Kommentar: Die Moral ist ein gedankliches Dickicht

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Foto: Montage Chris Zenz

Nachdem die Bevölkerung zunächst den Shutdown geradezu euphorisch begrüßte, mehren sich jetzt, da die desaströsen wirtschaftlichen Ausmaße allmählich ins Bewusstsein dringen, jene Stimmen, die der Regierung unnötige Panikmache vorwerfen. Die Angst vor dem Virus weicht also der Angst um die Existenz. Die Summe der Angst scheint aber konstant zu bleiben. Das hat was Beruhigendes. Jene, die den Shutdown nun kritisieren, argumentieren damit, dass die prognostizierte Wirtschaftskrise viel mehr Opfer fordere als das Virus selbst und dass man mit den Maßnahmen deutlich übers Ziel hinausgeschossen sei. Sowohl die Shutdown-Verteidiger als auch die Kritiker wähnen selbstredend die Moral auf ihrer Seite.

Vermeintlich geht es bei der Coronakrise um Schadensbegrenzung. Welches Modell ist dazu geeignet, möglichst vielen Menschen das Leben zu retten. Je näher man sich mit den Folgen oder Nichtfolgen beschäftigt, desto undurchdringlicher wird das moralische Dickicht. Ein wenig Licht ins Dunkel kann man vielleicht dann bringen, wenn man die folgenden Fragen für sich beantwortet:

  • Wäre der Shutdown auch dann gerechtfertigt gewesen, wenn wir im Vorhinein gewusst hätten, dass nur ein einziger Mensch durch das Virus ums Leben kommt und nur durch diese Maßnahme hätte dieser eine Mensch gerettet werden können?
  • Wenn nein: Ab welcher Anzahl an Toten wäre selbiger vertretbar?
  • Angenommen man wüsste sicher, dass die nachfolgende Wirtschaftskrise mehr Todesopfer fordert als das Virus selbst. Soll man daher jetzt die kleinere Zahl an Menschen opfern, um später mehr Tote zu verhindern?
  • Wäre es auch dann zum Shutdown gekommen, wenn sich nur Asylwerber mit dem Virus infizieren könnten oder hätte man diese Gruppe dann einfach unter Quarantäne gesetzt?
  • Wie wäre die Stimmung im Land, wenn man wegen der „paar Asylwerber“ das Land zugesperrt hätte?
  • Man steht vor folgender Entscheidung: ich kann einem Menschen sofort das Leben retten, laufe aber Gefahr, dadurch den Tod von drei anderen zu verursachen. Rette ich den einen trotzdem und überlasse die anderen drei dem fast sicheren Tod?
  • Sind drei Menschenleben mehr, weniger oder gleich viel wert als eines?
  • Ist das Leben eines 20-jährigen mehr wert als das Leben eines 85-jährigen?

Nun, das mit der Moral scheint also eine komplizierte Sache zu sein. Jedenfalls muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Regierung eine äußerst schwierige Entscheidung zu treffen hatte. Ich bin froh, dass nicht ich Gott spielen musste.

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