Land der Trinker: Österreich gibt sich die Kante

Na, dann Prost: In Sachen Alkoholkonsum liegt Österreich im weltweiten Spitzenfeld.

Bier Alkohol Trachten
Rund 15 Liter Alkohol trinkt der durchschnittliche Österreicher im Jahr Foto: kzenon/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Die teuerste Sektflasche der Welt kam aus Österreich und war mit 6.600 Swarovski-Kristallen besetzt. Bei der Licht-ins-Dunkel-Gala 2018 ging sie um 10.000 Euro an den Bestbieter. Weitaus günstiger ist das, was sich Hermann G. (54) jeden Freitag als Wochenendration in den Einkaufswagen füllt. Es sind 40 Dosen Billigbier, zwei Liter Weinbrand und fünf kleine Magenbitter. Hermann G. ist geschieden, lebt von der Mindestsicherung und hat ein schweres Alkoholproblem. In seinem früheren Leben war er Versicherungsangestellter. Drei bis fünf Halbe am Feierabend, die Fußballplatzbesuche mit "Vorglühen" und die Lokaltouren am Wochenende waren die jahrelange Vorbereitung für den Totalabsturz, der dann kam, als er wegen seiner Scheidung auch im Büro zu trinken begann und nach etlichen "Einzelgesprächen" entlassen wurde.

Exportartikel

Der Edelsekt und das Billigbier markieren die zwei Pole der heimischen Alkoholkultur. Zu dieser gehören die Weinsommeliers des Landes mit ihrer metaphernverliebten Sprache ebenso wie die lallenden Alkoholleichen an den Bahnhofsvorplätzen. Österreichs Weine und Biere haben Weltgeltung und werden auch im Ausland gern konsumiert. Weniger gern gesehen sind dort die österreichischen Sauftouristen. Im italienischen Lignano belegt man sie jedes Jahr mit Ortsverbot wegen Grölens, Urinierens und schlimmerer Unflätigkeiten. Auch in Mallorcas "Ballermann" stehen die Ösis im Ruf von tüchtigen Komasäufern.

Überdurchschnittlich

Die Weltgesundheitsorganisation WHO verortet den Alkoholkonsum der Alpenrepublik im weltweiten Spitzenfeld. Laut dem im September 2018 veröffentlichten "Global status report on alcohol and health" konsumiert jeder Österreicher über 15 Jahre 11,6 Liter an reinem Alkohol jährlich. Die Männer trinken mit 18,5 Litern mehr als die Frauen, die bringen's auf vergleichsweise bescheidene 5,1 Liter Ethanol. Rechnet man die im Auslands­urlaub konsumierten Mengen dazu, sind wir bei zwölf Liter Alkohol pro Jahr und Nase. Rechnet man die Alkohol verweigernden Personen heraus, liegen wir bei 14,9 Liter Durchschnittskonsum. Die nicht abstinenten Männer kommen gar auf satte 21,1 Liter Reinalkohol – eine Menge, die immerhin rund 1.000 "Krügerl" entspricht. Die Frage, ob das "viel" ist, beantworte man sich selbst …

Grenzwerte

Jedenfalls liegt es weit über der Grenze dessen, was die Medizin als normalerweise unbedenklich für die Gesundheit bezeichnet. Nach der bei uns gültigen Empfehlung sollten Männer nicht mehr als 24 Gramm Reinalkohol pro Tag zu sich nehmen, Frauen die Hälfte davon. Das sind in Bier umgerechnet zwei Seidel für die Männer und eines für die Frauen. Außerdem sollte man, das raten die meisten nationalen Gesundheitsbehörden, zwei Tage pro Woche die Finger komplett von Wein, Bier & Co lassen. 12 Prozent der Bevöl­kerung Österreichs über 15 Jahren pfeift mit schöner Regelmäßigkeit auf ­diese Mengenempfehlung. Alkoholkrank, also abhängig, werden laut Weltgesundheitsorganisation 5,8 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher. Das sind immerhin an die 350.000 bis 370.000 Menschen.

Wenig abstinent

"Nur einer von fünf Österreichern lebt abstinent oder trinkt nicht mehr als maximal fünf mal pro Jahr", heißt es im Faktenblatt zur "Dialogwoche Alkohol", die 2017 stattgefunden hat. Darin ist auch das Trinkverhalten von Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren beschrieben. 2014 ergab eine Befragung, dass 16 Prozent nach eigenen Angaben mindestens einmal pro Woche Alkohol konsumieren. 30 Prozent gaben zu, schon einen Rausch gehabt zu haben, und 15 Prozent sind in den vergangenen 30 Tagen "fett" gewesen, wie es so schön heißt.

Weniger rauschig?

Erfreulicherweise sei der Alkoholkonsum unter der Schuljugend tendenziell im Abnehmen, heißt es in dem Dokument. "Wir haben den Höhepunkt beim jugendlichen Rauschtrinken schon überschritten", sagt der Wiener Suchtexperte Michael Musalek. "Allerdings", schränkt der Psychiater ein, "muss man sich das noch über einen längeren Zeitraum anschauen."

