Im Zeichen der fünf Ringe: Olympische Legenden

Vom 9. bis 25. Februar steht die Sportwelt wieder ganz im Bann von Olympia. In Südkorea wird sich einmal mehr zeigen: Erfolg allein reicht oft noch nicht, um
zur Legende zu werden.

Marcel Hirscher
Steht für Olympia in den Startlöchern: Marcel Hirscher Foto: Fabrice Coffrini/AFP/picturedesk.com

1. Storys

Olympia ist die perfekte Bühne für unglaubliche Geschichten.

Australischer Abstauber: Schwimmen, Radsport, Rudern: Dort ist Australien Weltklasse. Aber im Eislaufen? Steven Bradbury war das egal: Der Short-Track-Eisschnellläufer versuchte 2002 einfach, hatte Losglück, profitierte von Disqualifikationen, stand plötzlich im Finale. Dort fuhr er den vier Favoriten aus Korea, USA und China 980 Meter lang brav hinterher, ehe ein Massensturz in der allerletzten Kurve alle ­Gegner eliminierte. Bradbury fuhr verdutzt vorbei und ­siegte: "Moment! Ich glaub, ich hab grad gewonnen ..."

Der Flug des Herminators: "Hermann!!! Um Gottes willen!" Die TV-Kommentatoren sprachen aus, was alle dachten, als Hermann Maier 1998 in der Abfahrt nach 17 Fahrsekunden zum Flug durch die Lüfte ansetzte, der seinen Legendenstatus begründete. Denn nur drei Tage, nachdem die Bilder seines Mega-Sturzes um die Welt gegangen waren, gewinnt Maier überlegen den Super-G und drei weitere Tage später auch den Riesenslalom.

2. Hoppalas

Darüber lachte die Sportwelt - die Beteiligten allerdings weniger.

Missglückte Angeberei: Cool wäre es, überlegen Olympiasiegerin im Snowboard-Cross zu werden. ­Besonders cool wäre es, das mit einem Kunststück beim Zielsprung zu krönen. Historisch ist es, wenn dieses Kunststück misslingt, man auf die Nase fällt und so das sichere Gold wegwirft! Mit ihrem Hoppala wurde die US-Amerikanerin Lindsey Jacobellis 2006 berühmter, als sie es mit jedem Sieg geworden wäre – es verfolgt sie aber bis heute. Jacobellis ist neunfache Weltmeisterin, aber bei Olympia hat es für sie auch 2010 und 2014 nicht geklappt.

Falsch abgebogen: Eigentlich ist Eisschnelllaufen ganz einfach: Eine Runde fährt man auf der Innenbahn, für die nächste wechselt man auf die Außenbahn und dann wieder zurück. Natürlich wussten das 2010 auch der holländische Top-Favorit Sven Kramer (re.) und sein Trainer Gerard Kemkers (li.). Theoretisch. In der Praxis nämlich, in der Hitze des Gefechts des 10-km-Rennens, wies der Trainer seinen auf überlegenem Gold-Kurs laufenden Schützling bei einem Bahnwechsel auf die falsche Spur. Disqualifikation! Danach musste sich Kramer sichtlich zurückhalten, um nicht handgreiflich zu werden ...

3. Skandale

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Davor ist auch Olympia nicht sicher.

Die teuerste Straße der Welt: 7,000.000.000 Euro für 45 km Straße: Sieben Milliarden hat die Verbindung vom Olympia-Hauptort Sotschi ins Skigebiet von Krasnaja Poljana gekostet. Alleine diese Straße war teurer als die kompletten Winterspiele in Vancouver 2010! Weil das unwegsame Gelände erst gerodet werden musste – und wegen Korruption, auch wenn Russlands Präsident Putin dementierte: "Die Ingenieure haben sich verrechnet. Kann passieren ...“

Blutbeutel, Razzia und Crash: Einmal nicht gründlich genug aufgeräumt ... Nach Olympia 2002 wurden im Quartier der ÖSV-Langläufer Blutbeutel gefunden. Ein sicheres Zeichen für Doping! Trainer Walter Mayer (Bild) wurde gesperrt, war aber dennoch 2006 in Turin wieder im Lager der österreichischen Langläufer und Biathleten dabei – ehe bei einer Razzia erneut verdächtiges Material gefunden wurde. Mayer crashte sein Auto volltrunken auf der Flucht. ÖSV-Präsident Schröcksnadel nahm Mayer in Schutz: "Österreich ist zu klein für ­gutes Doping!"

