Besorgte Japaner „mieten“ Zuhörer für Zuhause!

In Japan läuft Vieles anders ab als in der westlichen Hochkultur. Stress und Hektik durch obligate Top-Leistung in der Arbeit und die damit einhergehende Isolation regieren das Land des Lächelns.

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Japaner bucht Ossan Foto: RyanKing999/iStock/Thinkstock

Für Soziales bleibt oft wenig Raum und Antrieb, was auf der Insel schon seit langem ein massives Problem darstellt. Japanische Single-Frauen legen sich einen Baumwoll-Mann zu, Beziehungen mit Robotern oder Silikon-Puppen sind dort kein Tabu mehr. Es scheint, als würde die Zwischenmenschlichkeit stark unter dem alltäglichen Perfektionsdruck leiden und so häuft sich psychischer Stress, der kaum nach außen getragen wird.

Niemandem Leid klagen

Während es bei uns handelsüblich ist, in schweren Situationen den besten Freund, ein Familienmitglied, den Psychotherapeuten oder den psychosozialen Berater zu besuchen und diesen das Leid zu klagen, mieten sich Japaner einen „Zuhörer“ nach Hause, um genau diese besagten Personen nicht mit ihren Problemen vertraut zu machen.

„Ossan“ gesucht!

Jeder, der sich einmal alles von der Seele reden möchte, mietet sich einen sogenannten „Ossan“–  einen Mann zwischen 45 und 55 Jahren – für umgerechnet rund 9 Euro die Stunde. Die ursprüngliche Idee war, Männern im mittleren Alter mit dem Service einen sinnvollen Job zu bieten, die „keine jungen Hüpfer“ mehr sind und von der Gesellschaft nicht mehr besonders ernst genommen werden.

70 Prozent Frauen

Jetzt zählt Gründer Takanobu Nishimoto um die 60 Männer, die durch Japan zu ihren Klienten fahren, um ihnen ein Ohr zu leihen. Ein Ossan lauscht im Monat zwischen 30 und 40 Personen, knapp 70 Prozent davon sind Frauen. Nicht deswegen, weil Frauen mehr Probleme haben, sondern weil diese vielmehr - wie auch in westlichen Ländern - eher Hilfe von außen beanspruchen. Die meisten wünschen sich einfach nur Gesellschaft für eine bis zwei Stunden und ein offenes Ohr. Ältere Menschen buchen sie sogar nur für einen Spaziergang im Park. Manche wollen aber auch in Zweisamkeit schweigen.

Soziale Interaktion gemieden

Doch nicht nur ältere Menschen, sondern vor allem Jugendliche isolieren sich in Japan immer mehr. Dieses Phänomen wird als „Hikikomori“ bezeichnet. Das Haus wird kaum noch verlassen, soziale Interaktionen werden gemieden und Videospiele bevorzugt. Nishimotos Geschäftsidee ist daher ein kleiner Schritt zur Lockerung der verwaisten Situation.

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