Battle of Bands: Coolness trifft Wiener Schmäh

Während die einen veganen Charme versprühen, inszenieren sich die anderen als Karikatur einer Rockband. Bilderbuch und Wanda sind in vielerlei Hinsicht ­unvergleichlich. Was sie verbindet, ist der Erfolg.

Battle of Bands - Cover
Kannte man bisher nur aus London: Auch Österreich hat mittlerweile seinen "Battle of Bands" Foto: GrashAlex/iStock/Thinkstock

Natürlich ist es Zufall, dass die beiden Hauptprotagonisten des österreichischen New Wave gleich oft, nämlich fünfmal, für die Austrian Music Awards nominiert sind. Letztlich drückt sich darin aber doch auch der Kampf um die Vorherrschaft im österreichischen Musikbusiness aus. Wer hat mehr YouTube- Klicks? Wer hat die stärkere Fanbase? Wen lieben die Massen mehr? Bilderbuch und Wanda sind die Bands der Stunde, wandeln auf den Spuren erfolgreicher Austro-Popper wie Wolfgang Ambros oder Rainhard Fendrich – Falco wird an dieser Stelle bewusst ausgespart. Zu weit scheint der Weg zum Größten aller ­Zeiten (noch) zu sein.

One-Man-Shows

Bilderbuch hat vier Band-Mitglieder, Wanda sogar fünf. Aber nicht das Kollektiv macht sie stark. Die Väter des Erfolgs sind zweifelsohne die beiden Front-Männer Marco Wanda, bürgerlich Michael Marco Fitzthum und Maurice Ernst (der heißt tatsächlich so). Sie machen den Unterschied zum Rest der österreichischen Newcomer-Bands aus. Beide sind "Rampensäue" mit unverwechselbaren Stimmen, deren charismatische Ausstrahlung das Publikum in ihren Bann zieht. Schon ein simples "Griaß eich" am Beginn des Konzerts versetzt die Menge in Ekstase. Damit wir uns recht verstehen. Wir reden hier nicht von schummrigen kleinen Clubs, in denen die beiden Bands auftreten. So fanden nicht weniger als 300.000 Menschen letztes Jahr den Weg zu einem Wanda-Konzert. Tendenz steigend, wie die ausverkaufte Wiener Stadthalle vor zwei Wochen bewies. Zu Bilderbuch ­pilgerten annähernd – gleich viele. Der Höhepunkt der Oberösterreicher war aber sicherlich die Verpflichtung als Headliner beim letztjährigen Frequency.

Kleine Sticheleien

Man glaubt es kaum: Bilderbuch und Wanda sind beim einen oder anderen Festival auch schon gemeinsam auf der Bühne gestanden, etwa beim Nuke in Graz. Für alle Sensationsgeilen: Es gibt keine Berichte, wonach man sich hinter der Bühne die Köpfe eingeschlagen hätte. Vielmehr ignoriert man sich und möchte nicht allzu viel miteinander zu tun haben. Manchmal richtet man sich auch kleine "Nettigkeiten" aus, wie etwa Marco Wanda auf die Frage, was Wanda von Bilderbuch unterscheide: "Um es kurz zu machen, der Unterschied ist viermal Platin." Noch zurückhaltender äußert sich Maurice Ernst. Er findet lediglich den Vergleich mit der Battle of Bands zwischen Oasis und Blur interessant, wollte aber nicht weiter darauf ein­gehen.

Stilwechsel

Die Wege zum Erfolg der beiden österreichischen Exportschlager könnte unterschiedlicher nicht sein. Als Schülerband im oberösterreichischen Kremsmünster ­gegründet, mühte sich Bilderbuch zehn Jahre lang mehr oder weniger erfolglos durch das verstaubte Genre des Indie Rock. Schließlich stand die Band vor dem Aus, wollte die Instrumente schon an den ­Nagel hängen und etwas "Vernünftiges" machen. Als buchstäblich letzte Chance vollzogen sie vor dem Exodus einen letzten, auf den ersten Blick verzweifelten Stilwechsel. Man verbannte den Indie Rock in die Mottenkiste und erfand eine Art Glitzer-Pop, der den Nerv der Zeit traf. Das erste Produkt dieses Image-­Wandels war gleichzeitig der Durchbruch. Der YouTube- Hit "Maschin" veränderte alles, katapultierte Bilderbuch in lichte Höhen.

