Ausnahmezustand als Chance für Bildungsreform

Kärntens Bildungsdirektor Robert Klinglmair spricht über die Chancen (etwa Teile der Bildungsreform voranzutreiben) der Coronakrise, aber auch die Risiken des "Distance Learnings" im Hinblick auf soziale Ungleichheiten.

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Kärntens Bildungsdirektor Robert Klinglmair: "Wir können die Krise als Chance nutzen!" Foto: LPD Kärnten/Helge Bauer

Seit zwei Wochen ist bei den Kärntner SchülerInnen "Distance Learning" angesagt. Nach Ostern soll der "normale" Schulbetrieb (zumindest etappenweise) wieder in Betrieb genommen werden; sicher ist das allerdings noch nicht. Es ist gut möglich, dass die Klassen länger oder gar bis zum Ende des Schuljahres leer bleiben, wird spekuliert. Was passiert also, wenn der Unterricht länger ausfällt und der Lehrplan nicht erfüllt werden kann? Immerhin lernen die Kinder und Jugendlichen im Homeschooling-Modus aktuell keinen neuen Stoff, sondern sollen das bereits Gelernte vertiefen. Kärntens Bildungsdirektor Robert Klinglmair dazu: "Da wir noch nie in einer solchen Ausnahmesituation waren, gibt es auch kein fertiges Konzept, das aus der Schublade gezogen werden kann. Um ein Schuljahr positiv abschließen zu können, gibt es je nach Schultyp und Lehrplan entsprechende Verordnungen, etwa wie viele und welche Prüfungen abgelegt werden müssen. Manche SchülerInnen hatten ja in diesem Semester noch gar keine Schularbeiten und dafür gilt es eine österreichweit einheitliche Lösung zu finden. Analoges gilt für die Zentralmatura, die ordnungsgemäß über die Bühne gebracht werden muss; den krönenden Abschluss einer mehrjährigen Ausbildung sind wir unseren Schülerinnen und Schülern schuldig."

Gut angelaufen

Insgesamt sei das "Distance Learning" aber sehr gut angelaufen, betont der Experte. Die Mehrheit der PädagogInnen ist hochmotiviert und versorgt die SchülerInnen mit den notwendigen Übungsmaterialien für zu Hause. Lediglich 150 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren (von rund 41.700) werden derzeit kärntenweit in Schulen betreut, weil ihre Eltern arbeiten müssen bzw. keine anderweitige Betreuung organisieren können. Probleme ortet Klinglmair aber dennoch auf mehreren Ebenen. "Einerseits greifen derzeit österreichweit alle SchülerInnen auf diverse Lernplattformen zu, deren technischen Kapazitäten nicht auf einen solchen Ansturm ausgerichtet und diese daher zum Teil überlastet sind." Das zweite Problem sei die Belastung der Eltern und der Spagat zwischen Home Office und Unterstützung der Kinder. "Vor allem die soziale Ungleichheit macht mir hier Sorgen. Manche haben gar keinen Drucker oder nur einen Laptop Zuhause, der vielleicht auch von einem Elternteil für berufliche Zwecke verwendet werden muss. Viele können sich nicht einfach kurzfristig entsprechendes Equipment anschaffen. Auch die Kosten für das Ausdrucken der Unterrichtsmaterialien ist eine zusätzliche Belastung." Zudem auch die Tatsache, dass gerade Eltern von bildungsfernen Schichten einfach nicht in der Lage sind, ihre Kinder bei der Vertiefung des Stoffes zu unterstützen, macht ihm Kopfzerbrechen. Die Kinder, die ohnehin zur Risikogruppe gehören, seien gefährdet. "Wir müssen hier aufpassen, dass die Kluft sich nicht manifestiert oder gar vergrößert", appelliert Klinglmair.

Nach der Krise

Trotz des Ausnahmezustandes muss im Hintergrund die Planung des nächsten Schuljahres auf Hochtouren weiterlaufen und hier hofft Klinglmair von der Krise profitieren und die Bildungsreform (oder Teile davon) schneller vorantreiben zu können. "Die Krise hat uns vor Augen geführt, dass gerade beim Thema Digitalisierung auf jeden Fall Handlungsbedarf besteht. Die Frage ist, wird man die Gunst der Stunde nutzen, um gewisse Dinge rascher weiterzubringen!?"

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Nicht alle Eltern können derzeit ihre Kinder im Homeschooling unterstützen Foto: Modelfoto: Colourbox.de

Vorbehalte gebildet

Modernisierungs- und Changeprozessen wird oftmals mit großen Vorbehalten begegnet, das erfährt der Bildungsdirektor seit der ersten Stunde in seinem Amt. Beim Interview mit dem Weekend Magazin Kärnten im Februar sprach er von einer notwenigen "Kuchenumverteilung" im Sinne verbesserter Chancengerechtigkeit. Doch schon die Erhebung von Einsparungspotenzialen – notwendigerweise auch trotz der aktuellen Herausforderungen, damit es nicht heißt, nach der Krise ist vor der Krise – stößt auf Proteste. "Als Dienstgeber, der vom Steuerzahler bezahlt wird, nehme ich mir jedoch das Recht heraus, zu sondieren, wo überhaupt Einsparungspotenziale liegen. Ich möchte zum Beispiel wissen, wo pädagogisch vertretbar Klassen zusammengelegt werden könnten, um Ressourcen freizuschaufeln, die wiederum für die Förderung von RisikoschülerInnen genutzt werden können. Doch schon dieser Schritt hat für Wirbel gesorgt", ist Klinglmair erstaunt appelliert darauf, gemeinsam eingefahrene Usancen aufzubrechen.