Kinder aus dem Haus: Zurück zur Zweisamkeit

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, steht das Paar vor einer fast vergessenen Aufgabe: Sie dürfen sich wieder verstärkt der Beziehung widmen. Doch in dieser neuen Lebensphase gehen die Interessen oft auseinander.

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Von Eltern wieder zurück zum Paar: Für viele Menschen eine Hürde Foto: LittleBee80/iStock/Thinkstock

Plötzlich geht alles ganz schnell: Die Erinnerungen an das erste Wort, die ersten Schritte, den ersten Schultag und all die anderen ersten Male sind noch ganz frisch – und auf einmal ist das Kind volljährig und will seinen eigenen Weg gehen. Manche Eltern sehnen den Moment herbei und planen schon im Voraus, wie sie das Kinderzimmer zum Hobbyraum ­umgestalten. Andere fühlen sich hingegen völlig hilflos.

Auf dem Prüfstand

Das bleibt nicht ohne Folgen: ­Immer häufiger kommt es in dieser Lebensphase zur Scheidung. Dr. Peter Wendl, Diplom-Theologe und Therapeut, forscht aktuell intensiv, um Ursachen und Lösungen für dieses Problem zu finden. "In der Vergangenheit gab es zwei große Scheidungsausschläge. Der erste ist durchschnittlich nach vier Jahren Ehe, der zweite nach elf Jahren. Diese Scheidungsspitzen gibt es noch immer, aber jetzt ist ein neues Phänomen zu beobachten: Nach rund 20 Jahren Ehe steigt die Bereitschaft zur Scheidung gerade stark an. Das sind häufig Paare, die mit Mitte oder Ende 30 geheiratet haben, finanziell abgesichert und noch gesund sind, aber sich allmählich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst werden." Dass gerade jetzt dieser Scheidungsanstieg festgestellt werden kann, überrascht grundsätzlich nicht. Die Lebenssituation hat sich vor allem für Frauen im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert. Sie sind mit 50 beruflich erfolgreich, stehen fest im Leben und sprühen nur so vor Tatendrang. Die Lebenserwartung hat sich erhöht, sodass man in diesem Alter noch durchschnittlich über 30 Jahre vor sich hat. Gleichzeitig ist die Beziehung zum Partner oft an einem Punkt angelangt, an dem die Leidenschaft der Gewohnheit gewichen ist. "Es hat sich gezeigt, dass sich eine lange Ehe von 20 Jahren und mehr besonders auf Frauen auswirkt. Sie stellen sich die Frage: Will ich mit diesem Partner die nächsten 30 Jahre noch zusammenleben? Eigentlich hat man den Mann ja noch ganz lieb, aber das reicht eben oft nicht", weiß Wendl. "Zu fast 75 Prozent werden Scheidungen von Frauen eingereicht. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Scheidungen geht gänzlich vom Mann aus." Denn Männer ticken oft anders: Sie blicken auf das Erreichte zurück, machen es sich im endlich ­abbezahlten Haus gemütlich und wollen nun die Früchte ihrer harten Arbeit ernten. Es gibt zwar noch andere Frauen, die interessant wären, aber ­eigentlich passt doch eh alles.

Wenn sie sich langweilt

Bei Frauen hingegen sieht die Sache anders aus: Da sie nach wie vor oft den Großteil der Kindererziehung stemmen, entsteht nach Auszug der Kinder eine Leere, die auch unter dem Begriff "Empty-Nest-Syndrom" bekannt ist. In dieser Phase kommen plötzlich Beziehungsprobleme zum Vorschein, die lange unter der Oberfläche schwelten. "Während der Mann sagt 'Wir haben doch alles', sagt die Frau 'Alles ist mir zu wenig'. Eine Frau will nicht zufrieden sein, sie will sich verändern, kreativ sein, etwas Neues erleben – und das am besten mit dem Partner", erklärt Wendl. So frustrierend das klingen mag, so naheliegend ist oft der ­Ausweg: Der Paartherapeut ist in seiner Forschung auf eine simple Lösung gekommen.

Pläne schmieden

Das, was fehlt, ist eine Aufgabe. Paare, die gemeinsame Pläne und Ziele haben, gehen seltener auseinander. "Wir müssen es schaffen, als Paar Ziele zu erhalten, denn solange wir diese Ziele haben, rocken wir gemeinsam unser Leben. Mit dem Auszug der Kinder fällt ein solches Ziel weg, also brauchen wir neue. Wir müssen das Leben neu entwickeln, spannender und reicher machen", so Wendl. "Deshalb appelliere ich an alle Männer: Macht euch klar, dass eure Frauen Bilanz ziehen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Das Leben muss mit euch schöner sein als ohne euch." Jetzt gilt es, die Chancen zu nutzen. Die Kinder stürzen sich in die neue Freiheit und genießen das Leben – und ­genau das sollten auch Paare in ihrer wiedergewonnenen Zweisamkeit tun.

Experten-Talk

Julia Deutsch-Erlach, Leiterin der Familienberatung KOKO

Wie äußert sich bei Frauen das Empty-Nest-Syndrom?

Das ist eine Gefühlslage, die unterschiedliche Ausprägungen hat. Die einen trauern mehr, die anderen fühlen sich einsam. Für ­viele ist es ein Zustand der Leere, der mit Verlustangst oder Angst vor Entfremdung von den Kindern einhergeht. Das erschwert den Ablöseprozess. Es gibt dazu keine genauen Zahlen, aber es betrifft in etwa ein Drittel der Mütter. Berufstätige Mütter haben es im Gegensatz zu Frauen, die ganz in ihrer Mutterrolle aufgegangen sind, einfacher.

Wie kann man sich auf den Auszug des Kindes richtig vorbereiten?

Am besten ist es, wenn man sich schon frühzeitig darauf einstimmt und überlegt, welche Lebensziele man noch hat. Kann ich mich beruflich verändern? Habe ich Hobbys, denen ich nachgehen möchte? Man sollte sich bewusst machen, dass die Möglichkeiten, die sich ergeben, auch Freiheit schenken. Und man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es dank moderner Medien ­relativ einfach ist, den ­Kontakt aufrechtzuerhalten.

Wie bewältigt man diese Situation gemeinsam als Paar?

In der Partnerschaft muss man sich neu finden. Der Auszug des Kindes hinterlässt eine Lücke, die es zu schließen gilt. Viele machen deshalb eine Therapie. ­Außerdem wünschen sich Eltern, dass sie all das, was sie an Gefühlen investiert haben, wieder von den ­Kindern zurückbekommen. Aber sie müssen lernen: Wenn die Beziehung zu den Kindern gut ist, kommen sie auch immer wieder zurück. Kinder brauchen die Trennung, um dann wieder Nähe zuzulassen.