Kommentar: Sebastian Kurz zwischen Liebe und Hass

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Foto: Montage Chris Zenz

Der Kanzler stellt etwas oder sich selbst dar. Das liegt im Auge des Betrachters. Die eigene Sozialisation ist dafür ausschlaggebend, ob man einen Politiker verehrt oder verabscheut, ob man ihm Leadership oder Selbstdarstellung attestiert. Die starke Persönlichkeit des Kanzlers tut das übrige dazu und trägt zur Polarisierung bei, eine schwache ist einem ja ohnehin wurscht. Die Corona Krise hat diese reflexartigen Stereotypen gehörig durcheinander gewirbelt. Plötzlich loben deklarierte Kurz-Verächter den Kanzler für sein straightes Auftreten und seine selbstlose Kommunikation. Die Verehrung der schon immer Begeisterten hat sich derweil ins Unermessliche gesteigert. In den letzten Tagen haben wir uns wieder etwas dem Prä-Corona-Zustand angenähert. Das mag auch an der inflationären Abhaltung von Pressekonferenzen liegen.

Diese geistige Beschränkung auf das Lieben oder Hassen verstellt uns beim Versuch einer objektiven Beurteilung die Sicht. So wie ein Kirchturm, betrachtet von verschiedenen Seiten, immer ein wenig anders aussehen wird, ist es auch mit der Beurteilung von Politikern. Am Ende kommt es auf den Blickwinkel an, oder auch: Der Standort bestimmt den Standpunkt.

Einige Dinge lassen sich aber, denke ich, zweifelsfrei feststellen, egal von welcher Richtung aus man auf die Arbeit der Bundesregierung blickt. Kurz hat als einer der ersten in Europa auf die Corona-Bedrohung reagiert. Er hat schnell und mit aller Härte Maßnahmen durchgepeitscht, die wir vor einem Monat noch für unmöglich gehalten hätten. Er und seine Minister haben klar und schnörkellos kommuniziert. So wurde Österreich zum europäischen Vorreiter in Sachen Corona-Bekämpfung.

So weit, so gut. Seit einigen Tagen treten aber immer mehr Menschen auf den Plan, die den Shut Down hinterfragen, die auf die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen verweisen. Schließlich werde auch ein ökonomischer Zusammenbruch Menschenleben kosten, sagen sie. Man müsse von der eindimensionalen Bekämpfung der Krise wegkommen und auch andere Faktoren mit einbeziehen. Ganz fern bin ich dieser Ansicht nicht. Es konnte mir immer noch niemand schlüssig erklären, warum die Isolierung der gefährdeten Gruppen bei gleichzeitiger Wiederaufnahme des öffentlichen und damit wirtschaftlichen Lebens nicht auch ein taugliches Konzept sein kann.

Wenn der Kanzler klug ist, wird er demnächst Phase 2 einläuten und das als Teil seines großen Masterplans verkaufen. Es ist nämlich blauäugig zu glauben, dass wir das Virus aussitzen können. Zumindest erklären uns das die Virologen so. Wir werden damit so lange leben müssen, bis ein Wirkstoff gefunden wurde. Das kann dauern. Wir sollten bis dahin von der Welt, wie wir sie kennen, noch etwas übrig lassen. Apocalypse now – oder etwas später? Das ist die Frage.

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