes übrig, als permanent chirurgisch am Erscheinungsbild zu feilen. 

Forever young 

Auch wenn man nicht als Mime seine Haut zu Markte trägt, es kann trotzdem schockierend sein, wenn sich ab 40 die ersten Falten einstellen und das Gewicht zunimmt. Das geschehe ausgerechnet in einem Lebensabschnitt, in dem sich die Persönlichkeit schon verfestigt hat, sagt Buchautorin Waltraud Posch. Zwischen innerer Selbstwahrnehmung und dem Bild im Spiegel entstehe eine beunruhigende Kluft. Schönheitsoperationen könnten dann dazu dienen, eine Kontinuität zu erzeugen, die Zeit stillstehen zu lassen. "Die Sehnsucht nach Kontinuität", sagt Posch, "ist im Menschen stark ausgeprägt". 

Abschreckend

Die meisten, die sich aufspritzen und operieren lassen, fühlen sich danach tatsächlich zufriedener, wie viele Studien belegen. Dass man aber auch süchtig werden kann nach diesem Glückserlebnis, beweisen die Bilder der "überoperierten" Promis: Stars und Sternchen mit Schlauchboot-Lippen und Ballonbrüsten, Millionäre mit eingefrorener Mimik, Greise mit Kinderhaut und transplantierter Haarpracht. Für die krankhafte Weigerung, natürliche Alterungsprozesse anerkennen zu wollen, gibt es sogar einen Namen: das "Dorian Gray-Syndorm." Es ist auch wieder ganz gut, dass es sie gibt, diese Beispiele missglückter Operations-Serien. Sie bremsen überambitionierte Klienten in ihrem Selbstverschönerungsdrang ein, wie Chirurg Walther Jungwirth in seiner Praxis beobachtet hat. Jungwirth: "Manche werden dann nachdenklich und merken, dass eine OP eben keine Kosmetikbehandlung ist. Das ist schon gut so."