Generation Fett: Wenn Babyspeck zur Gefahr wird

Fehlende Familienessen, dafür viel Fast Food und Fernsehen lassen unsere Kinder verfetten. Experten sagen, was Eltern besser machen müssten.

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30 Prozent aller heimischen Kinder sind übergewichtig Foto: Neydtstock/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Österreichs Kinder werden immer dicker. Fast 30 Prozent der Schulkinder sind übergewichtig oder gar adipös (krankhaft fettleibig). Ein Umstand, der nicht nur zu gesundheitlichen, sondern auch psychischen Leiden führen kann. Trotzdem bleibt das gefährliche Plus auf der Waage von vielen Eltern unbemerkt. Neueste Studien belegen, dass satte 55 Prozent der Mütter und Väter zu dicker Kinder das Gewicht ihrer Sprösslinge unterschätzen.

Fette Pandemie

Weltweit leiden bereits rund 124 Millionen Kinder unter Adipositas (Fettleibigkeit). Bis 2024 könnte sich diese Zahl verdoppeln, warnt das Österreichische Akademische Institut für Ernährungs­medizin (ÖAIE). "Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die pandemische Ausmaße erreicht hat", sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Hoppichler, Präsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sie zum größten globalen chronischen Gesundheitsproblem erklärt. Die Wurzeln des Übels sind oft die Speckröllchen aus jungen Jahren.

Bedrohlicher Babyspeck

Im Kindesalter angesammelte Extrakilos verliert man selten. Fast 90 Prozent der Kinder, die im Alter von drei Jahren stark übergewichtig waren, entwickelten sich laut einer deutschen Studie zu adipösen Jugendlichen. "Das Gewicht nimmt man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit mit ins Erwachsenenleben – und auch das Risiko", bestätigt Dr. Manuel Schätzer, Ernährungswissenschaftler beim gemeinnützigen Verein Sipcan für Präventivmedizin. 40-jährige Normalgewichtige haben ein doppelt so hohes Risiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, wenn sie als Kinder übergewichtig waren – selbst wenn sich ihr Gewicht als Erwachsener im Normalbereich eingependelt hat. Warum nehmen Kinder immer stärker zu?

Eltern leben Ernährung vor

"Die Vorbildwirkung der Eltern spielt eine große Rolle", sagt Ernährungsexpertin Monika Masik. Der häusliche Umgang mit Essen ist für die kindliche Entwicklung nicht zu unterschätzen. "Das Ess- und Konsumverhalten der Kinder wird in den ersten zehn Jahren geprägt. Ernährungserziehung ist von Anfang an angesagt." Der österreichische Ernährungsbericht 2017 zeichnet jedoch ein düsteres Bild: zu viel Fett, zu süß, zu viel Fleisch – perfekte Bedingungen fürs Pfundeplus. Aber nicht nur was, sondern auch wie wir essen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. "Es gibt für viele kaum mehr Hauptmahlzeiten", beklagt Masik. "Wir sind eine Fast-Food- und Snacking-Generation geworden."

Bewegungsmuffel

Dass Ernährung und Erziehung eine entscheidende Rolle spielen, betont auch Sipcan-Experte Schätzer und ergänzt: "Aber auch der Lebensstil, die Freizeitgestaltung und das Ausmaß an Bewegung." Akuter Bewegungsmangel verschärft das Problem. Die WHO empfiehlt für Kinder mindestens fünf Stunden Bewegung pro Woche. In Österreich ist die Dauer jedoch tendenziell sinkend. Auch hier müssen sich die Eltern bei der eigenen Nase nehmen. "Bewegungsmangel entsteht durch zu wenige Turnstunden, zu viel Fernsehen und Computerspielen – aber auch durch mangelnde familiäre Vorbilder. Eltern arbeiten den ganzen Tag oder sind auch manchmal einfach zu faul", sagt Masik.

