Kommentar: Journalistenbeschimpfung

Man kann und darf Peter Handke in vielerlei Hinsicht kritisieren. Aber nicht dafür, dass er beim Dichter-Schlammcatchen nicht mitmachen wollte.

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Foto: Montage Chris Zenz

Ich gehöre zu jenen, die sich um Peter Handke redlich bemüht haben. Und es begann ja auch durchaus verheißungsvoll. Wie so vielen fiel mir zunächst „Wunschloses Unglück“ in die Hände. Verschlungen. Begeistert. Hin und weg. Ein Meisterwerk. Dass der damals noch blutjunge Peter Handke damit den dichterischen Höhepunkt erreicht hatte, konnte freilich niemand ahnen. Leider war es so. Ich habe es in den Jahren danach immer wieder mit ihm versucht. Außer sprachlicher Manieriertheit und gähnender Langeweile kam vom stets gefeierten Schriftsteller nichts mehr. Mein letzter Versuch datiert aus dem Jahre 2007: „Kali. Eine Vorwintergeschichte“. Der Titel war Programm. Spröde, nichts sagend, stifteresk. Für mich war damit das Kapitel Handke endgültig geschlossen.

Und jetzt der Nobelpreis. Wie wir Österreicher halt so sind, freuen wir uns zunächst immer, wenn einer von uns was gewinnt – auch ich. Nur wenig später stellen wir dann aber die Frage: Hat der sich das überhaupt verdient? Nun, die Antwort darauf ist komplex und überlasse ich lieber den Handke-Verehrern. Mich darf man zu diesem Thema (siehe oben) nicht fragen. Zweifellos muss man dem Vielschreiber Handke aber zugestehen, dass er über die Jahrzehnte sein Publikum in den Bann zog. Er wurde in zig Sprachen übersetzt und schrieb und schrieb und schrieb.

Mittlerweile scheint die Stimmung endgültig umgeschlagen zu sein. Von der anfänglichen, von ehrlichen patriotischen Gefühlen geleiteten Freude ist nicht mehr viel übrig. Moralisch sei der Großschriftsteller nicht gefestigt genug. Was hat sich die Jury dabei nur gedacht? Einer, der Serbien verteidigt. Das geht ja gar nicht.

Und jetzt hat er auch noch uns Journalisten beleidigt. Weil er sich doch tatsächlich auf eine Balgerei mit dem Kollegen Saša Stanišićs nicht einlassen wollte. Weil er schlicht bei der Banalität, mit der sich unsere Zunft tagtäglich beschäftigt, nicht mitmachte. Es ging ja nicht darum, dass er nicht über Serbien reden wollte, sondern die in Griffen anwesenden Journalisten wollten tatsächlich nichts anderes sehen, als ein wenig Dichter-Schlammcatchen, in der einen Ecke der Literatur-Nobelpreisträger, in der anderen der Deutsche Buchpreisträger. Der Plan ging nicht auf. Als der Gong ertönte, drehte Handke auf dem Absatz um und schlug den Kollegen das Gartentürl vor der Nase zu. Na bumm, der traut sich was. Man ist entsetzt. Vor allem zornig. Die brüskierten Journalisten reagieren mit Unverständnis und hauen Handke Sätze wie „Wer in die Küche geht, muss die Hitze vertragen“ um die Ohren. Oder noch schlichter: „So ein Trottel“, wie Robert Misik auf Twitter trotzig formuliert.

Nun, ich möchte keinesfalls in den Verdacht geraten, Handkes Werk oder gar seine Haltung zu Serbien zu verteidigen. Aber was ich sehr wohl verteidige ist sein Verhalten uns Journalisten gegenüber. Da bekommt einer die höchste literarische Auszeichnung der Welt verliehen und wird dann von einer Meute Journalisten überfallen, die null Interesse an seinem Werk zeigt, vielmehr nur eines im Schilde führt, nämlich ihn vom dichterischen Olymp auf die kärntnerische Niedertracht hinunter zu ziehen. Handke hat sich das nicht gefallen lassen. Das gefällt mir.

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