Todesfalle Plastik: Unsere Meere ersticken

Die UNO warnt: Millionen Tonnen Kunststoff vermüllen die Meere – mit unabsehbaren Folgen. Ob das von der EU angekündigte Verbot von Plastik-Trinkhalmen etwas dran ändert, ist jedoch fraglich.

Plastikmüll Meer Umwelt - Cover
Nicht kleinzukriegen: Plastik gilt als Todesfalle für den Meeresraum Foto: Komjomo/iStock/Thinkstock

Es war sehr kompliziert und unglaublich schwer, seufzte die norwegische Prinzessin Mette-Marit, "als Verbraucher heutzutage kein Plastik zu benutzen". Der Selbstversuch in "Plastikfasten", den sie gemeinsam mit Prinzgemahl Haakon unternommen hatte, diente dazu, die Norweger für eine nationale Müllsammel-Aktion zu begeistern. Auch das Prinzenpaar klaubte dann am Strand öffentlichkeitswirksam angeschwemmten Abfall auf.

Frustrierend

Auch in vielen anderen Selbstversuchen mit Plastikvermeidung ist die Rede von den Schwierigkeiten, die das macht. Wer halbwegs plastikfrei leben möchte, muss wie zu Uromas Zeiten mit Gebinden ausrücken, müsste Shampoo, Seife und Waschpulver selber fabrizieren und sollte einen "verpackungsfreien Supermarkt" in Reichweite haben.

Plastik-Zeitalter

Der Siegeszug der Kunststoffe, der sogenannten "Technopolymere", begann Mitte des 19. Jahrhunderts mit James Goodyear, der als erster Naturkautschuk zu Gummi vulkanisierte. Goodyears Gummihandschuhe waren quasi die ersten "Kunststoff"-Produkte der Welt. Einen gewaltigen Schub erfuhr die Produktion dann nach 1950. Durch die Entwicklung der "Thermoplaste" und neuer Verarbeitungsverfahren konnten von nun an Formteile unschlagbar billig hergestellt werden. Kunststoff wurde zu einem Werkstoff für die industrielle Massenfertigung.

Neun Milliarden Tonnen

Laut Wikipedia wurden in den vergangenen 70 Jahren weltweit etwa 9 Milliarden Tonnen Kunststoffe hergestellt. 2016 erreichte die globale Produktion rund 335 Millionen Tonnen. Geschätzte 26 Prozent dieser Menge wird zu Verpackungsmaterial verarbeitet. Wiederverwertet oder auch nur "thermisch genutzt" (d. h. verbrannt) wird weniger als ein Drittel dieser Menge. Laut einer Berechnung der "Ellen ­McArthur Foundation" landet 40 Prozent des ­Verpackungsmülls aus Kunststoff auf Deponien und 32 Prozent in der freien Natur.

Die UNO warnt

Vor allem der in den Meeren treibende Plastikmüll habe sich zu einem Problem ungeheuren Ausmaßes entwickelt, sagte Eric Solheim, Chef der UNO-Umweltbehörde (UNEP) Anfang Juni in New ­Delhi. "Unsere Ozeane werden als Müllhalde benutzt, Meerestiere erstickt und einige Meeresregionen in Plastiksuppe verwandelt", so der oberste UNO-Umweltschützer bei der Vorstellung eines Berichts seiner Organisation zum Thema Plastikmüll. Sorgen macht sich die UNO darin vor allem um das Einweg-Plastik und die fünf Billionen (!) Plastik-Tragetaschen, die jedes Jahr in Umlauf kämen.

400 Jahre

Plastik an sich sei nicht das Problem, meinte Solheim, sondern das, "was wir damit machen". Der UNEP- Chef spielte damit auf die Tatsache an, dass Kunststoffe an sich keine toxischen Subs­tanzen sind. Das Problem ist schlicht deren Unverwüstlichkeit, wenn sie in die Umwelt gelangen. Ein im Meer treibendes Plastiksackerl benötigt etwa 20 Jahre, um sich aufzulösen. Eine PET-Flasche geschätzte 400 bis 450 Jahre; dann ist sie aber auch nicht ganz verschwunden, sondern nur in Mikropartikel zerfallen.

Müllhalde Meer

Umweltorganisationen wie der WWF machen seit Jahren auf die zunehmende Kunststoffbelastung der Meere aufmerksam. Man schätzt den bereits erfolgten Eintrag auf 150 Millionen Tonnen. Das deutsche ­Alfred Wegener-Institut hat berechnet, dass jedes Jahr zwischen 4,8 und 12,7 Mio. Tonnen dazukommen.