Girokonto des Körpers

Alles in allem ist die Rechnung einfach: Nehmen wir mehr Energie zu uns, als wir verbrennen, nehmen wir zu. "Unser Körper funktioniert wie ein Girokonto. Wenn ich mehr einzahle, als ich verbrauche, wird mir am Ende etwas überbleiben", erklärt Schätzer. "Wenn wir nur ein Eis oder ein Stückchen Schokolade am Tag zu viel essen, summiert sich das irgendwann", sagt der Experte. "Übergewicht ist ein schleichender Prozess." Bei Kindern kann schon ein Zuviel von 50 Kalorien am Tag zu dieser Veränderung führen. Damit einher gehen zahlreiche gesundheitliche Gefahren: erhöhte Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Gelenksabnützungen, Atemnot.

Psychischer Druck

Aber nicht nur körperliche Risiken machen Kindern mit Übergewicht zu schaffen. "Gerade in Zeiten permanenter Kommunikation über WhatsApp, Facebook, Snapchat und Co. ist die Gefahr, dass Kinder auf psychischer Ebene angegriffen werden und darunter leiden, sehr groß", gibt Schätzer zu bedenken. "Erwachsene können sich vielleicht eher darüber hinwegsetzen und zurückziehen. Ein Kind, das jeden Tag mit Personen in der Klasse sein muss, kann nicht aus. Es kann in der Schule nicht einfach kündigen und sich einen neuen Arbeitsplatz suchen."

Unterstützung holen

Wenn das Kind unter Übergewicht leidet, rät der Ernährungswissenschaftler, Hilfe von außen zu holen: "Oft sieht man familienintern den Wald vor lauter Bäumen nicht und tut sich schwer, Strukturen zu durchbrechen." Empfehlenswert wäre aus seiner Sicht ärztliche, psychologische und ernährungstechnische Betreuung. "Wichtig ist vor allem der Gesamtzusammenhang. Es ist nicht damit getan, zu sagen: 'Ah, du bist übergewichtig, weil du jeden Tag eine Tafel Schokolade isst. Lass die weg und die Welt ist wieder gut.' Das ist, als würde im Auto die Öllampe leuchten und ich Tixo zum Reparieren drüberkleben", mahnt Schätzer: "Übergewicht ist ein hochkomplexes Problem und immer individuell."

Short Talk

Dr. Manuel Schätzer Sipcan, Initiative für Gesundheitsförderung und Präventation

Weekend: Welche Präventionsmaßnahmen werden auf Schulebene angeboten?

Dr. Spican: Es gibt Möglichkeiten zur Verhaltens- und Verhältnisprävention. Zur Verhaltensprävention zählt der Trink- und Jausenführerschein von Sipcan. Das kostenlose Modulset für den Schulunterricht führt dazu, dass die Kids weniger Zucker konsumieren und einen gesundheitsförderlichen Lebensstil aufweisen. Über die Mitteilungshefte erreichen wir auch rund 70 Prozent der Eltern.

Weekend: Und die Verhältnisseite?

Dr. Spican: Die betrifft die Umstellung von Schulbuffet und Getränkeautomaten. Es bringt nichts, wenn engagierte Lehrerinnen die Kinder unterrichten, und die gehen anschließend zum Schulbuffet oder Getränkeautomaten und können sich nur Limonade, Limonade oder Limonade aussuchen. Dementsprechend optimieren wir Mittagstische, Automaten und Warenangebote.

Weekend: Was können Eltern tun, wenn ihr Kind stark über­gewichtig ist?

Dr. Spican: Hilfe holen – entweder über Ratgeber oder auch über fachkundiges Personal. Die Österreichische Adipositas Gesellschaft bietet eine ­Datenbank über aktuelle Therapieprogramme, spe­ziell auch für Kinder und Jugendliche.

Weekend: Wie sehen diese Therapien aus?

Dr. Spican: Das ist von Programm zu Programm unterschiedlich. Manche Diätologinnen und Ernährungsberaterinnen haben sich auf die Einbindung der Familie spezialisiert, wieder andere rein auf die Kinder. Es gibt zum Beispiel auch Feriencamps, die die Nachbetreuung der Kinder plus Integration des Familienverbandes inkludieren.

Das Netzwerk Adipositas bietet eine umfassende Übersicht über Therapien, Ärzte und Beratungsstellen:

www.adipositasnetzwerk.at