Kommentar: Über die kollektive Negativität

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Foto: Montage Chris Zenz

Ich muss Sie warnen. Jetzt wird´s ein wenig philosophisch. Und ein Schuss Esoterik ist auch dabei. Und obendrein ist es etwas länger. Und wer sich nicht für Gedankenexperimente interessiert, sollte lieber hier aussteigen.

Wir haben in diesen Zeiten ja Zeit. Lassen wir uns also ein wenig auf die Weltreligionen Katholizismus und Buddhismus ein. In beiden Religionen gibt es so etwas wie eine „Drohbotschaft“. Während diese im Katholizismus recht simpel anmutet: „Wer sündigt, kommt in die Hölle“ und sich damit eher auf das Jenseits bezieht, steht im Buddhismus das Diesseits im Fokus: „Wer negative Handlungen setzt, wird negative Handlungen zurückbekommen“, was nichts anderes bedeutet als das gute alte: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

In allen bekannten Religionen gibt es ähnliche Grundsätze, die nichts anderes besagen, als man solle ein guter Mensch sein und positive Akzente setzen. Nur dann winke einem das Paradies, das Nirvana, die ewigen Jagdgründe oder welch magischer Ort auch immer. Entscheidet man sich als Mensch aber für die dunkle Seite, habe das entsprechend negative Konsequenzen.

Wir alle kennen das ja aus unserer eigenen kleinen Welt. An manchen Tagen stehen wir mit dem falschen Fuß auf, der Kopf ist vom Zähneputzen weg voller negativer Gedanken, man weiß, dass das ein gebrauchter Tag wird, an dem man gar nicht vor die Tür gehen sollte. Wir tun es trotzdem und es kommt das, was kommen musste: ein gebrauchter Tag. Aber dann gibt es zum Glück auch jene Tage, an denen schon das Frühstückskaffee-Häferl halb voll und nicht halb leer ist. Diese Tage verlaufen dann entsprechend positiv, voll mit guten Erfahrungen. Wir schließen daraus: Die Einstellung scheint ein wichtiger Baustein um das Ringen zwischen Glück und Unglück zu sein.

»Erwarten Sie keine Moral voller Hoffnung. Die Menschen sind schlecht. Man muss sie um dessentwillen lieben, was sie sein könnten, nicht um willen dessen, was sie sind.« Jean-Paul Sartre, Entwürfe für eine Moralphilosophie

 

Nun, jetzt gehen wir einmal davon aus, dass es auch bei Weltreligionen so etwas wie Schwarmintelligenz gibt. Wenn alle Religionen im Grundsatz das gleiche postulieren, nähert man sich möglicherweise der Wahrheit, so es sie gibt, zumindest an. Gut, dann lasst uns diese Erkenntnis ein Stück weiter denken. Wenn es so etwas wie individuelle negative Handlungen gibt, dann kann es auch kollektive negative Handlungen geben, was ja nichts anderes ist als die Summe der einzelnen Handlungen. Das würde bedeuten: Individueller Negativismus führt zu kollektivem Negativismus. Setzt also eine ganze Gesellschaft negative Handlungen, bekommt sie diese wie bei eine Art Bumerang bretthart zurück. Anders ausgedrückt: Wie die Menschheit in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Beispiele dafür finden wir in unserer jüngeren Geschichte sonder Zahl. Denken wir nur an die 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Der Nationalsozialismus war wohl so etwas wie die Mutter aller Negativität. Ausgrenzung und Bösartigkeit wurden zum kollektiven Bewußtsein. Der Bumerang für all diese Negativität war der Zweite Weltkrieg mit Millionen von Toten. Nur wenige Jahrzehnte davor führte der exzessive Nationalismus in den Ersten Weltkrieg – ebenfalls mit Millionen von Toten.

In den letzten Jahren fühlten sich viele Menschen an diese Zeiten erinnert. Weltweite Spaltung, Hetze und Bösartigkeit machten die Menschen unglücklich, obwohl wir – zumindest in der westlichen Welt – einen nie dagewesenen Wohlstand erlebten. Und plötzlich platzt in unsere heile, aber mit kollektiver Negativität durchtränkte Welt der Corona-Virus. Ob Ihr Nachdenken an dieser Stelle aufhört, so wie dieser Text, sei Ihnen überlassen. Ich schließe mit einem Brecht-Zitat, mit dem Marcel Reich-Ranicki stets das Literarischen Quartett beendete:

„Und so sehen wir betroffen Den Vorhang zu und alle Fragen offen“