Kommentar: Die janusköpfige Regierung

Janus war ein römischer Gott, der die Dualität symbolisiert: Schöpfung/Zerstörung, Leben/Tod, Licht/Dunkelheit. Die österreichische Bundesregierung erinnert in vielem an diesen Gott.

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Foto: Montage Chris Zenz

Da ist zum einen das sachliche Gesicht. Natürlich kann man über jede Maßname von Türkis-Blau trefflich streiten. Was bringt die Zusammenlegung der Kassen? Hätte der Familienbonuns auch die geringeren Einkommensbezieher stärker entlasten sollen? Wird die Anpassung der Familienbeihilfe für EU-Ausländer halten? Die Zufriedenheit der Österreicher mit der Regierung resultiert aber vor allem daraus, dass man den Eindruck hat, es wird gearbeitet. „Messen Sie uns an unseren Taten“, postuliert Bundeskanzler Kurz immer wieder.

Anpatzer 

Das zweite Gesicht der Regierung ist freilich ein anderes. Da werden bewährte Institutionen wie etwa die Caritas verbal sturmreif geschossen, Journalisten wegen „Unbotmäßigkeit“ attackiert oder Minderheiten angegriffen. Bisher war das vor allem die Domäne der FPÖ. Nun beginnt aber auch der Kanzler, zunehmend die Ebene der Sachlichkeit zu verlassen. Sein Sager über die Aufstehgewohnheiten der Wiener war nichts anderes als ein „Anpatzen“ der rot-grünen Stadtregierung, etwas, das er bei anderen immer anprangert. Schon klar, nächstes Jahr finden in der Bundeshauptstadt Wahlen statt. Als Bundeskanzler sollte er es aber tunlichst vermeiden, sich in die Untiefen eines Regionalwahlkampfes hineinziehen zu lassen. Worte sind zwar keine Taten, tragen aber viel zum Klima in einem Land bei. Die Regierung hat es in der Hand, Gegensätze abzubauen anstatt immer neue Gräben aufzureißen. Nur so würde es gelingen, die zwei Gesichter zu einem zu verschmelzen.

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