Schatz, du nervst – Beziehung in Zeiten von Corona

Die Ausgangsbeschränkungen stellen die Liebe auf die Probe: Nun verbringen viele Paare plötzlich ungewohnt viel Zeit miteinander – ohne große Möglichkeiten, den eigenen Interessen nachzugehen. Dass sich hier einiges an Konfliktpotenzial zusammenbraut, liegt auf der Hand. Wir haben bei zwei Therapeutinnen nachgefragt, wie man die Nähe ohne Nervenkrieg übersteht.

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Durch die Ausgangsbeschränkungen kommt es in vielen Beziehungen zu angespannten Situationen. Foto: iStock.com/fizkes

Jeder kennt die goldene Beziehungsregel: nicht zu viel Distanz, aber auch nicht zu viel Nähe, denn beides schadet auf Dauer der Liebe. Die aktuellen Ausgangsbeschränkungen anlässlich der Eindämmung des Coronavirus bringen nun so manche Herausforderung mit sich – denn plötzlich verbringen Partner, die sich den Haushalt teilen, weitaus mehr Zeit miteinander als zuvor. In einer ohnehin bereits angespannten Situation, in der auch Sorgen um die Gesundheit, die Familienangehörigen und den Arbeitsplatz einen großen Platz einnehmen, kann die ständige Präsenz des Lebensgefährten durchaus anstrengend sein. Dazu kommt, dass im Gegensatz zu einem gemeinsamen Urlaub auch die Beschäftigungsmöglichkeiten in den eigenen vier Wänden auf Dauer eher überschaubar sind. Die Grazer Gesundheitspsychologin Reinhild Wallner (www.couchme.at) und Beziehungscoach Alexandra Marko-Hinteregger (www.alexandramarko.com) aus Haselsdorfberg (GU) verraten die besten Tipps für ein harmonisches Leben auf engem Raum.

Frisch verliebt oder lang bewährt?

Generell gilt: Die Herausforderungen sind für Paare, die bereits lange zusammenwohnen, anders als jene für die frisch Verliebten. Reinhild Wallner erklärt: „Wer sich noch nicht lange kennt, lernt in dieser intensiven Phase die Macken des Partners natürlich weitaus schneller kennen, als das im normalen Prozess der Fall wäre. Das wird sozusagen die Feuertaufe. Wer sich schon länger kennt, kann schon besser abschätzen, was der andere braucht und wie er auf dessen Bedürfnisse gut eingehen kann.“ Alexandra Marko-Hinteregger gibt aber zu bedenken, dass durch eine langjährige Beziehung bereits eine große Alltagsroutine eingetreten sein kann, in der wirkliche Gespräche schon lange fehlen: „Manche Paare werden bestimmt feststellen, dass sie sich mittlerweile auseinandergelebt haben und sich nicht mehr viel zu sagen haben.“ Wenn es so weit gekommen ist, wird sich zeigen, ob sie durch die Krise wieder zueinanderfinden oder die gesamte Beziehung in Frage stellen.

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Foto: iStock.com/nd3000

Ausreichend Freiraum

Wichtig ist auf jeden Fall – da sind sich die Therapeutinnen einig –, dem anderen zu Zeiten der Ausgangsbeschränkungen auch in den eigenen vier Wänden ausreichend Freiraum zu geben, etwa indem man getrennten Hobbys in verschiedenen Räumen nachgeht. „Einer nimmt ein Entspannungsbad mit einem guten Buch, der andere geht eine Runde spazieren“, nennt Wallner als Beispiel. Sinnvoll ist auch die Abstimmung, was man getrennt und was man gemeinsam machen möchte. Marko-Hinteregger: „Sonst erwartet ein Partner möglicherweise viel mehr gemeinsame Aktivität als der andere. Auch Routinen wie ein gemeinsames Mittagessen können bei der Planung der gemeinsamen bzw. getrennten Zeit helfen.“ Und letztendlich gilt: viel miteinander reden. Denn wer seine Sorgen und Ängste mit dem anderen teilt, anstatt stumm zu leiden, hat auch bessere Chancen, Trost und Zuspruch zu bekommen. Und den kann man in einer Zeit, in der die Nerven zum Zerreißen angespannt sind, definitiv gut gebrauchen.

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Reinhild Wallner Foto: Helmut Lunghammer

Alles unter erhöhtem Stress

Apropos angespannte Nerven: „In der aktuellen Situation ist das Stresssystem aktivierter als sonst, wir sind also dementsprechend gereizter und reagieren vielleicht etwas überzogen oder sind weinerlicher bzw. emotionaler“, fasst Reinhild Wallner zusammen. Dadurch ist es noch wahrscheinlicher, dass sich die Lage zuhause irgendwann zuspitzt. Helfen die Gespräche mit dem Partner nicht (mehr), raten die Therapeutinnen dazu, sich Hilfe von außen zu suchen. Telefonate mit Kollegen, die ebenfalls um den Arbeitsplatz zittern oder andere Sorgen teilen, können bereits beruhigen. Ärgert man sich zu sehr über den Partner, können auch Freunde telefonisch zum Dampf-Ablassen zur Seite stehen, und viele Therapeuten bieten inzwischen Online-Beratungen über Videokonferenzen an. Kommt es dennoch zum endgültigen Crash daheim, bleibt nur eines: „Sich so gut wie möglich aus dem Weg gehen, einen Kompromiss finden und den Streit auf Eis legen. Es macht ohnehin keinen Sinn, in einem so emotionalen Zustand weiter zu diskutieren. Und letztendlich muss man ja die Situation gemeinsam irgendwie durchstehen“, so Alexandra Marko-Hinteregger.

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Alexandra Marko-Hinteregger Foto: Sporer

Etwas mehr Optimismus

Um dem Lagerkoller zu entgehen, raten die Therapeutinnen jedenfalls zum positiven Denken: Man könne beispielsweise ein Dankbarkeitstagebuch führen, in dem man täglich drei Dinge notiert, für die man dankbar sei, so Marko-Hinteregger: „In der Krise hat man nun auch die Gelegenheit, Dinge zu tun, die man schon längst tun wollte. In jeder schwierigen Situation liegt auch eine Chance – man kann nun gut Selbstreflexion üben und sich fragen, womit man zufrieden ist und was man in Zukunft ändern möchte.“ Auch Wallner empfiehlt, die positive Seite zu unterstreichen: „Am besten den eigenen Glücksfaktor erhöhen, also viel lachen, kuscheln, Dinge tun, die einem guttun – das hilft in solchen Zeiten sehr nachhaltig.“