Retten wir die Familie - und unsere Kinder!

Bilden statt beschulen. Kindheitsforscher Michael Hüter schlägt Alarm: Die Familie als soziales Gefüge und Ort des lebenslangen Lernens ist wertlos geworden. Das Schulsystem hat versagt und muss komplett umgekrempelt werden.

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Kinder verbringen die meiste Zeit in Gebäuden, sie wachsen in Zwang und Ausführen-müssen auf. Das Ergebnis: Jedes zweite Kind in Europa ist chronisch krank Foto: nadezhda1906/iStock/Getty Images

Schenkt man dem Historiker und Kindheitsforscher Michael Hüter Glauben, so steht der Zusammenbruch unserer Gesellschaft vor der Haustür. Warum? Weil die Familie seit Jahrhunderten entwertet wird! „Schon Maria und Josef wurden von der Kirche in die Statistenrolle gedrängt. Maria ist die erste Leihmutter der Geschichte und Jesus das erste In-vitro-Baby“, stellt der gebürtige Kärntner etwas provokant fest. In seinem kürzlich erschienen Manifest „Kindheit 6.7“ zeigt er jedoch sehr deutlich, wie es um den Wert der Familie, besonders um die Kinder und die Kindheit steht. Und zwar - schlecht. Über Jahrhunderte hinweg wurden der Familie und der Gemeinschaft sukzessive Kompetenzen abge- sprochen und in fremde Hände, die des Staates und der Wirtschaft, gelegt. Jetzt muss Schluss sein, sagt Michael Hüter.

(Un-)gebildet 

Kinder werden immer früher aus dem sicheren Schoß der (Kern-)Familie gerissen und in Bildungseinrichtungen gesteckt - und bleiben auch immer länger dort. Stichwort: Ganztagsbetreuung! Sie werden mit Daten, Fakten und Wissen vollgestopft. Scheinbar zu ihrem eigenen Wohl. Doch das Ergebnis zeigt eine andere Wahrheit, so der Forscher: „Den wenigen Kindern, die wir heute noch haben, geht es – außerhalb von Kriegszeiten – so schlecht wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Jedes zweite Kind in Europa ist chronisch krank. Und das trotz des enormen medizinischen Fortschritts. Die Analphabetisierungsrate nach 18 Jahren Betreuung und Beschulung ist genauso hoch wie vor der industriellen Revolution.“

Unschuldig 

Und der Autor begründet das in seinem Werk, das weltweit für Furore sorgt: Das Bildungssystem hat eindeutig versagt! Es muss nicht reformiert, sondern niedergerissen und von Grund auf neu errichtet werden. Einen Schuldigen nennt Hüter nicht: „Wir alle sind dafür verantwortlich. Die Eltern können ja nichts dafür, sie werden in diese Situation gedrängt. Müttern wird – auch vom politischen Feminismus, der ja nichts mit der ursprünglichen Frauenbewegung zu tun hat - eingeredet, sie können nur frei sein, wenn sie für wenig Geld viel arbeiten gehen und ihre Kinder fremdbetreuen lassen. Den PädagogInnen sind die Hände gebunden, sie können nur im vorgegebenen Rahmen arbeiten. 50 Prozent der ErzieherInnen und LehrerInnen stehen vor dem Burn-Out.“

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"Eine Gesellschaft, die nicht sieht, dass die wertvollste Arbeit die der Aufzucht der Kinder ist, dankt früher oder später ab!" Michael Hüter, Kindheitsforscher Foto: Victor Kapustin

Ideologien 

„Alles, was die letzte österreichische Regierung zum Thema Schule von sich gegeben hat, war, dass die Benotung wieder eingeführt werden muss und die Eltern jener Kinder, die nicht in die Schule gehen, bestraft werden. Mehr haben die am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht zu sagen?“, fragt Hüter. Im System Schule gehe es nur darum, hörige Konsumenten zu produzieren. „Es geht wieder mal um Ideologien. Aus der Schule kommen Menschen mit labilem Selbstwertgefühl, mit fehlenden Kompetenzen, die zwar gelernt haben aber nicht gebildet sind, heraus.“ Von gesunden Persönlichkeiten, die wirklich gebildet sind, könne man sich schließlich keine Unterstützung für die jeweils propagierte Ideologie (früher Nationalsozialismus, Kommunismus und jetzt Kapitalismus) erhoffen.

