Aus Plastik

Start-up. Das „greenstart“-Award-prämierte Unternehmen plasticpreneur beschreitet innovative Wege in der internationalen Plastikmüllverwertung und möchte unser Nachhaltigkeitsbewusstsein schärfen. Im Gespräch mit Gründer Sören Lex.

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Geben Plastik eine zweite Chance: Sören Lex, Raphaela Egger und Boris Rauter von plasticpreneur Foto: plasticpreneur

Weekend: Können Sie unseren Lesern bitte Ihr Unternehmen und seine Tätigkeitsfelder kurz vorstellen?
Sören Lex: Plasticpreneuer ist ein junges Start-up mit Sitz im MAKERSPACE Carinthia, das unkomplizierte Recyclingsysteme, konkret Maschinen zur Kunststoffverarbeitung und zum Kunststoffrecycling, entwickelt.

Weekend: Welche Produkte lassen sich mit Ihren Maschinen anfertigen?
Sören Lex: Je nach verwendeter Spritzgussform kann eine breite Palette an Gegenständen hergestellt werden: von Blumentöpfen über Griffe für Skistöcke bis hin zu Fassungen für Sonnenbrillen und Finnen für Surfbretter. In Zukunft wird auch das Anfertigen von Baumaterialien wie etwa Dachziegel möglich sein. Der Kreativität sind diesbezüglich kaum Grenzen gesetzt.

Weekend: Wie viel Plastik wird im Schnitt für den Produktionsprozess benötigt?
Sören Lex: Der Plastikbedarf ergibt sich aus der Größe und der Masse des gewünschten Produkts. Für kleinere Trinkbecher und Blumentöpfe werden etwa zwei bis drei Plastikflaschen verarbeitet, für Surffinnen ca. vier. Für Objekte wie Ziegel, die über keine dünne Wandstärke verfügen, muss dementsprechend mehr veranschlagt werden.

Weekend: Achten Sie auch bei der Entwicklung der Maschinen auf die Einhaltung nachhaltiger Standards?
Sören Lex: Selbstverständlich! Unsere Maschinen bestehen aus Holz, bei dem es sich nicht nur um einen deutlich nachhaltigeren Rohstoff handelt als beispielsweise bei Stahl, sondern das auch zu einer Verringerung der Transportkosten sowie zu einer Vereinfachung von Transportabläufen beiträgt. Außerdem entwickeln wir momentan eine Möglichkeit, unsere Maschinen mit Solarenergie zu betreiben und verwenden für den Entwicklungsprozess ausschließliche lokale Materialien.

Weekend: In welchen Ländern und Branchen kommen Ihre Maschinen bereits zum Einsatz?
Sören Lex: Bis dato werden unsere Maschinen hauptsächlich innerhalb Europas verkauft, vor allem nach England, Italien, Frankreich, Deutschland sowie in die Schweiz. Abnehmer sind in erster Linie Unternehmen, die Kleinserien produzieren und für die der Aufwand einer industriellen Plastikverarbeitung zu hoch wäre. Außerdem beliefern wir auch Kunden, die bewusstseinsbildende Projekte umsetzen und die Maschinen in Workshops integrieren, in denen gesammelter Müll recycelt wird.

Weekend: Was können Sie uns über Ihre Initiative zur Entwicklungshilfe in Afrika berichten?
Sören Lex: Wir sind auf diesem Sektor mittlerweile seit mehreren Jahren in Uganda aktiv. In unserem Recyclingcenter werden Lineale, Rechenschieber, Schultaschen oder Wäschekluppen aus Plastikabfällen produziert. Unser Engagement versteht sich dabei als Hilfe zur Selbsthilfe. Ein besonderes Augenmerk wird auf eine hohe lokale Wertschöpfungskette von der Rohstoffbeschaffung bis zur Verarbeitung und die Erzeugung sinnvoller Artikel, die auch tatsächlich gebraucht werden, gelegt. Davon profitiert sowohl die Bevölkerung vor Ort als auch unser Unternehmen, da wir ein äußerst wertvolles Feedback zu der Funktionsweise unserer Maschinen von den Menschen erhalten, die täglich mit ihnen arbeiten.

Weekend: Von wem werden die Kosten für die Maschinen für diese Kooperationen getragen?
Sören Lex: Zurzeit werden die Maschinen in der Regel von den Projektträgern gekauft. Wir denken allerdings bereits über alternative Finanzierungsformen, z.B. über Mikrokredite, nach.