Preisrichterabsprache: 2002 - das russische Eiskunstlauf-Paar gewinnt knapp vor dem kanadischen. Wirklich? Nach der umstrittenen Entscheidung gibt die französische Preisrichterin Le Gougne (kl. Bild) zu: Alles geschoben! Sie wäre gedrängt worden, für die Russen zu stimmen, im Gegenzug sollte danach das französische Paar im Eistanz zum Sieg gewertet werden. Skandal! Das IOC verfügte, dass auch die Kanadier Gold bekommen sollten, sogar die Siegerehrung wurde wiederholt - danach wurde das Wertungssystem völlig umgestellt.

4. Bilanzen

Vom Erfolgsrausch bis zur Blamage hat Österreich schon alles erlebt.

Österreichs beste Spiele: 21 Medaillen errang die ÖOC-Delegation 1992 im französischen Albertville – das schafft Österreich nie wieder. Glaubten alle, denn dann kamen die Spiele von Turin 2006! Von dort brachten die heimischen Athleten sogar 23 x Edel­metall mit nach Hause. Höhepunkt des Erfolgsrausches mit neun Goldenen war der Dreifachsieg im Herren-Slalom (im Bild v. li.: Reinfried Herbst, Benjamin Raich und Rainer Schönfelder). Neben Raich gewannen auch Michaela Dorfmeister, Felix Gottwald und Thomas Morgenstern zweimal.

Österreichs schlechteste Spiele: Das stolze Wintersportland Österreich als Lachnummer der Olympia-Welt – 1984 war dies Realität! Die Skispringer und die Rodler gingen in Sarajevo leer aus, die Alpinen fuhren hinterher, und den Snowboard-Sport gab es noch gar nicht. Erst am drittletzten Tag der Spiele verhinderte Außenseiter Anton „Jimmy“ Steiner mit Platz drei in der Abfahrt die totale Blamage von medaillenlosen Spielen – aber so schlecht wie 1984 war Österreich in Winterspielen sonst nie.

Österreichs Olympia-Favoriten für 2018

Marcel Hirscher (Ski Alpin): Der 28-Jährige ist auf dem Weg zum siebenten Weltcup-Gesamtsieg, er ist sechsfacher Weltmeister – aber Olympiasieger ist er noch nicht. Ein vierter Platz steht von 2010 zu Buche, 2014 gab es einmal Silber. Wäre seine Karriere komplett, wenn es nicht gelingt? Er sagt "Ja", viele Fans aber wohl eher "Nein".

Anna Gasser (Snowboard): Weltmeisterin, Weltcupsiegerin, X-Games-Siegerin, Sportlerin des Jahres: Die 26-jährige Kärntnerin ist neben Hirscher Österreichs Medaillen-Bank Nummer eins! Im Big-Air-Bewerb ist die Snowboarderin aus Millstatt die absolut Beste der Welt.

Wolfgang Kindl (Rodeln): Sein Name und sein ­Gesicht sind (noch) eher unbekannt. Dabei ist Kindl amtierender Rodel-Weltmeister, und in der gerade beendeten Weltcup-Saison wurde der 29-jährige ­Innsbrucker Zweiter. Das macht ihn zum ernsthaften Siegkandidaten.

Vanessa Herzog (Eisschnelllauf): Wie aus dem Nichts ist Herzog mit drei EM-Medaillen – darunter eine aus Gold – vor einigen Wochen ins Rampenlicht gerast. Die 22-jährige ­Tirolerin kann die erste ­österreichische Olympia-Medaille im Eisschnelllauf seit 1994 holen.

Anna Veith (Ski Alpin): Im Herbst 2015 ist in ihrem rechten Knie alles gerissen, was reißen konnte. Auch heute ist die 28-Jährige längst nicht wieder die Alte. Dennoch: In einem Damen-Ski-Team ohne Olympia-Erfahrung ist sie die "Grand Dame" mit Chancen im Super-G.

Stefan Kraft (Skispringen): Der 24-jährige Salzburger hat die vergangene Skisprung-Saison dominiert und ist aktuell der beste Österreicher. Wenn er zuschlägt, dann aber eher in einer der beiden Einzelkonkurrenzen – denn im Teambewerb ist die ÖSV-Equipe wohl zu schwach.