Saufgesellschaft: Lifestyle-Droge Alkohol

Jede/r 4. ÖsterreicherIn ist alkoholgefährdet. Das Feierabend-Bier hat trotzdem einen guten Ruf. Grund genug, um zu fragen: Sind wir alle Alkis?

Alkohol Gruppe Lokal - Cover
Jeder vierte Österreicher ist alkoholgefährdet Foto: kzenon/iStock/Thinkstock

"Der Kopf tut weh, die Füße stinken – höchste Zeit ein Bier zu trinken!" Wer in Österreich aufwächst, hat fragwürdige Trinksprüche wie diesen schon gehört – und vermutlich auch schon selbst mitgegrölt. Schlechtes Gewissen? Keine Spur! Es ist üblich, sich nach der Arbeit einen Gin Tonic einzuschenken und sich dafür in sozialen Netzwerken feiern zu lassen. Obwohl eine Studie vor Kurzem enthüllte: Schon ­geringe Mengen Alkohol, bereits ab 100 Gramm pro Woche, verringern die Lebens­erwartung.

Selbsttest

Die Gesellschaft interessiert das kaum: Laut Anton-Proksch-Institut konsumiert jeder Vierte Alkohol in gesundheitsgefährdetem Ausmaß. Ich bin neugierig und mache auf der Webseite den Test. Wie oft trinke ich mehr als sechs Getränke? Ich denke an die letzte Geburtstagsfete zurück und muss eingestehen: einmal pro Monat sicher. Und wie oft war ich nicht in der Lage, meine Aufgaben zu erfüllen? Na ja, der Haushalt hat am Wochenende schon mal gelitten. Das Ergebnis ist schockierend: Auch ich bin gefährdet, abhängig zu werden.

Schleichende Gefahr

Dass es jeden von uns treffen kann, wird mir noch bewusster, als ich Christine* (Name von der Redaktion geändert) bei einem Meeting der Anonymen Alkoholiker kennenlerne. Ihr Lebenslauf klingt nicht ungewöhnlich: Mit 14 Jahren probiert sie ihren ersten Drink, feiert von da an regelmäßig mit Freunden. Später verleiten sie ihre Arbeitskollegen und der Lebensgefährte immer wieder dazu, zur Flasche zu greifen. Bis sie schlussendlich ihren Job beim Punzierungsamt verliert: "Ich bin nicht mehr in die Arbeit ­gegangen, weil ich mit dem Trinken aufhören wollte und Angst hatte, in Versuchung zu kommen."

Schlüsselmoment

"Als ich bei einem Autounfall dann aber die Stoßstange verlor, ohne es zu bemerken, weil ich zu betrunken war, wurde mir bewusst, dass es so nicht weitergehen kann", gesteht sich die 51-Jährige heute ein. "Ich war lange Zeit zu schwach, um zu sagen: Ich will nichts trinken." Nach mehreren Rückfällen schaffte sie aber schlussendlich den Schritt zur Abstinenz und feiert heute, dass sie drei ­Jahre trocken ist.

Geburtstagsfest

Zum dreijährigen "Geburtstag", wie es bei den AA (Anonyme Alkoholiker) liebevoll genannt wird, hat Christine ein Buffet im Pfarrheim angerichtet. Wir sitzen auf einer langen Tafel, es sind etwa 15 Personen da. Am Anfang des Treffens werden die 12 Schritte vorgelesen, die jeder Monat für Monat durcharbeitet. Mein Nachbar beginnt und reicht mir das Schriftstück weiter, ich darf Schritt 2 vorlesen: "Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann." - "Danke, Tamara", sagen alle, als ich fertig bin, und ich fühle mich plötzlich stolz, etwas zum Treffen beigetragen zu haben – als würde mir die Gruppe Kraft verleihen.

Sich selbst spüren

Danach darf jeder sprechen, der etwas erzählen will. David* (Name von der Redaktion geändert) redet über seine geliebte Katze: "Fünf Wochen hat sie noch zu leben. Es wäre leiwand, sich selbst zu betäuben, um den Schmerz nicht mehr spüren zu müssen. Aber die Konsequenzen sind es einfach nicht wert." Nach eineinhalb Stunden ist das Treffen vorbei, und ich bekomme als Andenken das "blaue Buch" mit. Stolz trage ich es nach Hause, es steht "Anonyme Alkoholiker" drauf. Soll ­ruhig jeder sehen, denke ich – denn niemand ist vor der Sucht gefeit.

Verzicht

  • 1 Woche später: Sieben Tage nach Ihrem letzten Drink schlafen Sie besser und tiefer. Ihre Haut bekommt mehr Flüssigkeit, seit Sie auf Alkohol verzichten, und strahlt. Ihre Saufpickel sind verschwunden.
  • 1 Monat später: Ihre Fettleber hat sich um ca. 15 Prozent zurückgebildet. Sie haben Gewicht verloren, weil Sie nicht mehr so viel Hunger haben. Frauen, die Alkohol trinken, essen rund 30 % mehr als jene, die darauf verzichten.
  • 1 Jahr später: Gratulation, Ihre Lebenserwartung ist gestiegen!Das Risiko, an Krebs zu erkranken, sinkt.

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