Weekend: Erhalten Sie für diese Tätigkeiten Fördermittel aus Entwicklungshilfetöpfen?
Sören Lex: Noch nicht! Wir haben jedoch eine aws impulse XS-Förderung für die Entwicklung unserer Maschinen erhalten und vor kurzem den mit 15.000 Euro dotierten „greenstart“-Award gewonnen. Zudem unterstützt uns das Gründerzentrum Accent in Niederösterreich.

Weekend: Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem „greenstart“-Award?
Sören Lex: Neben dem finanziellen Nutzen hat sie uns auch zu einer erhöhten medialen Aufmerksamkeit verholfen und uns eine Ausweitung unseres Netzwerkes ermöglicht.

Weekend: Haben Sie mit dem Triumph gerechnet?
Sören Lex: Ehrlich gesagt, nein. Die Jury zeigte sich jedoch von dem beachtlichen Projektfortschritt in vergleichsweise kurzer Zeit und den vielversprechenden Zukunftsperspektiven beeindruckt. Ein weiterer ausschlaggebender Faktor dürfte die thematische Aktualität des Plastikrecyclings gewesen sein.

Weekend: Ihr Unternehmen setzt auch viele bewusstseinsbildende Maßnahmen zu einem nachhaltigen Umgang mit Plastikmüll. Wie sehen diese im Detail aus?
Sören Lex: Wir haben dafür extra den gemeinnützigen Verein Product Life Institute Austria gegründet und bieten über das Educational Lab im Lakeside Park Workshops für Schulklassen, Firmen oder interessierte Erwachsene an, in denen wir über die Beschaffenheit und Wiederverwertungsmöglichkeiten von Plastik aufklären und auch praktisch an unseren Maschinen arbeiten. In den kommenden Sommerferien findet in diesem Zusammenhang ein dreiwöchiges Sommercamp für Kinder statt.

Weekend: Die Philosophie der Kreislaufwirtschaft spielt in Ihrem Unternehmen eine entscheidende Rolle. Wie wird diese explizit umgesetzt?
Sören Lex: Einerseits über die nachhaltige Bauweise der Maschinen, die aus äußerst langlebigen sowie einfach zu reparierenden und auszutauschenden Einzelteilen bestehen. Andererseits über unsere Produkte, die aus mehrfach recycelfähigem Plastik bestehen. Außerdem klären wir vorab mit jedem Kunden, ob sich die Anschaffung einer Maschine für ihn überhaupt rentiert.

Weekend: Drückt sich die westliche Welt um ihre Verantwortung bei der Lösung des Plastikmüllproblems?
Sören Lex: Ich würde das nicht so streng formulieren. Es werden, vor allem in Österreich, das auf einigen Gebieten sogar den Status des Weltmarktführers inne hat, große Anstrengungen in der Forschung zum Plastikrecycling unternommen. Das Problem ist jedoch, dass die Industrienationen ihren Plastikmüll z.B. in Asien abladen und die dortigen Länder mit dem Problem alleine lassen. Hier wäre es sinnvoll, auch den Aufbau kleiner Recyclingcenter zu finanzieren, um den Müll als Ressource in Wert setzen zu können.

Weekend: Welchen Beitrag kann der Konsument leisten?
Sören Lex: Zunächst einmal sollte er darüber nachdenken, ob wirklich alles in meistens nicht recycelbarem Plastik verpackt werden muss und das Verursachen von Plastikmüll reduzieren. Außerdem sollte man auf Einwegprodukte welcher Art auch immer verzichten und stattdessen auf Mehrwegerzeugnisse setzen. Auch die Reparatur von defekten Produkten und die Angebote der Sharing Economy sollten verstärkt in Anspruch genommen werden.

Weekend: An welchen Projekten arbeiten sie gerade – was wird man in naher Zukunft von plasticpreneur hören?
Sören Lex: In einem kommenden Schritt möchten wir Partner aus der Industrie, die über Know-how in der Maschinenentwicklung verfügen gewinnen, um unsere Maschinen zu professionalisieren und die explosionsartig gestiegene Nachfrage aus Ländern in Südamerika, Afrika und Asien decken zu können. Des Weiteren suchen wir auch Partner für die Entwicklung eines 3D-Druckers, der Plastik als Rohstoff für die Anfertigung größerer Objekte wie z.B. Tische oder Bänke drucken kann. In weiterer Folge könnten dann auch Teile für die Maschinen aus dem Drucker kommen. Außerdem werden wir als Unternehmen wachsen und neue Mitarbeiter einstellen.

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