Reinhard Haller: Mit Zuversicht durch die Krise

Weekend.at sprach mit dem renommierten Gerichtspsychiater Dr. Reinhard Haller. Der Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut ist Buchautor und Verfasser zahlreicher wissenschaftlichen Arbeiten zu Themen wie Sucht, Kriminalpsychiatrie u.a.

Reinhard Haller
Der renommierte Gerichtspsyichiater Dr. Reinhard Haller über die aktuelle Corona-Krise. Foto: Dietmar Stiplovsek

Weekend.at: Herr Haller, machen Mundschutz und Maske die Krise erst sichtbar?
Dr. Reinhard Haller: Ich sehe darin eher ein aufklärerisches Moment und ein Signal zu zeigen: ich schütze andere. Man sieht andererseits auch, dass Gefahr in der Luft liegt, das ist eine wichtige Information. Als Arzt begrüße ich den Schutz, den Masken bei Husten und Niesen für andere bieten. In asiatischen Ländern wird der Mundschutz erfolgreich verwendet. Es geht letztlich darum, dass man einen Mittelweg zwischen Vorsicht und Schutz findet und auf der anderen Seite die Angst nicht anschürt. Die Maske ist ein „Zwischenglied“ der Schutzmaßnahmen und unterstützt den Weg, die Ausgangsbeschränkungen absehbar lockern zu können.

Weekend.at: Wie gut ist unsere moderne Gesellschaft auf Beschränkungen vorbereitet?
Dr. Reinhard Haller:
Wir sind überhaupt nicht vorbereitet, da unsere Generation das Glück hatte, weder den Krieg zu erleben – noch andere Vorfälle die früher alle 20, 30  Jahre passierten wie Raubzüge, Krieg, Pest, Cholera, schwere Naturkatastrophen. Wir sind nie damit konfrontiert worden. Daher ist es ganz wichtig, dieser Krise auch etwas Gutes abzugewinnen. Sie zeigt uns, dass die menschlichen Möglichkeiten begrenzt sind, die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wir müssen uns Herausforderungen stellen, denn es wird wieder eine neue Krise kommen. Laut Virologen ist nicht die Frage ob Pandemien kommen, sondern wann sie kommen. Zudem werden wir im Moment vorbereitet auf die Vereinsamung, die eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen darstellt. Der jetzige Zustand ist quasi ein Trockentraining dafür, was im Jahr 2030 zur Normalität zählen wird: Durch Überalterung, Single- und „Kein-Kind-Generationen“ müssen sich viele auf Einsamkeit einstellen.

Weekend.at: McKinsey präsentierte eine Studie zum Klimawandel, der Millionen von Menschenleben und Billionen Dollar Wirtschaftskraft kosten wird. Das scheint die Menschen wenig zu berühren?
Dr. Reinhard Haller:
Eine akute, völlig unerwartete Bedrohung hat einen Schockeffekt, den permanente Berichte nicht haben. Es stimmt bedenklich, dass ein kleiner Virus der nicht einmal ein Lebewesen ist, den man mit freiem Auge nicht sieht und der weder Herz noch Hirn hat in kürzester Zeit etwas bewirkt, was tausende Konferenzen, Appelle, Demonstrationen, Sitzungen und Kongresse nicht bewirken haben konnten: Kaum Kondensstreifen mehr am Himmel, verschwundene Smogwolken, Fische die wieder in Kanälen schwimmen. Das allein ist etwas höchst Bezeichnendes.  Ohne die Schrecken der Pandemie schmälern zu wollen: In Deutschland sterben jeden Tag 250 in Österreich 20 bis 30 Personen an den Folgen des Rauchens. Das juckt keinen Menschen, Corona-Todesfälle hingegen sind für uns ein unglaublicher Schock. Das Unerwartete ereilt uns auf dem linken Fuß... Und dann gibt es noch jene die denken „mich erwischt es eh nicht, ich bin ja kein Raucher“. Dieser Effekt ist in der derzeitigen Krise auch gegeben.

