Businesstalk: Der Herr der Helfer

Peter Ambrozy. Kärntens Rotkreuz-Präsident im Gespräch über die unbegrenzte Macht "seines" neutralen Heers und die großen Herausforderungen der heutigen Zeit.

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Peter Ambrozy ist seit fast 19 Jahren Präsident des Kärntner Roten Kreuzes und ist stolz auf sein Heer an Helfern und Mitarbeitern. Foto: Marco Riebler

Weekend: Sie sind seit knapp 19 Jahren Präsident des Roten Kreuzes Kärnten. Was hat sich in dieser Zeit getan?

Peter Ambrozy: Im Juni werden es 19 Jahre. Ein entscheidender Eckpfeiler ist, dass wir das Kärntner Rote Kreuz auf gesunde Beine gestellt haben. 1997 war es am Boden, finanziell ausgehöhlt und zerstritten. Um ehrlich zu sein, wenn ich damals die genauen Zustände gekannt hätte, weiß ich nicht, ob diese Funktion angetreten hätte. Jetzt bin ich aber froh, es getan zu haben. Wir haben das Rote Kreuz in Kärnten in allen Bereichen von Grund auf verändert. Wir sind gewaltig gewachsen und haben auch im Bereich der mobilen Dienste und Hauspflege Fuß gefasst.

Weekend: Rotes Kreuz ist mehr als Krankentransporte und Notfall-Dienst. In welchen Bereichen sind Sie noch tätig?

Peter Ambrozy: Wir sind natürlich stark definiert durch den Rettungsdienst. Unser zweiter großer Bereich ist die Hauskrankenpflege. Der dritte Zweig ist die Blutspendezentrale, wo wir das Blut sammeln und verarbeiten sowie die Stammzellenernte und Lagerung. Dann gibt es noch die Bereiche, die hauptsächlich von Freiwilligen bedient werden: Die Katastrophenvorsorge im Sanitätsbereich, die Krisenintervention und als neuer Zweig die freiwillige Sozialbegleitung, die Hospizbegleitung und die Trauerbegleitung. Ein wichtiger Teil ist die Österreich Tafel. Und aktuell die Flüchtlingsbetreuung.

Weekend: Waren Sie im Vorjahr auf den Ansturm der Flüchtlinge vorbereitet?


Peter Ambrozy: Nein, wir haben nicht gewusst wie das geht, wir haben uns einfach hingestellt und es hat funktioniert. Die Menschen waren ja schon da, da muss man sofort reagieren. Wir waren von der Hilfsbereitschaft der Bevölkerung begeistert. Aber wir mussten natürlich auch erst lernen, wie man ein Flüchtlingslager mit 1.000 Menschen betreut. Sie wollen schlafen, sie brauchen Gewand, sie wollen essen und sie brauchen auch eine Form der Intimität - und das alles auf engstem Raum. Aber unsere Leute haben das großartig gemeistert. Diese Situation war für uns eine große Herausforderung, hat uns aber auch gezeigt, dass wir in der Lage sind, schwierige Situationen zu meistern und zwar in erster Linie durch den Enthusiasmus der freiwilligen Helfer.

Weekend: Am 8. Mai ist Weltrotkreuztag. Unter welchem Motto steht dieser?

Peter Ambrozy: Unter unserem Motto „Aus Liebe zum Menschen“. Der Tag soll daran erinnern, was humanitäre Ideen bewegen können. Das neutrale Heer an Helfern, das keine Grenzen kennt. 189 Länder haben Rotkreuz-, Rothalbmond- oder Rotdiamant-Organisationen. Das sind die einzigen Organisationen, die in der Lage sind dort zu helfen, wo andere nicht hin dürfen. In Kriegsgebiete oder nach Naturkatastrophen. „Aus Liebe zum Menschen“ ist gerade jetzt eine große Herausforderung, wenn man sich die Diskussionen über Flüchtlinge und die Bereitschaft zu helfen anhört. Wir haben einen gewaltigen Schwenk bemerkt. Da darf man aber nicht nachgeben, sondern weiter hoffen, dass die Menschlichkeit doch noch an die Oberfläche kommt.

Weekend: Wie leicht oder wie schwierig ist es, (junge) Menschen für die Freiwilligen-Arbeit zu motivieren? Wie sieht’s mit dem Nachwuchs aus?

Peter Ambrozy: Es ist gar nicht so schwierig. Es muss einfach eine Aufgabe sein, von der die Menschen überzeugt sind, dass sie gemacht werden muss und dass diese gegen Entgelt nicht machbar ist. Egal ob die Flüchtlingshilfe, die Österreich Tafel oder das betreute Reisen, die Menschen wollen nach ihren Möglichkeiten helfen. Schwierig wird es, wenn die Freiwilligenarbeit eine aufwendige Ausbildung erfordert wie im Sanitätsdienst beispielsweise. Aber unsere Kurse sind zum Glück voll, da brauchen wir uns also keine Sorgen zu machen. Ein Problem, mit dem wir kämpfen ist die Dauer der Hilfe. Früher waren die Freiwilligen oft ein Leben lang beim Roten Kreuz, heutzutage gehen viele nach ein paar Jahren, viele kommen aber auch nach ein paar Jahren wieder zurück.

Zahlen 2015:

  • Unterstützende / freiwillige / berufliche Mitglieder: 62.246 / 3.938 / 726
  • Freiwillige Stunden: 529.992
  • Transportierte Patienten: 236.136
  • Gefahrene Kilometer: mehr als zehn Millionen
  • Zivildiener: 262
  • Anrufe in der Leitstelle: 440.000, davon 90.000 Notrufe
  • Krisenintervention: mehr als 500 Einsätze
  • Erse Hilfe-Kurse: fast 13.000 Menschen ausgebildet
  • Klienten in der Pflege: mehr als 10.000

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