Nachwuchsregisseur im Interview

Einfach mal so einen Film drehen? BWL-Student und Nachwuchsregisseur Rafael Bettschart hatte eine Idee und hat sie prompt umgesetzt - ohne Förderungen und in nur zwei Wochen reiner Drehzeit.

Rafael Bettschart
Foto: Nicholas Bettschart

Weekend Magazin: Wie bist du dazu gekommen den Film zu drehen?

Rafael Bettschart: Ich habe die vergangenen Jahre immer, wenn ich Zeit hatte, an meinen Drehbüchern gearbeitet und hatte auch immer die Absicht, daraus Filme zu machen. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich meine Arbeit in Berlin beendet, um mich hauptsächlich dem Filmemachen zu widmen. Ich beobachte bei vielen Bekannten, dass sie, wenn sie älter werden, nicht mehr beruflich Umsteigen möchten. Um dieses Risiko zu vermeiden, habe ich einen klaren Schnitt gezogen.

Weekend Magazin: Wie ging es dir dabei ohne Ausbildung und Vorerfahrung in dem Bereich?

Rafael Bettschart: Gänzlich unerfahren war ich zum Glück nicht. Ich habe während der Schul- und Studienzeit mehrere Amateurprojekte gedreht und immer wieder einmal Image- und Werbefilme für StartUps gemacht. Dadurch hatte ich bereits einige Erfahrungen auf diesem Gebiet. Was mir wirklich geholfen hat, waren neben den Tipps von Freunden und Verwandten aus der Filmbranchen die Fachliteratur und Knowhow-Videos im Internet. Natürlich kann das eine Hochschulausbildung nicht ersetzen, aber es ist großartig, dass heute dieses Wissen so leicht zugänglich ist.

Weekend Magazin: Woher kamen dann Equipment, Schauspieler und die Finanzierung?

Rafael Bettschart: Das war natürlich eine komplizierte Angelegenheit. Eine gute Kamera ist unumgänglich, wir haben uns also ein Modell gemietet, wobei unser Kameramann Marco gute Kontakte hatte und den Preis deutlich drücken konnte. Sonstiges Equipment habe ich durch Deals mit Bekannten, Zusammengekratztes von Freunden und Mitgebrachtes vom Team zusammen bekommen. Wenn die Leute wüssten, womit wir teilweise gearbeitet haben ... Da war unser Improvisationstalent schon sehr gefordert.

Die Rollen habe ich online ausgeschrieben, nicht wissend, wie groß das Interesse an Independent Projekten sein würde. Es sind weit über 700 Bewerbungen hereingekommen. Ich habe dann potentielle Kandidat/innen zum Casting eingeladen und nach intensiver Auseinandersetzung gemeinsam mit dem Team die Entscheidungen getroffen. Dabei war natürlich auch eine Menge Glück mit im Spiel, wie sich nachher gezeigt hat. Und finanziert habe ich das ganze durch den Bankomaten.

Weekend Magazin: Wie hast du deine Schauspieler ausgesucht?

Rafael Bettschart: Nachdem die Rollen ausgeschrieben und konkrete Schauspieler-Kandidaten eingeladen worden waren, gab es drei Casting Runden, um ein Gefühl für die Zusammenarbeit zu bekommen. Erst wurde mit Text gearbeitet, dann improvisiert und schließlich habe ich mir die Dynamik zwischen den Schauspieler/innen angesehen. Als alles passte, gab es die Zusagen.

Weekend Magazin: Wie lange hast du für die Vorarbeit wie Drehbuch, Planung für den Film gebraucht?

Rafael Bettschart: Die Arbeit am Drehbuch erfolgte nebenberuflich in meiner Freizeit und hat netto vielleicht zwei Wochen gedauert. Da wir nur ein Budget von insgesamt 7000 Euro hatten und natürlich niemand für wenig Geld ewig arbeiten kann, musste die Drehzeit möglichst kurz gehalten werden, dafür heben wir etwa zwei Wochen benötigt. Unter einen Hut zu bringen, wer wann Zeit hatte und wann nicht, wer was wann anzuziehen hatte, und wie wir das Ganze auf die Reihe bringen war sehr planungsintensiv und hat insgesamt sicher einen Monat gedauert.

Weekend Magazin: Wie kann man sich vorstellen, dass du einen Film komplett frei von Förderungen in zwei Wochen gedreht hast?

Rafael Bettschart: Das erscheint mir aus heutiger Sicht selbst fast wie ein Rätsel. Aber es hat mit einem Mix aus intensiver Planung, guter Vorbereitung, ausgezeichnetem und kooperativen Team, präzisem Management sowie Problemlösungs-orientierter Haltung zu tun.

Weekend Magazin: Hast du Förderungen beantragt und nicht bekommen oder von vornherein darauf verzichtet?

Rafael Bettschart: Für jemanden wie mich, der seinen ersten Film gedreht hat, war der Förderungsdschungel recht undurchschaubar. Österreich ist ein tolles Förderland, doch leider ist es schwer für Erstlingswerke eine Förderung zu erhalten. Ich habe also nicht bewusst verzichtet, sondern habe eher vor der Komplexität des Systems kapituliert.

Weekend Magazin: Würdest du den Film genauso wieder machen?

Rafael Bettschart: Natürlich stehe ich voll hinter meinem Film, und genauso natürlich würde er beim zweiten Versuch besser gelingen. Wir hatten ja sehr wenig Ahnung. Es gab sehr viel positives, aber auch kritisches Feedback von Journalisten, Produzenten und Freunden, das ich berücksichtigen würde. Aber gedanklich und organisatorisch bin ich schon bei meinem nächsten Film.

Weekend Magazin: Wie siehst du dich in der Wiener Filmszene verankert? Gibt es die überhaupt oder kämpft eigentlich jeder für sich?

Rafael Bettschart: Ich bin ja noch ein Neueinsteiger. Sicherlich gibt es hier eine Community, doch wie stark diese wirklich zusammen hält, kann ich noch nicht beurteilen. Aufgefallen ist mir, dass ich immer wenn ich um Hilfe oder Unterstützung gebeten habe, diese auch bekommen habe - auch durch sehr prominente Regisseure, Schauspieler und Produzenten. Das hat mir sehr gut getan und gefallen.

Weekend Magazin: Was bedeutet der 2. Bezirk für dich?

Rafael Bettschart: Heimat und neuerdings auch Soja-Kaffee.

Weekend Magazin: Wie hast du die Veränderungen des Bezirkes für dich persönlich empfunden?

Rafael Bettschart: Ich wünsche mir ein Nebeneinander von Altem und Neuem. Keine Innovations- und Modernisierungswalze, die das Typische und Echte überrollt und zerstört. Als ich während meiner Zeit im Ausland ab und zu nach Wien kam, ist mir schon aufgefallen, dass es statt „ana Eitrige mit an Buckl und ana Hülsen“ plötzlich vegane Wraps und Bio-Bier gab. Ich dachte, wenn ich darüber lachen kann, dann möchte ich dieses Lachen weiter geben.