Check: In welchem Zustand sind Österreichs Wälder?

Österreichs Staatsgebiet besteht fast zur Hälfte aus Wäldern. In welchem Zustand sind sie und wie reagieren sie auf steigende Temperaturen?

Wald Forst 930072910 Getty Images
Der Klimawandel setzt den Fichten zu Foto: AVTG/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Wenn ein Borkenkäfer eine Fichte angreift, ist das eigentlich ein Himmelfahrtskommando. Es ist nämlich gut möglich, dass es der Baum schafft, den Krabbler umzubringen. Mit Harz etwa oder einer anderen natürlichen Schädlingsabwehr. Schwächelt der Baum allerdings, leidet er unter Trockenheit oder ist er krank, dann kann er sich nicht mehr wehren.

Das große Fressen

Überlebt der Käfer, gibt er das per Duftsignal bekannt. Hunderte Artgenossen eilen herbei, um sich am Kambium, der saftigen Wachstumsschicht des Baumes, zu laben. Dort nisten sich auch die Larven der Käfer ein und werden richtig schön fett. Abertausende wohlgenährte Schädlinge schaffen es schließlich, den Baum nach und nach so anzufressen, dass er kein Wasser mehr aufnehmen kann und vertrocknet.

"Noch nie dagewesen"

4,3 Millionen Festmeter kaputtes "Borkenkäferholz" musste man 2018 aus Österreichs Wäldern entfernen. Das entspricht in etwa 1,3 Millionen stattlichen Bäumen, aus deren Holz man 107.000 Einfamilienhäuser hätte bauen können. 4,3 Millionen Festmeter sind mehr als der jährliche Nettozuwachs an Holz (rund 4 Millionen Festmeter) und eine "noch nie dagewesene Menge", wie es in einer Aussendung der "Land- und Forstbetriebe Österreich" heißt. Am heftigsten wütete der Borkenkäfer nördlich der Donau, im Burgenland und in der Südsteiermark. Das "Käferholz" bildete zusammen mit dem Sturm-, Eis- und sonstigen Schadholz eine gigantische Menge von zehn Millionen Festmeter an Holz, dessen Ernte eigentlich nicht vorgesehen war. Das ist mehr als die Hälfte des 2018 erzielten Einschlags von 19,2 Millionen Festmeter.

Schnee, Sturm und Hitze

Felix Montecuccoli, Präsident der Interessensgemeinschaft der Land- und Forstbetriebe Österreich, sorgt sich, dass auch 2019 ein Katastrophenjahr sein könnte. Zuerst sei der Wald im Westen und im Zentralraum von dem vielen Schnee in Mitleidenschaft gezogen worden, später habe das Sturmtief "Eberhard" gewütet, und schließlich sei wieder die große Trockenheit des Sommers gekommen. "Einer gesunden Fichte können Borkenkäfer nichts anhaben. Doch der Klimawandel setzt der Fichte zu – sie ist gestresst und anfällig und damit ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer", sagt Montecuccoli. Der Agrar­ingenieur und Waldbesitzer kennt das aus eigener Anschauung.

Arg gelichtet

Seine 950 Hektar Wald von Gut Mitterau in Niederösterreich sind nach 15 Jahren Schädlingsbefall, Stürmen und Trockenheit schon arg gelichtet oder "teilweise zerstört", wie es auf der Homepage des Betriebs heißt. Die Holzausbeute sei auf 6.500 Festmeter pro Jahr gesunken und den Gewinn schmälere der unberechenbare Schadholzanteil. Auf dem Montecuccoli’schen Forstbetrieb stehen rund 40 Prozent Laub- und 60 Prozent Nadelbäume – Douglasien, Kiefern und die unvermeidlichen Fichten. Die immergrüne Fichte ist die dominierende Baumart in Österreichs Wäldern. Laut der aktuellen ­Inventur des Bundesforschungszentrums für Wald erreicht ihr Anteil an der ­Gesamtwaldfläche satte 57,4 Prozent.

Wirtschaftsbaum Fichte

Dieser hohe Anteil hat in erster Linie ökonomische Gründe. Ende des 19. Jahrhunderts erkoren Mitteleuropas Waldbesitzer die Fichte zum Wirtschaftsbaum schlechthin. Aus dem Holz der "Picea abies" ließ sich nicht nur vom Zahnstocher bis zum Dachstuhl, von der Violine bis zum Telefonmasten verdammt viel herstellen, es brannte auch noch gut, wuchs vergleichsweise schnell heran und benötigte wenig Nährstoffe. Die Fichte eignet sich als Christbaum und Rohstoff für Hustensirup ebenso gut wie als Schutz­waldbaum. Seit über hundert Jahren wird sie angebaut und abgeholzt. Es ist davon auszugehen, dass es in Österreich fast keine natürlichen Fichtenbestände mehr gibt, sondern in erster Linie Wirtschaftsreviere.

Kühl & feucht

Diese geraten immer mehr unter Druck. Steigende Temperaturen und lange Trockenperioden schwächen die Fichten so, dass sie sich nicht mehr gegen Schädlinge und Pilzbefall wehren können. Eigentlich lieben sie das kühle und feuchte Klima im Norden oder die Berghänge bis 1.000 Meter, mit Rekordtemperaturen in Tieflagen kommen sie nicht zurecht. Außerdem halten sie als Flachwurzler starkem Wind nicht stand, wie etwa 2018 dem Sturm "Vaia", der im Süden des Alpengebiets die Nadelbäume zu Hunderttausenden umlegte.

