Liebe ja, Monogamie nein: Jeder mit jedem?

In Österreich gibt es eine Szene, die Monogamie ablehnt. Weekend Magazin-Redakteurin Tamara Hörmann wollte es genau wissen und hat sich eingeschlichen. Was sie dabei herausgefunden hat.

Liebe zu dritt
Mehrere Beziehungen gleichzeitig? Laut "Polys" ist alles möglich Foto: Anchiy/iStock/Thinkstock

Samstag, kurz nach 20 Uhr. Wir betreten eine öffentliche, gut besuchte Bar, in der die meisten Leute gerade an einem Cocktail nippen. Links hinten in der "Kuschelecke", unser vereinbarter Treffpunkt, schauen uns die Anwesenden gespannt an, als wir auf sie zusteuern. Ich bin überrascht: Thomas*, der Veranstalter des Treffens, sitzt neben vier Frauen im ­Alter zwischen 25 und 40 Jahren. Alle haben eine Kurzhaarfrisur, teilweise Piercings und bunt gefärbte Haare. Er checkt gleich ab: Wer von uns beiden ist wirklich an Viel­liebe interessiert und wer dient als Puffer? Ich oute mich, er erwidert: "Viele trauen sich anfangs nicht ­alleine. Das ist völlig o. k."

Jeder mit jedem

Schon von Kindesbeinen an lernen wir: Eine Beziehung führt man zu zweit. Da gibt es Mama und Kurt, Oma und Opa oder Papa mit Freund Freddie. Dass diese nicht immer halten, gehört zum Leben dazu. Der Grund ist oft derselbe: Untreue. In Österreich hat laut aktueller Statistik von C-Date bereits jeder Fünfte eine heimliche Affäre. Das lässt die Frage aufkommen: Sind wir für Monogamie vielleicht gar nicht geschaffen?

Born to be wild

Kritiker gibt es zur Genüge. Der Psychologe und Autor Christopher Ryan landete vor zwei Jahren mit "Sex. Die wahre Geschichte" einen Bestseller. Seine Überzeugung: Das ­Interesse an mehreren Partnern ist angeboren. Menschen jagten und sammelten, teilten aber nicht nur ihre Beute, sondern auch alles ­andere miteinander. Kinder wurden gemeinschaftlich großgezogen, und jeder hatte Sex, mit wem er wollte.

Kulturelle Erfindung

Erst mit dem Aufkommen der Landwirtschaft entstand die Lebensform der Monogamie, weil es zwar nicht für den Einzelnen, aber für die Gesellschaft besser war: Die Menschen konnten nur so wissen, wer ihre Kinder waren und wem sie ihre Besitztümer vermachten. Monogamie als kulturelle Erfindung, die unseren Grundbedürfnissen widerspricht – kann da tatsächlich etwas dran sein?

Undercover

Ich bin neugierig und möchte polyamor lebende Menschen persönlich kennenlernen, um mir ein Bild zu machen. Da in Wien monatlich ein Treffen in "party­artiger Gesprächsatmosphäre" stattfindet, trete ich mit dem Veranstalter in Kontakt, kassiere allerdings eine Absage. Niemand will mir ein Interview geben, Journalisten sollen sich von der Gruppe fernhalten. Also treffe ich eine Entscheidung: Ich gehe under­cover. Für einen Abend bin ich Verena, neugierig und Single, die mit einer Freundin im Schlepptau herausfinden will, ob Polyamorie etwas für sie ist.

Zeit zu dritt

Als "Neulinge" fragen wir munter drauf los und sind überrascht, wie ehrlich hier über Gefühle, intime Bedürfnisse und Sex gesprochen wird. Schnell zeigt sich, dass die ersten Schritte in die Polyamorie bei vielen dieselben waren: Durch eine Affäre oder eine offene Beziehung wurde ihnen klar, dass sie mehrere Personen gleichzeitig lieben können. Stolz erzählt Thomas von einer Vorzeige-Konstellation: Er kennt drei Menschen, die zusammen wohnen und in der Küche einen Plan an der Wand hängen haben, wann sie Zeit zu dritt verbringen, wann zwei von ­ihnen Exklusivzeit genießen und wann sich ­jemand in einer Einzelwohnung, die sie dafür extra angemietet haben, mit anderen vergnügen kann.

Mehr als Sex

Offiziell geht es bei der Vielliebe allerdings nicht um Sex: Personen, die polyamorös leben, führen Beziehungen mit mehr als nur einer Person gleichzeitig. Nicht jeder Beteiligte muss mehrere Partner haben und nicht jeder jeden persönlich kennen. Aber man weiß voneinander und akzeptiert sich gegenseitig. Der Grundgedanke: Liebe ist nicht exklusiv, denn ein Mensch kann nicht alle Bedürfnisse eines anderen ganz alleine erfüllen. Die Theorie findet Anklang: Schätzungen zufolge sind dieser Lebensweise in Österreich bereits mehrere Tausend "Polys" verfallen. Insbesondere in Wien und Graz hat sich eine lebendige Community entwickelt.

Matratzenlager

Je länger ich den "Polys" zuhöre, desto mehr habe ich jedoch das Gefühl, dass es doch vorrangig um körperliche Bedürfnisse geht als um emotionale. Ich erfahre, dass auch regelmäßige Treffen in einem Lokal stattfinden, das komplett mit Matratzen ausgelegt ist. Ich bin sichtlich überrascht, und um mich herum beginnen einige zu ­kichern – als würde ihnen der Gedanke gefallen, etwas Verbotenes zu tun. Thomas lebt bereits seit 15 Jahren polyamorös, hat momentan allerdings nur eine feste Partnerin. Rosi*, die neben ihm sitzt, stellt gleich richtig: "Vergnügen können wir uns aber auch jederzeit mit anderen." Angesprochen auf die etwas ­eigenwilligen Regeln dieses Zusammenlebens meint Thomas: "Die Grenzen werden immer wieder neu ausdiskutiert. Das ist ganz normal, weil sich die Bedürfnisse stets ändern."

Schnelles Goodbye

Um 22 Uhr verlassen wir das Lokal, mittlerweile tauschen knapp 20 Personen in der Kuschelecke ihre Erfahrungen aus. Es wird ­weder geknutscht noch gekuschelt. Viele fragen uns enttäuscht: "Ihr geht schon?" Ja, antworte ich mit einem etwas aufgesetzten Lächeln. Thomas hat uns allerdings durchschaut. "Ich weiß schon, du kommst nicht wieder. Deine Freundin vielleicht schon", sagt er zu mir. Stimmt, denke ich und winke zum Abschied.