Big Bang

Wanda hingegen brauchte nur zwei Jahre bis zum Durchbruch. 2012 gegründet, landete man 2014 mit "Bologna" bereits den ersten Hit, der zur Hymne der Band wurde, den die Fans bei Konzerten bis zur letzten Textzeile mitsingen. Bis heute bezeichnet Marco Wanda den Stil der Band als "Popmusik mit ­Amore". Fünfmal Platin sowie ein Nummer-1-Hit mit "Columbo" machten die Wiener in nur wenigen Jahren zu einer der wichtigsten Bands im deutschsprachigen Raum.

Lob und Kritik

In Interviews geben sich Marco Wanda und Maurice Ernst gerne rotzig intellektuell, manchmal sinnbefreit wie einige ihrer Liedtexte, aber immer fresh und originell. Und sie haben Schmäh. Nicht ganz so viel wie Falco (eh klar). Aber doch genug, um schnell zu Lieblingen des deutschen Feuilletons zu werden. Gerade jenseits des Weißwurscht-Äquators, just dort, wohin es kaum eine heimische Band schafft, werden die beiden Bandleader hymnisch gefeiert und jede ihrer Wortspenden beklatscht. Ganz selten hört man kritische Stimmen, wie jene von Christian Schachinger im Standard anlässlich des Erscheinens des letzten Bilderbuch-Albums: "Die Lieder des neuen Albums 'Magic Life' schreien mit derartiger Unerbittlichkeit nach Land-Disco, Rüscherl-, Bonanza- und Fetzi-Fetzen, dass die Gitarre gleich einmal so jaulen muss." Diese Kritik brachte Schachinger nicht viel, außer einem bitterbösen offenen Brief von Hubert von Goisern. Auch Wanda darf sich neben zahlreichen Lobeshymnen über so manche Kritik ärgern. Eine solche hat Wolfgang Zechner auf rollingstone.de verfasst: "Bussi ist ein neuer Meilenstein in Sachen Anti-Qualität. Also der ideale Sound-Dreck für alle Freundinnen und Freunde des schlechten Geschmacks."

Visionen

Das alles kann den Erfolg der beiden Bands aber keinesfalls bremsen. Ganz im Gegenteil, die Hallen, in denen sie auftreten, werden größer und größer. Allerdings hat man das ­Gefühl, dass Bilderbuch im Pop-Himmel eine längere Verweildauer haben könnte. Während Wanda seinen Stil kaum verändert, scheint sich Bilderbuch immer ­wieder neu erfinden zu wollen. Das könnte aber letzten Endes die "Battle of Bands" zugunsten der Oberösterreicher entscheiden.

Gert Steinbäcker im Short Talk
Wir erwischen den Austropop-Legende natürlich in Griechenland - die Füße aber noch nicht im weißen Sand ...

Herr Steinbäcker, Wanda oder Bilderbuch?

Ich halte beide Gruppen für sehr gute Bands, die völlig zurecht so erfolgreich sind. Wobei ich selbst mehr auf die erdigere Abteilung wie Pizzera & Jaus oder Sailer und Speer stehe – das soll qualitativ aber absolut keine Wertung sein. Sie erinnern mich halt mehr an die Singer- und Songwriter-Genera­tion von früher. Wanda und Bilderbuch machen Musik mit viel mehr Kunsttouch. Bei Wanda könnte man überhaupt glauben, Falcos Enkel stehen auf der Bühne. Aber das passt so – sie ­begeistern die jungen Leute, die halt keine 65-Jährigen mehr auf der Bühne sehen wollen.

Warum sind österreichische Bands auch in Deutschland so erfolgreich?

Das liegt meines Erachtens daran, dass sie einfach eine gewisse Authentizität ausstrahlen, und das hört man auch – und dass sie im ­Dialekt singen, taugt mir persönlich sehr. Viele junge deutsche Bands klingen ja wie eine Miele-Waschmaschinenwerbung, alles sehr monoton. Wichtig ist auch, dass die österreichischen Bands live so eine tolle Show bieten, du musst ­heute Konzerte spielen, sonst verdienst du als ­Musiker nichts mehr.