Besser durchmischen

Um kommende Zeiten mit warmen und trockenen Sommern abzufedern (im Alpenraum könnte ein Temperaturanstieg weitaus drastischer ausfallen als im globalen Mittel), empfehlen Forstwissenschaftler, wie etwa Robert Jandl vom Bundesforschungszentrum Wald, den Grundbesitzern die Schaffung von "artenreichen und stabilen Wäldern", in denen sich das Risiko "auf viele Säulen verteilt".

Alternativen

In tieferen Lagen müssen in Zukunft Bäume wachsen, die Hitze und Wind besser standhalten können, wie etwa Buche und Ahorn. Als Alternative zur Fichte in Schutzwaldzonen bieten sich einerseits die Tanne und andererseits die als besonders sturmresistent geltende Lärche an. Das Problem bei der Aufforstung mit diesen Sorten ist aber leider, dass sie als Babypflanzen dem Wild besonders gut schmecken. Fast noch besser als junge Fichten. Das musste man unlängst auch in einem Revier der Bundesforste im Salzburger Gasteinertal feststellen.

Wald oder Wild?

Drei große Föhnstürme hatten da in der Vergangenheit einen Schutzwald vernichtet, den der Eigentümer wieder aufforsten musste. Nur dort, wo sich der Rotwildbestand in Grenzen hielt, ist das auch gelungen. In einem Abschnitt des Tals, in dem Hirsche und Rehe dank der Wildfütterungsstation eines Hoteliers prächtig gedeihen, waren die mit großem finanziellen Aufwand gesetzten Junglärchen gnadenlos weggefressen worden. Nur noch einige verkrüppelte Fichtenbäumchen ließen sie übrig. An einem 40 Jahre alten Schutzwald haben die Tiere die Rinde weggefuttert, sodass die Stämme jetzt die "Braunfäule" haben und beim nächsten Sturm umgeworfen werden. Der Wald – er hat eben nicht nur mit Trockenheit und Insekten zu kämpfen. Er hat auch vierbeinige Feinde.

6 erstaunliche rund um den Wald

  1. Der Wald erwirtschaftet 12 Milliarden Euro Wertschöpfung pro Jahr.
  2. 47,9 Prozent beträgt der Anteil des Waldes an der Staatsfläche Österreichs.
  3. 300.000 Menschen leben von der Forstwirtschaft.
  4. 4 Millionen Hektar beträgt die Gesamtwaldfläche in Österreich.
  5. Es dauert 80 Jahre, bis eine Fichte gefällt wird.
  6. 2018 betrug der Holzeinschlag. 19,2 Millionen Festmeter, davon waren 10 Millionen Festmeter Schadholz.

Borkenkäfer - Gefahr für den Wald

Buchdrucker Ips Typographus

  • Gefährlichste Borkenkäfer-Art
  • Befällt hauptsächlich Fichten

Entwicklung des Borkenkäfers

  • Weibchen bohrt "Muttergang" und legt 20 bis 100 Eier.
  • Larve schlüpft, frisst 5 bis 6 Zentimeter langen Gang in den Rindenbast und zerstört dabei die Nahrungsleitungsbahnen des Baumes.
  • Larven verpuppen sich in der "Puppenwiege".
  • Fertiger Käfer schlüpft nach ein bis zwei Wochen.
  • Starker Befall nach Windbruch oder Dürre

Short Talk

DI Felix Montecuccoli, Präsident Land- und Forstbetriebe Österreich

Weekend: Was beschäftigt einen Interessenvertreter der Waldeigentümer derzeit am meisten?

Felix Montecuccoli: Der Klimawandel und seine Auswirkungen beschäftigen die Land- und Forstwirte in ganz Mitteleuropa. Und hierzu zählen nicht nur die Borkenkäfer-Schäden, auch Wetterextreme haben zu massiven Schäden im Wald geführt. ­Borkenkäfer, Windwürfe und Schneebrüche führen zur Ernte von nicht dafür ­vorgesehenen Beständen und gefährden den Schutzwald.

Weekend: Der deutsche Förster und Buchautor Peter Wohlleben kritisiert die "Fichtenplantagen" der Forstwirtschaft. Was sagen Sie dazu?

Felix Montecuccoli: Im 20. Jahrhundert galt die Fichte als der ideale Baum für Österreichs Wälder – und das zu Recht. Sie fühlte sich bei unserem bisher vorherrschenden Klima wohl. Mein Urgroßvater und mein Großvater haben keinen Fehler gemacht, indem sie Fichten gepflanzt haben. Aber – und das lässt sich nicht leugnen – heutzutage hat die Fichte Probleme. In Bergregionen und in niederschlagsreichen Stau­lagen wird sie jedoch weiterhin bestehen und sehr gute Bedingungen haben.

Weekend: Wohlleben schlägt eine ökologisch orientierte Waldbewirtschaftung vor. Es soll nur das wachsen, was Boden und Lage von sich aus ermöglichen …

Felix Montecuccoli: Verkürzte Ansätze werden den heutigen Anforderungen sicher nicht gerecht. Wälder nachhaltig zu bewirtschaften ist die beste Strategie zu ihrer Erhaltung. So hat etwa der heimische Wald in den letzten 50 Jahren um mehr als die Fläche Vorarlbergs zugenommen! Den Wald zu bewirtschaften, das Holz zu ernten und zu Produkten zu verarbeiten steigert das Klimaschutzpotenzial der Wälder und bringt auf Dauer mehr als Wälder unberührt zu lassen.