Tödlich für Tiere

Für das Meeresgetier wird der in den Meeren treibende Zivilisa­tionsabfall aus Plastikfetzen, PET-Flaschen, Einwegrasierern, Feuerzeugen, CD-Hüllen, Joghurtbechern, Zahnbürsten, Kabeltrommeln, Sportschuhen, Spielzeug und verlorenen Fischereinetzen oftmals zur Todesfalle. Meeresschildkröten fressen Tragtaschen, weil sie diese für Quallen halten und verenden qualvoll, Albatrosse und Eissturmvögel füllen ihre Mägen mit Kunststoffteilchen, fühlen sich gesättigt und ­verhungern. Aber auch große Säuger wie Wale und Delfine sterben an unverdaulichem Plastikmüll.

Partikelsuppe

Plastikteile im Meer zerfallen allmählich unter dem Einfluss von Licht und Gezeiten in "sekundäres Mikroplastik", das sind Kunststoffpartikel unter einer Größe von fünf Millimetern. 88 Prozent der weltweiten Meere sind bereits damit belastet. Die Tiefsee wurde von der Partikelsuppe ebenso schon erreicht wie die arktischen und antarktischen Regionen. In manchen Meeresbuchten besteht der Sandstrand schon zu drei Prozent aus Kunststoffbröseln, im Mittelmeer dürfte auf zwei Planktonlebewesen bereits ein Plastikteilchen kommen.

Wattestäbchen-Verbot

Auch der EU-Kommission liegt der Zustand der Meere am Herzen. Schon zu Jahresbeginn hatte sie ihre Plastikmüllstrategie vorgestellt, nach der ab 2030 alle Kunststoffverpackungen recyclingfähig sein sollen. Ende Mai wurde eins nachgelegt und ein Richt­linienvorschlag zum Verbot von Einwegplastik präsentiert. Demnach sollen Partygeschirr, Trinkhalme, Wattestäbchen und Luftballonhalterungen aus Kunststoff kommendes Jahr verboten und durch Öko-­Varianten ersetzt werden.

Wenig Beifall

Überraschenderweise wurde das Vorhaben auch von der Umweltlobby nur mit mäßiger Begeisterung aufgenommen. Die Rückkehr zu den vermeintlich abbaubaren Wegwerftellern aus Pappe werde bloß dazu führen, dass diese schludriger entsorgt würden, lautet eines der Argumente. Ein anderer Kritikpunkt ist der, dass eine auf Europa ­begrenzte Vermeidung von Trinkhalmen wohl kaum dazu dienlich ist, die Plastikverschmutzung der Meere maßgeblich zu stoppen.

Müll-Zubringer

Bis vor Kurzem war nicht wirklich geklärt, auf welchen Wegen die vielen Millionen Tonnen Abfall überhaupt dorthin kommen. Das "Helmholtz- Zentrum für Umweltforschung" (UFZ) hat eine Forschergruppe auf dieses Problem angesetzt. Deren Ergebnisse wurden im vergan­genen Herbst publiziert. Es sind zehn große Flüsse, die für 90 Prozent des Plastikdreck- Eintrags in die Weltmeere verantwortlich sind, fanden die Wissenschafter heraus.

Hotspot Südostasien

Im Einzelnen sind es: Jangtse, Gelber Fluss, Hai He, Perl-fluss, Amur und Mekong, Indus und Ganges und schließlich Niger und Nil. Keines dieser Flusssysteme befindet sich also in Europa. Allesamt befinden sie sich in dicht besiedelten Regionen mit riesigen Einzugsgebieten ohne modernes Abfallmanagement. Das heißt im Klartext: Wenn die Ballermann-Besucher ihre Sangria nicht mehr mit Plastikhalmen schlürfen, ändert das am Plastikdreck in den Meeren gar nichts.

So lange bleibt der Müll im Meer

  • Tageszeitung: 6 Wochen
  • Kerngehäuse Apfel: 2 Monate
  • Baumwollshirt: 2 - 5 Monate
  • Sperrholz: 1 - 3 Jahre
  • Zigarettenkippe: 1 - 5 Jahre
  • Plastiksackerl: 10 - 20 Jahre
  • Dose: 50 Jahre
  • PET-Flasche: 400 Jahre
  • Shampooflasche: 450 Jahre
  • Angelschnur: 600 Jahre

Zahlen und Fakten

  • Die Menge der seit 1950 hergestellten Kunststoffe beträgt 9 Milliarden Tonnen.
  • Nur etwa neun Prozent davon wurden laut UNO wiederverwertet (der Rest ist noch irgendwo vorhanden).
  • Rund 26 Prozent der weltweiten Plastikproduktion (2016 waren es 335 Mio. Tonnen) ist Verpackungsmaterial.
  • Davon gelangen 40 Prozent auf Deponien und 32 Prozent in die freie Natur.
  • 85 Prozent des maritimen Mülls besteht derzeit aus Plastik.
  • 90 Prozent des Kunststoffabfalls in den Meeren wird über zehn große Flusssysteme dorthin verfrachtet.
  • In Österreich landet kein Plastikmüll in der Umwelt, auch Mülldeponien gibt es keine. Kunststoffverpackungen werden zu 100 Prozent entweder verbrannt oder wiederverwertet (Recyclingrate: 34 %).

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