Errungenschaften 

„80 Prozent jener Menschen, die (auch) in den vergangenen 200 Jahren Herausragendes geleistet haben, waren unbeschult, „Schulversager“ oder nur kurz beschult. Ausnahmslos alle Pioniere der digitalen Revolution besuchten keine einzige Minute eine staatliche, sondern eine Privat- und teilweise Montessori-Schule: Microsoft-Gründer Bill Gates, Amazon-Gründer Jeff Bezos, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin. Es ist noch nicht lange her, da wusste man auch in Politik (aller Richtungen) und in Ökonomie, dass ein gesundes Familienwesen der Motor einer innovativen Gesellschaft ist.“ Mahatma Gandhi, Karl Marx, Thomas Edison, Alexander von Humboldt, Johann Wolfgang von Goethe und viele mehr – sie verbrachten die ersten Lebensjahre Zuhause inmitten einer intimen Gesellschaft aus hochkompetenten Menschen, von denen sie fürs Leben lernen und sich frei entfalten konnten." Aber Kompetenz habe in diesem Fall nichts mit Bildung oder Akademik zu tun. „All die Probleme, die im 21. Jahrhundert auf uns zukommen, werden wir nicht mit dem Wissen um die Punischen Kriege lösen – und das sage ich als Historiker! Die Welt wird auch keine bessere durch den Ausbau des 5G-Netzes“.

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Mit dem Manifest "Kindheit 6.7" hält Kindheitsforscher Michael Hüter der Gesellschaft einen Spiegel vor Foto: Victor Kapustin

Undemokratisch 

Laut Hüter redet der Westen ununterbrochen von Demokratie, das Schulsystem sei aber das undemokratischste überhaupt: „Kinder wachsen in Zwang, Unterwerfung und Ausführen-müssen auf. Fehler werden bestraft. Wenn Kinder aber keine Fehler machen dürfen, lernen sie nicht und wollen auch später als Erwachsene nicht lernen.“ Die größten Fehler dieser Menschheit basieren auf Unwissen oder werden unabsichtlich gemacht. „Das ist ja keine Schande. Aber man muss sich den Fehler eingestehen und zugeben, dass man mit dem derzeitigen Bildungssystem in eine Sackgasse gefahren ist. Dann muss man sich die Frage stellen, wie wir es ändern können. Der erste Schritt müsste sein, der Familie wieder den Wert zu geben, den sie verdient.“ Denn, hätte einer der großen Kaiser oder Könige so über Eltern und Familie gesprochen, wie es heute in der Politik (aller Parteien) zum guten Ton gehört, hätte dieser politisch keine drei Tage überlebt, behauptet der Kindheitsforscher.

Investieren

Anstatt Geld in neue Kita-Plätze zu stecken, die man in wenigen Jahren eh nicht mehr brauchen wird, weil immer weniger Kinder geboren werden, sollte man das Geld den Familien geben und vor allem Frauen die echte Wahlfreiheit lassen, ob sie arbeiten gehen oder lieber länger bei ihren Kindern bleiben möchten. Die Schaffung eines neuen Krippenplatzes kostet dem Steuerzahler pro Kind 1.000 bis 1.200 Euro im Monat. „Wieso gibt man das Geld nicht den Müttern“, fragt der Autor und ergänzt: „Eine Gesellschaft, die nicht sieht, dass die wertvollste Arbeit die der Aufzucht der Kinder ist, dankt früher oder später ab.“

Umfrage*

  • 45 % der Jugendlichen in Österreich stehen unter großem Leistungsdruck und haben Angst, im Leben nichts zu erreichen
  • 88 % der Familien fühlen sich unter Druck. Die größten Stressfaktoren: Schule, Ausbildung und Job in Kombi- nation mit Zukunftsängsten
  • 55 % der Kinder und Jugendlichen wünschen sich mehr Freizeitaktivitäten mit der Familie
  • 30 % der Familien haben keine Zeit für gemeinsame Mahlzeiten
  • Auswirkungen von Druck & Stress auf Kinder und Jugendliche: Psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen, Schlaf- und  Verhaltensstörungen wie schlechtes oder aggressives Verhalten, Unkonzentriert- heit, Nervosität und sozialer Rückzug.

(*Quelle: SOS Kinderdorf/Institut für Jugendkulturforschung)

Vortrag "Evolution durch Liebe":