Konflikttrinken

Was die Gesamtmenge des von den Erwachsenen konsumierten Alkohols betrifft: Sie ist ab den besonders rauschhaften 1970er-Jahren zwar um 20 Prozent zurückgegangen, hat sich aber seit zehn Jahren auf hohem Niveau eingependelt. Die Neigung zum gewohnheitsmäßigen Trinken wächst mit zunehmendem Alter. Am höchsten ist das Risiko für Alkoholmissbrauch und den damit verbundenen gesundheitlichen Schäden in der Altersgruppe der 50- bis 60-Jährigen. Also in einem Lebensabschnitt, in dem die berufliche Belastung in der Regel besonders groß ist. Das "Runterkommen" nach Stress mittels Alkohol, um am nächsten Tag wieder besser zu funktionieren, ist ein weit verbreitetes Phänomen quer durch alle Berufsgruppen vom Fliesenleger bis hin zum Diplomaten.

Trinken und Politik

Auch das Politikermilieu ist anfällig für den vermeintlich entspannenden Griff zum Glas. Zur Belastung durch Termindruck und Redeauftritte, zum Ärger über parteiinterne Streitereien kommen auch noch die Repräsenta­tionspflichten. Keine Fest­eröffnung ohne Bieranstich, keine Einweihung ohne dargereichtes Schnapserl. Vor allem die Gemeinde- oder Landespolitik ist mitnichten eine trockene Angelegenheit. 1,5 Promille hat eine ÖVP-Bundesrätin und Lokalpolitikerin im Blut, als sie kurz vor Silvester die falsche Auffahrt erwischt und als Geisterfahrerin gegen einen Pkw kracht, dessen Insassen schwer verletzt werden. Die Politikerin gibt daraufhin ihre Ämter zurück. Monate zuvor wird ein Parteikollege und Landtagsabgeordneter mit zwei Promille erwischt. Auch er ist damit nicht nur seinen Führerschein, sondern auch sein Mandat los. Das sind nur zwei aktuelle Beispiele aus einer langen Reihe von Volksvertretern, deren Karriere durch einen Alkoholexzess beschädigt wurde. Eine Sauftour war auch der Grund für den Tod von Jörg Haider im Jahr 2008. Der damalige Kärntner Landeshauptmann und BZÖ-Chef hatte 1,8 Promille intus, als er mit Tempo 142 gegen einen Pfeiler raste.

Werbung für "Spritzer"

Weitaus mehr Glück hatte Wiens populärer Langzeitbürgermeister Michael ­Häupl mit dem Thema. Er schaffte es, sich mit seinem Ausruf "Man bringe den Spritzwein!" in den Zitatenschatz der Nation einzuschreiben. Zwei Monate nach Pensionsantritt warb er sogar als Testimonial für "Österreich Wein Marketing" für einen "G'Spritzten" ohne Schmafu und rein auf Wein-Wasser-Basis. Die Generation der nachrückenden Slim-Fit-Politiker ist da aus anderem Holz geschnitzt. Sie legt Wert auf sportliches Aussehen und ist allen Süchten grundsätzlich abhold. Bundeskanzler Sebastian Kurz (32) raucht nicht, trinkt keinen Kaffee und rührt tagsüber auch keinen Alkohol an. Kein Wunder, dass er Bundespräsident van der Bellen (74) bis heute nicht recht geheuer ist.

Short Talk

Prof. Michael Musalek, Leiter der Station für Alkohol-, Medikamenten- und Spielsucht, Anton Proksch Institut Wien

Weekend: Herr Professor Musalek, ich trinke täglich ein Bier vor dem Abendessen. An manchen Wochenenden kommt eine Flasche Wein dazu. Ist das noch okay?

Michael Musalek: Alkohol schädigt alle Körpersysteme, wobei natürlich die Dosis entscheidend ist. Mit einem Bier pro Tag liegen Sie sicher unter der Schädigungsgrenze, aber die Flasche Wein würde ich als suboptimal bezeichnen. Sie sollten wissen, ob sie problemlos alkoholfreie Tage einlegen können. Wenn das nicht der Fall ist, sind Sie unterwegs in Richtung "problematischer Konsum".

Weekend: Wie definieren Sie das?

Michael Musalek: Wenn Alkohol auf Dauer als Medikament zweckentfremdet wird, dann ist das problematisch. Die problematische Gruppe trinkt regelmäßig und in wirkungsorientierten Mengen. Ein gravierendes Ereignis wie Arbeitslosigkeit oder eine Trennung vom Partner kann dann eine Alkoholkrankheit auslösen.

Weekend: Wie sieht der typische Kandidat für eine Entziehungskur im Anton Proksch Institut aus?

Michael Musalek: Es gibt kein typisches Profil. Jeder, der zu lange zu viel trinkt, läuft Gefahr, alkoholkrank zu werden. Es gibt Menschen, die Alkohol nicht vertragen und die deshalb auch nie abhängig werden. Unter den Menschen mit einer guten Verträglichkeit sind jene, die eine positive ­psychische Wirkung mit dem Trinken erzielen, am meisten gefährdet.

Weekend: Sollte man Ihrer Meinung nach eine ­Gesundheitswarnung auf Flaschen und Dosen kleben?

Michael Musalek: Abschreckung bringt nicht viel. Wichtiger wären eine profunde Aufklärung und auch eine Einschränkung der Verfügbarkeit. Es ist ja irgendwie grotesk, dass man bei uns Alkoholika rund um die Uhr besorgen kann. Billige alkoholische Getränke, die ungesünder sind als teure, sollte man nicht mehr verkaufen.

Weekend: Apropos Aufklärung: Was sollte man wissen?

Michael Musalek: Zum Beispiel, dass Alkoholismus eine chronische Krankheit ist, bei der man bei langfristiger Behandlung zu 80 Prozent Symptomfreiheit erreichen kann.