Weekend.at: Die Menschen können sich zurzeit nicht treffen, nicht berühren, nicht umarmen. Haben Sie einen praktischen Tipp gegen diesen Seelenschmerz?
Dr. Reinhard Haller:
Die fehlenden physischen Kontakte haben einen Nebeneffekt. Wir erhalten als Gegenpreis der Isolation im ganzen Land eine starke, deutlich spürbare Solidarität. Die Empathie die durch direkten Austausch gefördert wird, hat stark zugenommen. Man interessiert sich dafür, was geht in einer Krankenschwester vor, was machen überlastete Ärzte mit, wie ist das, wenn ein Mensch erstickt, was sich im Fall von Covid 19 ja wie ein Ertrinken anfühlt? Mein Tipp ist, man sollte unter allen Umständen die Kommunikation und Kontakte zu seinen Verwandten und Freunden aufrechterhalten. Die vielgescholtenen modernen Medien muss man loben, über Telefon, Skype und Zoom lassen sich Kontakte auf Distanz gut pflegen. Außerdem empfehle ich für die Psyche unbedingt, in virusfreier Umgebung die tägliche Bewegung an der frischen Luft zu pflegen.

Weekend.at: Wie gehen wir mit Pessimismus und Angst um?
Dr. Reinhard Haller:
Als Psychiater fasziniert mich das Gegenregulationsmodell. Mit Ausnahme der Corona-Krise leben wir in unseren Breiten in einer vergnüglichen Zeit. Ein Event jagt das andere, wir haben etliche TV-Sender und Ablenkungsmöglichkeiten. Dennoch nehmen depressive Verstimmungen und Angst zu. Dabei leben wir historisch betrachtet in einer sicheren Welt. Nie zuvor wurden wir bereits schon vor der Geburt so intensiv durchgecheckt. Wir sind überversichert, und dennoch nehmen Angstkrankheiten und Süchte zu – das sind klassische Gegenregulationen die man rein naturwissenschaftlich nicht erklären kann. Für mich ist das ein klassisches Beispiel, dass wir im Zeitalter des Narzissmus leben. Immer größer, weiter, immer noch mehr Umsätze... Und genau dieses Leben hat nun einen ordentlichen Dämpfer bekommen.

Weekend.at: Die Krise ist wieder einmal eine Chance...?
Dr. Reinhard Haller:
Wenn Psychiater sagen „Jede Krise ist auch eine Chance“ – das kann man natürlich nicht mehr hören -  aber es stimmt. Eine Krise hat auch andere Seiten, und ganz wichtig: das Leben wird danach wieder weiter gehen. Manches ändert sich vielleicht auch ins Positive. Muss man wegen jeder kleinen Besprechung herumfliegen? Muss man den Samstagvormittag in London beim Shoppen verbringen, für den Polterabend nach Barcelona jetten? Die regionalen Händler werden mehr online-shops anbieten, e-learning wird sich besser etablieren. Man sollte in einer solchen Situation auf die positiven Dinge blicken. Auf unsere Stärken, unser sehr gutes Sozialsystem. Wo würde ich Corona lieber mitmachen als bei uns in Österreich? Wir können uns auf eine gute Infrastruktur und ein gutes soziales Netz verlassen, das gibt Zuversicht!

Reinhard Haller
Foto: GU Verlag

Zur Person: DR. REINHARD HALLER
Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut
1951 in Mellau/Bregenzerwald geboren und promovierte nach dem Studium der Medizin zum Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie.

Als einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas wird er immer wieder mit der Begutachtung in großen Kriminalfällen (Jack Unterweger, Franz Fuchs, Josef Fritzl) betraut. Von 1983 bis 2017 leitete er die psychiatrisch-psychotherapeutische Klinik Maria Ebene.

Der Gründer der Werkstatt für Suchtprophylaxe und Drogenbeauftragte des Landes Vorarlberg ist Autor zahlreicher Bücher, Auszug: Das Wunder der Wertschätzung: wie wir andere stark machen und dabei selbst stärker werden, Gräfe und Unzer, München 2019, Das Böse: Die Psychologie der menschlichen Destruktivität, Ecowin, aktualisierte Neuauflage 2019, Die Macht der Kränkung, Ecowin, 2015, Die Narzissmusfalle: Anleitung zur Menschen- und Selbstkenntnis, Ecowin 2019

 

 

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