Das Trump-Syndrom: Was steckt hinter der Narzissmus-Epidemie?

Mit perfekt inszenierten ­Selfies zeigen wir allen, wie geil wir sind. Noch nie war Selbstdarstellung so wichtig wie heute. Höchste Zeit, uns zu fragen: Sind wir alle Narzissten?

Selfie Paar Strand - Cover
Werbung in eigener Sache - wie viel Selbstliebe ist genug? Foto: criene/iStock/Thinkstock

Seit über einem Jahr ist Donald Trump bereits Präsident der Vereinigten Staaten und somit quasi der mächtigste Mann der Welt. Was wir in dieser Zeit gelernt haben: Der 71-Jährige verhält sich auffällig. Gerüchte, dass etwas mit seiner Psyche nicht stimme, gibt es mittlerweile zur Genüge. Und obwohl Ferndiagnosen in der Psychologie höchst umstritten sind, sehen sich immer mehr Experten in der Pflicht, vor dem Zustand des US-Präsidenten zu warnen. Die häufigste Diagnose: Er ist ein Narzisst "wie aus dem Lehrbuch".

Ohne Skrupel

Vielleicht denken Sie jetzt: „Ein bisschen Selbstliebe, na und? Ist das so schlimm?“ Nein, das nicht. Narzissmus ist allerdings viel mehr. Ein bisschen narzisstisch sind wir ja alle: Wir mögen es, geliebt, bewundert und begehrt zu werden. Das ist prinzipiell gut. Zu viel davon wird allerdings zum Problem: Denn dann liegt eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vor. Die Merkmale: Man hält sich für grandios, fantasiert von grenzenlosem Erfolg und manipuliert seine Umwelt, um exzessive Bewunderung zu erlangen. Bekommen Narzissten diese nicht, reagieren sie mit depressiven Schüben.

Karriere-Booster

Klingt nicht gerade nach dem besten Vorbild, oder? Und dennoch: Schaut man sich nach erfolgreichen Männern der Gegenwart um, bekommt man schnell das Gefühl, dass Narzissten so gut wie fast immer als Führungspersönlichkeiten gefeiert werden. Günter Stahl, WU-Professor für Internationales Management, nahm das zum Anlass, das Forschungsprojekt "Responsibility & Leadership" ins Leben zu rufen.

Alle Psychos?

Seine Vermutung: Viele Top-Manager, die wegen Betrugs oder Korruption verurteilt wurden, weisen ähnliche Persönlichkeitsstrukturen auf – und sind vielleicht nicht nur ausgeprägte Narzissten, sondern sogar Psychopathen. Der ­Unterschied: Während ein Psychopath schon immer so war, wie er ist – ein gefühlsloser, kalter, berechnender Gestörter, der auf seine Umgebung charismatisch wirkt – wird der ­Narzisst erst im Laufe seines Lebens so geformt.

Konkurrenzdenken

Das Ergebnis nach dem Durchforsten Tausender Seiten Gerichtsakten über Lehman, Bertelsmann & Co.: Alle ­verurteilten CEOs waren ausgeprägte Narzissten, die die Störung erst im Laufe ­ihrer Karriere entwickelten. Stahl nennt es das "Trump- Syndrom": Durch bestimmte Strukturen in Unternehmen, wie z. B. keine Diversität im Top-Management ("Alles mittelalte Herren, keine einzige Frau") oder eine sehr kompetitive Unternehmensstruktur wurde diese psychische Entwicklung laut Stahl herbeigeführt.

Selfie-Wahn

Übertriebene Selbstliebe und Ichbezogenheit sind allerdings nicht nur Merkmale, die in Unternehmenskulturen des 21. Jahrhunderts gefördert werden. Auch privat lassen wir uns immer mehr dazu hinreißen, schöne Selfies von uns zu schießen, um uns als besonders begehrenswert darzustellen. "Westliche Gesellschaften scheinen erhöhte Narzissmus-Werte in der Bevölkerung zu fördern", ist auch der deutsche Wissenschafter Stefan Röpke überzeugt. "Gezeigt hat sich dies in unserer Studie vorrangig für den sogenannten grandiosen Narzissmus, der durch starke Selbstüberschätzung gekennzeichnet ist." Häufiger betroffen sind übrigens Männer, dafür ­können sie aber nichts: Das Testosteron ist schuld.

Berühmte Narzissten

Der Geltungsdrang ist dabei wie eine Droge, die immer wieder höher dosiert werden muss, damit sie ihre volle Wirkung entfaltet. Zu beobachten: u. a. bei international mächtigen Politikern. Logisch: Narzissten drängen sich besonders gerne in ­Führungspositionen, weil sie entsprechende Prominenz in der Öffentlichkeit suchen. So lässt sich Putin gerne mit nacktem Oberkörper und Schießgewehr fotografieren, oder beim exzessiven Sport. Denn die Demonstration seiner körperlichen Stärke soll zugleich ein Beleg für die Dominanz des russischen Herrschers sein. Und auch der italienische Politiker ­Silvio Berlusconi macht mit Sprüchen wie "Keiner meiner Minister ist so gut bestückt wie ich!" regelmäßig auf seine narzisstischen Charakter­züge aufmerksam.

Sind Sie ein Narzisst?

Haben Sie bereits ein paar Arbeitskollegen oder Freunde im Verdacht, narzisstisch veranlagt zu sein? Kein Scherz: Wollen Sie einen Narzissten entlarven, gibt es laut Brad Bushman, Professor auf der Ohio State Universität, einen einfachen Weg. Fragen Sie ihn ganz unverschämt: "Auf einer Skala von 1 bis 7: Wie sehr stimmen Sie der Aussage zu Ich bin ein Narzisst?" Je narzisstischer eine Persönlichkeit ist, desto eher wird sie dieser Aussage selbstgefällig zustimmen. Denn selbst darauf ist der Narzisst stolz: dass er einer ist. So sieht er darin nichts, was er verleugnen müsste.