Das Kreuz mit der Kirche

Weltweit bringen die Missbrauchsskandale die katholische Kirche unter Druck. Wird es Franziskus gelingen, den schwerfälligen Dampfer auf Reformkurs zu bringen?

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Die Abschaffung des Zölibats - zum Greifen nah? Foto: Photoboyko/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Hat er oder hat er nicht? Ganz Australien diskutierte leidenschaftlich über diese Frage. Die Geschworenen des Gerichts in Melbourne befanden, er hat – und sprachen Kurienkardinal George Pell einstimmig des Kindesmissbrauchs schuldig. Pell, der bis vor dem Prozess als Finanzchef des Vatikans die Nummer drei der Weltkirche war, soll 1996 in einer Kammer der Kathedrale in Melbourne zwei Chorbuben sexuell missbraucht haben. Sechs Jahre muss der 77-jährige Kleriker, der stets seine Unschuld beteuert hatte, hinter Gitter, wenn es seinen Anwälten nicht gelingt, eine Revision des Urteils zu erreichen.

Hat er oder hat er nicht?

Das fragte sich auch das Kirchenvolk in Österreich in Bezug auf Alois Schwarz, den ehemaligen Bischof der Diözese Gurk-Klagenfurt. Bei dem im Vorjahr nach Niederösterreich (straf)-versetzten Kirchenmann steht allerdings kein Sexualverbrechen im Raum, sondern nur der Bruch des Zölibats. Schwarz, der 17 Jahre lang die Diözese in Kärnten leitete, wird ein zu nahes Verhältnis zu einer Erwachsenenbildnerin aus Salzburg nachgesagt. Kirchenintern wurde sie "Frau Bischof" genannt, und auch von einem "Küchenkabinett" war die Rede. In einem offenen Brief forderte Gerda Schaffelhofer, langjährige Präsidentin der "Katholischen Aktion", ihren ehemaligen Studienkollegen Alois Schwarz auf, Farbe zu bekennen. "Wenn du ihr wirklich gehörst, wäre es anständig und angebracht, die Konsequenzen aus dieser Liebe zu ziehen", schrieb die honorige Theologin. Schwarz betont, den Zölibat stets respektiert zu haben.

Papst entscheidet

Die Causa Schwarz liegt nun in Form eines nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Prüfberichts auf einem Schreibtisch im Vatikan und wird dem Papst vorgelegt werden. Der muss dann entscheiden, ob der Kirchenmann weiterhin als Bischof in St. Pölten tragbar ist oder auf einen Posten gehievt wird, auf dem er nicht wieder seine Mitarbeiter auf die Barrikaden bringt. Der Fall, alles in allem mehr eine Pfarrer-­Soap als ein düsterer Kriminalfall, ist für die Kirchenleitung in Rom nicht angenehm, aber eher Peanuts im Vergleich zur Zwangslage, in die sie die vielen Missbrauchsfälle der Vergangenheit bringen.

Missbrauchsgipfel

Erst ein paar Wochen ist es her, dass Franziskus die Leiter der Bischofskonferenzen zu einem großen Antimissbrauchsgipfel nach Rom zitierte. Es ging darum, eine Krise zu managen, die von der Kirche bisher weitgehend verleugnet wurde. Und um ein Phänomen, dessen schieres Ausmaß erschreckend ist. Allein in den USA, das haben die dortigen Oberen zugegeben, haben seit den Fünfzigerjahren fast 7.000 Priester Kinder missbraucht, das sind sechs Prozent aller US-Kleriker. Walter Robinson, Investigativjournalist beim "Boston Globe", der mit seinem Reporterteam Anfang der Nullerjahre Tausende Missbrauchsfälle an Kindern aufdeckte, bezeichnet die pädophilen Klerikerkreise mittlerweile als "internationale kriminelle Verschwörung, die ihresgleichen sucht. Mit Metastasen überall."

Strenge Regeln

Das Ergebnis der Kinderschutz-Konferenz blieb vage. Zwar kündigte der Pontifex strenge Maßnahmen an, die tatsächlich sofort in Dekrete gegossen wurden. So muss im Vatikan hinkünftig schon der Verdacht auf einen Missbrauch angezeigt werden (wobei allerdings das Beichtgeheimnis nicht verletzt werden darf). Aber andererseits gelten diese neuen Regeln nur für den Kirchenstaat und seine 800 Einwohner. Minderjährige gibt es in dem Ministaat eigentlich fast nicht, sieht man von den 35 Sängerknaben des Chors der Sixtinischen Kapelle ab.

