Das große Insektensterben

Sie sorgen für Landschaftspflege, Schädlingsbekämpfung, Bestäubung und Nahrung. Verschwinden die Insekten, geht es auch uns an den Kragen.

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Wie lange wird es noch Bienen geben? Foto: Janny2/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Sie sind die geheimen Herrscher über die Erde. Keine andere Tierklasse ist so artenreich, keine andere bringt eine solch gewaltige Biomasse auf die Waage. Ohne sie gäbe es keine Bestäubung, keine Blüten – kurz keine Nahrung: Insekten. Umso schockierender, zu welchem Befund die beiden Wissenschaftler Francisco Sánchez-Bayo und Kris Wyckhuys in ihrer aktuellen Studie kommen: Insekten befinden sich weltweit auf dem Weg in die Auslöschung. 40 Prozent aller Arten sind ­bereits heute vom Untergang bedroht. Und das große Sterben macht auch vor unserer Tür nicht Halt.

Hausgemachtes Problem

Nicht nur invasive fremde Arten und Klimawandel machen heimischen Arten den Garaus. Etliche Ursachen sind hausgemacht. Der übermä­ßige Einsatz von Pestiziden, intensiver Ackerbau, Pkw-Nutzung, Verbauung und insektenfeindliche Lichtquellen: All das raubt Käfern, Faltern und Co. Lebensräume und Nahrungsgrundlagen. Ebenfalls problematisch: "Landwirte düngen ungewollt die gesamte Landschaft und unsere Gewässer mit", erklärt Prof. Dr. Johannes Gepp, Insektenforscher und Präsident des steirischen Naturschutzbundes. "Das Überangebot an Nährstoffen ist für viele Pflanzen- und Tierarten Gift."

Gewinner und Verlierer

Aber nicht alle Insekten zählen zu den Verlierern. Gelsen, Motten und Schaben fühlen sich in Städten pudelwohl. Auch Einwanderer wie die Amerikanische Kiefernwanze oder der Asiatische Laubholzbockkäfer, der in den Medien nicht umsonst als "Turboschädling" bezeichnet wird, vermehren sich rasant. Ihnen kommt zugute, dass sie hierzulande keine natürlichen Feinde haben. Das Verschwinden einiger Arten bedeutet also nicht, dass die Biomasse der Tierklasse kleiner wird. "Vielmehr erwarten wir eine Zunahme von Schadinsekten", sagt Gepp. Mit verheerenden Konsequenzen für Forst- und Landwirtschaft.

Politische Agenda

"Die Folgen des Insektensterbens sind nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus ökonomischer Sicht dramatisch", bestätigt das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus. Bei der Neuausrichtung der gemeinsamen Agrarpolitik der EU soll die Förderung von Insekten und Biodiversität im Fokus stehen, so das Ministerium auf Anfrage von Weekend. Wer seine Flächen insektenfreundlich bewirtschaftet, soll für möglicherweise niedrigere Erträge entsprechend entschädigt werden. Heißt: Insekten sollen quasi subventioniert werden.

Wirtschaftsfaktor

Alleine Bienen erbringen eine Bestäubungsleistung von ca. 300 bis 900 Millionen Euro pro Jahr. Bestäubung, Schädlingsbekämpfung durch Insekten, die sich von jenen Artgenossen ernähren, die unsere Nutzpflanzen befallen, sowie Abbauprozesse wie die Beseitigung von gefallenem Laub: "Bisher von Mutter Natur kostenfrei angebotene Systemleistungen werden zunehmend fehlen", so Gepp. Die wirtschaftlichen Schäden, die durch das Insektensterben drohen, sind kaum abzuschätzen. Verschwinden die natürlichen Helferlein, sinkt der Ertrag und die Preise steigen. In China schwärmen mittlerweile Menschen in Scharen aus, um Obstbäume per Hand zu bestäuben.

Totaler Kollaps

Ohne Insekten würden nicht nur unsere Lebensmittel knapp werden. Die Tiere mit dem Chitinpanzer bilden die Nahrungsgrundlage für zahlreiche heimische Amphibien, Reptilien, Spinnen, Vögel und Säugetiere. Im schlimmsten Fall droht dem Ökosystem der Kollaps. "Die Politik sollte die Artenverarmung als Alarmsignal werten", sagt Gepp, der vor dystopischen Zuständen warnt. "Wenn die Ökosystemleistungen fallen, werden sie künstlich und teuer zu ersetzen sein – sofern das überhaupt möglich ist."

Zahlen & Fakten

  • Rund 700 Wildbienenarten leben in Mitteleuropa.
  • Die Hälfte aller Insektenarten könnten in den nächsten 50 Jahren verschwinden.
  • Die Bestäubungsleistung von Bienen liegt in Österreich zwischen 300 (Schätzung Bundesamt) und 900 Millionen Euro (Schätzung Imker Salzburg).
  • 41 Prozent aller Insektenarten weltweit sind gefährdet.
  • Insekt des Jahres ist die Rote Mauerbiene. Schirmherrin ist die die Bundesministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus, Elisabeth Köstinger.
  • Ein Pkw kollidiert pro Kilometer mit bis zu 3.000 Insekten.
  • Zur Schädlingsbekämpfung leisten Insekten in Österreich einen Beitrag im Wert von 250 Millionen Euro.
  • 80 Prozent aller Kulturpflanzen- und Wildblumenarten sind von Bestäubung abhängig.

Insektenhilfe

Sie haben Flip, Maja und Co. schon länger nicht mehr in Ihrem Garten gesehen? Folgendes können Sie tun:

  • Auf heimische Hecken statt Thuje und Bambus setzen: Schmetterlinge etwa lieben den Roten Hartriegel.
  • Balkonbuffet: Exotische Blumenzüchtungen bieten selten Nahrung. Blühende Alternativen sind Kräuter wie Lavendel, Thymian und Co.
  • Blumenwiese statt englischem Rasen: Hier finden Insekten und Bienen Futter und Lebensraum.
  • Licht aus: Straßen, Fassaden- und Gartenbeleuchtungen ziehen einige Arten magisch an. Sie werden leichte Beute oder umkreisen die Quelle, bis sie aus Erschöpfung sterben.