Kommentar: Stimmungsschwankungen in Zeiten der Krise

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Foto: Montage Chris Zenz

Zumindest auf Social Media spüre ich recht wenig von der von Mathias Horx prophezeiten neuen Liebeswelle. Aktuell fühlt sich das eher wie ein Tsunami an. Da treffen Verschwörungstheoretiker auf bedingungslos Regierungsgläubige, Wirtschaftsliberale auf intellektuelle Romantiker und betont Mutige auf eher Ängstliche. Meist hat das Qualtinger’sche Brutalität zur Folge. Ich lese auch immer öfter, wie stolz man sei, endlich seine Kontakte entrümpeln zu können. Jetzt habe man Zeit, diese ganzen Idioten, die man eh schon immer rausschmeißen wollte, aus seiner Timeline zu entfernen. Das muss dieser neue Zusammenhalt über alle geistigen Grenzen hinweg sein, von dem so viele Mitbürger faseln.

Man hat nicht das Gefühl, dass die beschriebenen Gruppen vorurteilsfreier aufeinander zugehen. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Offenbar hat die Menschen eine Art apokalyptische Endzeitstimmung erfasst, die sie dazu verleitet, noch stärker ihr Innerstes nach außen zu kehren. Frei nach dem Motto „Jetzt is eh scho wurscht, jetzt brauch i nimmer kuschen“ lassen manche ihren Aggression freien Lauf und verteidigen mit Zähnen und Klauen jede noch so krude Theorie über das Entstehen oder die Verbreitung von Corona.

Damit will ich keineswegs sagen, dass man über das Krisenmanagement der Regierung nicht diskutieren darf, oder so manche Handlung nicht in Frage stellen soll. Wir müssen weiter wachsam bleiben, weiter kritisch sein, dürfen uns nicht vom Krisensprech mancher Politiker einlullen lassen.

Ein wenig scheint die Stimmung ohnehin zu kippen. Während vor einer Woche noch alle begeistert nach noch drastischeren Maßnahmen (totale Ausgangssperre) riefen, melden sich immer öfter Mahner zu Wort, die vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch warnen. Es ist natürlich problematisch, Menschenleben gegen wirtschaftlichen Erfolg aufzurechnen. Aber kann nicht auch ein ökonomischer Kollaps Menschenleben kosten? Vielleicht haben wir uns vom Krisenmodus zu sehr vereinnahmen lassen? Haben wir die Gesamtverantwortung des Gemeinwohls an Virologen und Epidemiologen ausgelagert?

Ich denke, man darf diese Fragen stellen, ohne verbal niedergeknüppelt zu werden. Auch wenn man kein Virologe ist. Eine Gesellschaft braucht auch in Zeiten der Krise den offenen Dialog. Ohne Aggressionen und vorurteilsfrei. Lasst auch die Mahner zu Wort kommen und streicht das Wort „alternativlos“ aus dem Diskurs.

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