Ungewollt kinderlos: Paare im Ausnahmezustand

Die Anzahl der künstlichen Befruchtungen steigt. Paare geraten durch eine IVF-Behandlung in einen ­Ausnahmezustand – psychisch und manchmal auch finanziell.

Baby Mutter Geburt - Cover
Immer mehr künstliche Befruchtungen - auch in Österreich Foto: kieferpix/iStock/Thinkstock

Meistens nennt sie ihr Baby Emma, wie die Schauspielerin Emma Stone. Die findet Sa­bine A.* hübsch und stark, ­außerdem hat sie eine ähn­liche Stupsnase wie sie selbst. Manchmal bekommt Sabine auch einen gesunden, kräftigen Jungen. Ihm gibt sie den Namen Anton, nach ihrem Großvater – nachts, wenn sie wachliegt und an das Kind denkt, das sie nicht haben kann. Jedenfalls nicht "einfach so", wie viele ihrer Freundinnen und Verwandten. Es ist so verdammt ungerecht. Sabine ballt ihre Hände unter der Decke zu Fäusten. Oder ist ihre Kinderlosigkeit in Wirklichkeit gerecht, die Strafe für eine Schuld? Vielleicht steht ihr ein Kind einfach nicht zu? Eine Frau zweiter Klasse, denkt Sabine verbittert. Nein, so schlecht darf ich nicht über mich urteilen, Sa­bine wird panisch, das ist ganz schlecht für meine Fruchtbarkeit! Entspann dich! Sie schüttelt die Hände und atmet tief durch. Emma. Anton. Es wird schon gut gehen, beim nächsten Versuch.

Magische Zahl Vier

Sabines nächster Versuch, durch IVF (In Vitro Fertilisation) schwanger zu werden, ist einer von gut zehntausend, die pro Jahr in Österreich durchgeführt werden. Zehntausendmal, in denen sich Frauen Hormone spritzen und Eizellen entnehmen lassen. Zehntausendmal, in dem unter dem Mikroskop ein Zeugungsvorgang mit dem Samen des Partners oder Spendersamen stattfindet. Zehntausendmal Hoffen und Bangen, ob sich ein Embryo entwickelt, der sich in die Gebärmutter einsetzen lässt. Und hier schrumpft die Zahl, aus zehntausend wird dreitausend. Bei dreitausend Frauen hat sich der Embryo eingenistet. Sie sind jetzt schwanger, schwanken zwischen sagenhafter Freude und der Angst, das Kind zu verlieren. Vier Versuche pro Frau sind theoretisch möglich, jedenfalls darf man die finanzielle Unterstützung durch den österreichischen IVF-Fonds viermal in Anspruch nehmen. Eine Voraussetzung: Die Frau darf nicht älter als 40, der Mann nicht älter als 50 Jahre sein. Das ist, nach heutigen gesellschaftlichen Maß­stäben, jung. Bei Sabine drängt die Zeit. Sie ist 35, als sich ihr Freund nach langer Beziehung von ihr trennt. 37, als sie ­ihren jetzigen Partner kennenlernt, 38, als sie die Pille absetzt. Mit 39 beginnt sie die IVF-­Behandlung. Sabine und ihr Mann verdienen gut, sie könnten sich weitere Ver­suche auch nach Sabines 40. Geburtstag leisten. Natürlich wünschen sie sich, dass es ­früher klappt.

Entspann dich mal

Denn nicht nur physisch ist so ein Behandlungszyklus belastend, auch Psychologen attestieren einen Ausnahmezustand. Der beginnt bei unerfülltem Kinderwunsch allerdings schon weit vor dem Entschluss, sich einer IVF zu ­unterziehen. Das persönliche Umfeld ist daran oft nicht unbeteiligt. "Typische Kommentare, die betroffene Frauen hören: Du musst loslassen, dann kommt alles von alleine, oder: Arbeite weniger und du wirst gleich schwanger", sagt die Wiener Psychologin Bettina Matt-Wurm. Sie begleitet in ihrer Praxis Frauen und Paare, die mit dem Thema konfrontiert sind. "Solche Bemerkungen können deshalb so verletzen, weil die Frauen bereits alles Mögliche tun, um schwanger zu werden." Früher sei man davon ausgegangen, dass ungewollte Kinderlosigkeit stark durch psychische Gründe verursacht werde. Bettina Matt-Wurm: "Heute weiß man, dass sie größtenteils auf organische Ursachen zurückzuführen ist und psychische Ursachen, nach heutigem Wissenstand, einen vernachlässigbaren Einfluss haben."

Stress statt Romantik

Für die Kostenbeteiligung an der Behandlung ist neben dem Alter eine medizinische Indikation notwendig. Dabei sind viele ungewollt kinderlose Frauen kerngesund – was ­ihnen fehlt, ist ein Partner. Auch bei Sabine ist es "verdammt knapp geworden", wie sie selbst sagt. Mit Ende Dreißig auf der Suche nach einem Partner und künftigem Kindsvater, das hat mit Romantik nicht mehr viel zu tun. Karin Z.* will kein Risiko eingehen. Mit 32 fasste sie den Entschluss, sich Eizellen entnehmen und diese ein­frieren zu lassen. Diese Kryokonservierung wird beispielsweise im Kinderwunschzentrum Döbling durchgeführt. Doch auch dafür muss ein medizinischer Grund vorliegen, weshalb Karins Eizellen im Ausland lagern – wo, will sie nicht sagen. Später einmal kann sie die Eizellen auftauen und befruchten lassen, mit dem Samen ihres zukünftigen Partners. Sollte sich dieser nicht materialisieren, erwägt Karin Spendersamen. Der lässt sich heute mit ein paar Klicks per Internet bestellen. Doch das ist wieder eine ganz andere Geschichte …

Wissenswertes

  • Was ist was? IVF = Eizelle und Sperma ­werden im Reagenzglas vermischt, ein Spermium dringt daraufhin in die Eizelle ein. ICSI = ein Spermium wird unter dem Mikroskop ­ausgewählt und in die Eizelle injiziert.
  • Medizinische Gründe für eine künstliche Befruchtung lagen zu 54 % nur beim Mann, zu 14 % nur bei der Frau und zu 31% bei beiden* (*lt. IVF-Register 2016).
  • Je nach Alter der Frau und Methode werden pro IVF-Versuch in einer öffentl. Krankenanstalt zwischen 2.648,30 Euro und 3.117,60 Euro fällig, privat ist es etwas mehr. Unter bestimmten Voraussetzungen werden 70 Prozent erstattet.

Short-Talk

Bettina Matt-Wurm, Psychologin

Was ist eine ­angemessene Reaktion, wenn im Umfeld eine Frau mit dem Thema ­konfrontiert ist?

Viele Frauen berichten, dass sie kein Mitleid, sondern Mitgefühl ­wollen. Ich rege die Frauen oft dazu an, ­einen selbstsicheren Umgang mit diesem Thema zu finden, denn wenn sie es nicht selber ansprechen, wird der Interpretationsspielraum den anderen überlassen. Eine ­mögliche gleichzeitige Grenzziehung wäre: "Ja, wir wünschen uns ein Kind und wenn sich etwas ändert, ­informieren wir euch darüber!"

Welche Phase ist bei der IVF am belastendsten?

Die meisten Frauen berichten, dass die 14-tägige Wartezeit nach dem Embryotransfer besonders belastend ist. In dieser Zeit wird jede körperliche Regung als mögliches Indiz interpretiert: schwanger oder nicht schwanger.