"Werkzeug Satans"

Auch wenn diese Bestimmungen nach Möglichkeit als "Best Practice" von den Ortskirchen übernommen werden sollen, die Opferschutzorganisationen zeigten sich von Franziskus enttäuscht. Zu viel Reue, Beteuerungen und Ankündigungen und zu wenig Konkretes, so lautete der Tenor. In seiner Schlussrede kam der Papst auf "das Böse" zu sprechen. "Die gottgeweihte Person (damit meint er die Kleriker) lässt sich von menschlicher Schwäche oder Krankheit versklaven und wird so zu einem Werkzeug Satans." Es gebe letztlich keine ausreichenden Erklärungen für Pädophilie, meinte Franziskus.

Abschaffung des Zölibats

Den Teufel zu bemühen, heiße bloß, dem Problem auszuweichen, wenden die kritischen Katholiken ein. Sie halten die klerikale, rein männliche Sonderwelt und die verstockte Sexualmoral für den Nährboden, auf dem ein Phänomen wie Kindesmissbrauch regelrecht gezüchtet wird. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken – es repräsentiert 24 Millionen Laien – forderte nach Erscheinen der Missbrauchsstudie der katholischen deutschen Bischofskonferenz eine völlige Gleichstellung von Männern und Frauen in allen kirchlichen Ämtern und ein Ende des Pflichtzölibats. In der Studie wurde nämlich nachgewiesen, dass zölibatäre Priester fünfmal häufiger Sexualdelikte begehen als die verheirateten Diakone.

Kirchenreform gefordert

Auch die österreichische Plattform "Wir sind Kirche" erneuerte in einer Stellungnahme zum Missbrauchs­skandal ihre Forderung nach Abschaffung des Zölibats. Die Laienorganisation geht auf das Personenkomitee zurück, das 1995 als Reaktion auf den Missbrauchsskandal um den Wiener Kardinal Hans Hermann Groer das "Kirchenvolksbegehren" initiierte, das von über 500.000 Katholiken unterschrieben wurde. Martha Heizer von "Wir sind Kirche", aber auch Helmut Schüller, Sprecher der re­form­orientierten Pfarrer-­Initiative, und Herbert Bartl, Obmann der verheirateten "Priester ohne Amt", sprachen sich in einer gemeinsamen Erklärung für eine große Kirchenreform aus, für ein "Recht der Basis auf Kontrolle der Mächtigen" und eine Gewaltenteilung.

"Klerikalismus"

Kann Jorge Mario Bergoglio, der immer wieder als "Reformpapst" tituliert wird, den Pflichtzölibat abschaffen und damit den Klerus auslüften? Natürlich weiß er, dass er mit einer Protestantisierung der katholischen Kirche eine Kirchenspaltung riskieren würde, also ist er sehr vorsichtig und betont immer wieder, dass eine radikale Abkehr vom Pflichtzölibat nicht infrage komme. Andererseits weiß er um die Gefahren der Erstarrung und den galoppierenden Schwund an Gläubigen in den wohlhabenden Ländern. "Klerikalismus" ist regelrecht ein Schimpfwort für ihn – einmalig für den obersten aller Kleriker.

Lockerung in Sicht?

Vatikankenner halten ihn für einen listigen Fuchs. Er könnte die Amazonas-Synode am Ende des Jahres nutzen, um mit Verweis auf den besonders großen Priestermangel in dieser Region eine territorial begrenzte Lockerung des Pflichtzölibats durchzusetzen. Die freie Wahl der Lebensform könnte dann nach und nach eines Tages auch in Kärnten oder Niederösterreich ankommen. Übrigens: Bischof Alois gilt als "Progressiver", der sich Priester mit Ehering ganz gut vorstellen kann.

Short Talk

Herbert Bartl, Obmann "Priester ohne Amt"

Weekend: Wie viele Priester leben in Österreich geheim in einer Beziehung?

Herbert Bartl: Das kann man nicht genau beziffern, aber ich möchte auf eine Umfrage des Pastoraltheologen Paul Zulehner unter österreichischen Priestern zum Thema Zölibat verweisen. Das Ergebnis war, diplomatisch formuliert, dass "60 Prozent eine Lösung gefunden haben, die sie mit ihrem Gewissen vereinbaren können."

Weekend: Gäbe es weniger Fälle von Kindesmissbrauch, wenn Weltpriester heiraten dürften?

Herbert Bartl: Es gibt sicher einen hohen Anteil an Pädophilen, die sich unter dem Schutz des Zölibats und des spirituell überhöhten Priesteramts ausleben. Ein vernünftiger Umgang mit der Sexualität und eine realistische Sicht auf das Priesteramt würden die Gefahr etwas reduzieren, dass sich derartige Leute einschleichen, aber völlig verhindern kann man das wohl nicht. Das größte Problem in Sachen Missbrauchsfälle ist der interne Umgang damit. Im Klerus glaubt man, mit der Beichte eines Sexualdelikts ist alles wieder leiwand, weil es bereut wurde. Dem ist aber nicht so.