Hundemafia aus dem Osten

Ware Welpe. Der illegale Welpenhandel boomt. Neben Waffen- und Drogenhandel gehört er zu den lukrativsten Geschäftszweigen des organisierten Verbrechens in der EU. Tausende Hunde leiden dafür Höllenqualen. Und die Konsumenten? Spielen mit.

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Kein Sonnenlicht, kaum Futter, im eigenen Dreck stehend und schlafend: In Zuchtfabriken leben Vermehrerhündinnen und ihre Welpen unter fürchterlichsten Bedingungen. Foto: oxico/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Flehend wimmert  der zitternde Welpe im Korb der Rumänin. Kurz darauf ist Moderatorin Alena Gerber 250 Euro ärmer und um ein fiependes Fellknäuel reicher. Kaum daheim angekommen, bildet sich Schaum vor der Schnauze des Hundes, Tage später ist das Tier tot. Was geblieben ist, ist die qualvolle Erinnerung und eine Tierarztrechnung von 1.200 Euro. Kein Einzelfall, wie Christopher Porsch, Gerda Melchior und Volker Schütz in ihrem Buch "Welpenmafia – Wenn Hunde nur noch Ware sind“ schildern. Verkäufer setzen aber nicht nur auf die Mitleidsmasche. Unwissenheit und Geiz der Hundebesitzer in spe spielen ihnen in die Hände.

Ein Millionengeschäft

Der illegale Welpenhandel in der EU ist ein Millionengeschäft. Die größten Händler können jederzeit 20 oder mehr Welpen einer beliebigen Rasse liefern. "Das ist einer der größten illegalen Märkte, die es gibt“, sagt Volker Schütz. Bei 20 Jungtieren machen Händler Gewinne von bis zu 15.000 Euro. "Dahinter stehen richtige Netzwerke aus Erzeugern, Transporteuren, Zwischen- und Endhändlern“, erklärt der Autor. 2013 konnte eine Recherche vom Tierschutzverein Vier Pfoten einem ungarischen Großhändler direkte Verbindungen zur Mafia nachweisen. Ein Business, das über Leichen geht.

Krepieren im Lkw

Kein Wasser, kein Futter, in ihren eigenen Fäkalien liegend: Zu Dutzenden werden die kleinen Fellnasen auf engsten Raum gepfercht. Überleben sie die Fahrt, kommen sie vollkommen entkräftet und verstört am Zielort an. Ein Großteil ist bereits krank. Skrupellose Händler peppen sie vor Verkauf mit Aufputschmitteln auf, die kurzzeitig über ihren eigentlichen Zustand hinwegtäuschen. Würmer, Parasiten, Entzündungen und hochinfektiöse Krankheiten wie Staupe oder Parvovirose: Horrende Tierarztrechnungen sind der Preis für das vermeintliche Schnäppchen.

Wühltisch-Welpen

 "In Österreich bezahlt man bei einem guten Züchter für einen Chihuahua zwischen 1.200 und 1.500 Euro“, sagt Martina Pluda von Vier Pfoten. Auf diversen Plattformen findet man Discount-Welpen schon um 200 Euro. "Da müssen bei jedem Konsumenten ­sofort die Alarmglocken schrillen“, sagt Pluda. "Ein solcher Preis kann nur auf Kosten des Tiers und des Konsumentenschutzes gehen.“ Viel zu früh werden Welpen aus Zuchtfabriken von ihrer Mutter getrennt. Der Chance auf artgerechte Sozialisierung beraubt, sind sie häufig so krank, dass sie ihren ersten Geburtstag nicht erleben. Die tiermedizinische Grundversorgung in den ersten Wochen bleibt aus, Impfungen fehlen. Die Papiere sind gefälscht, das Alter erlogen, die Rasse erfunden. Das Leid der Hunde scheint  für Käufer keine Rolle zu spielen. Wie in Versuchen nachgewiesen, zählt in erster Linie der Preis. Käufer sind Mittäter.

Gebärmaschine

 Die Mütter fristen in dunklen Verschlägen ein Dasein als Gebärmaschinen. Normalerweise bekommen Hündinnen drei bis vier Würfe in ihrem Leben. Mit Hormonen vollgepumpt werden die Vermehrerhündinnen in Zuchtfabriken bis zu viermal jährlich trächtig – über einen Zeitraum von bis zu acht Jahren. Das sind 24 Schwangerschaften. "Bei jeder Hitze wird die Hündin gedeckt. Das ist bares Geld“, sagt Schütz. Neben der Qual der Dauerträchtigkeit kann sich ihr Gesäuge nicht mehr zurückbilden. "Das ist ganz klar Tierquälerei“, hält Melchior fest. Zum Teil in ihren eigenen Exkrementen liegend, ist ihre einzige Aufgabe, Welpen am Fließband zu produzieren. Sind sie dazu nicht mehr in der Lage, werden sie brutal entsorgt. 

Nachfrage reißt nicht ab

Einer der größten Märkte für die "Ware Welpe“ ist Deutschland. Hier hat sich die Situation in den vergangenen Jahren kaum gebessert. Als eines von vier EU-Ländern hat das Nachbarland keine einheitliche Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht. "Man hat das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen“, so Melchior. Dass das Problem in Österreich ungleich geringer ist, sagt Priska Endl von Vier Pfoten. "Uns werden auch in Österreich regelmäßig unseriöse Züchter gemeldet.“ Dadurch, dass sich einige Plattformen immer noch nicht an die Gesetze halten, haben dubiose Händler und Züchter weiterhin Zugang zum österreichischen Markt. "In Wien kommt es immer wieder zu Amtshandlungen mit illegalen Welpenhändlern, z. B. zum Verkauf aus Bussen und Autos heraus“, bestätigt die Wiener Polizeilandesdirektion auf Nachfrage von Weekend und ergänzt: "Ein ausuferndes Problem stellt das derzeit aber nicht dar.“

Deckmantel Tierschutz

Österreichischen Händlern ist es erlaubt, Tiere aus dem Ausland einzuführen. In manchen Fällen bleibt die Herkunft fragwürdig. Seit einigen Jahren werden verstärkt Hunde aus osteuropäischen Tierschutzvereinen vermittelt. Gegen eine "Schutzgebühr“ von 250 bis 350 Euro werden aus Osteuropa gerettete Hunde an neue Besitzer in Deutschland und Österreich abgegeben. Kritiker vermuten, dass es sich hierbei um eine geschickte Tarnung für das Geschäft mit den Vierbeinern handelt. "Ohne seriöse Vereine anzugreifen, gibt es leider immer wieder Fälle, wo unter dem Deckmantel des Tierschutzes Welpen produziert und vermittelt werden“, bestätigt Tierschützerin Endl. Verdächtig: Der Anteil an Rassehunden steigt. Auch die deutsche Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) wurde skeptisch und hat das Phänomen genauer unter die Lupe genommen. "Mit der Vermittlung gegen Schutzgebühr wird über die Mitleidskomponente letztlich ein Geschäft abgewickelt“, so der TVT in seinem Bericht. "Erstaunlich ist vor allem die hohe Anzahl an Welpen und Junghunden, die in Tierheimen und Pflegestellen ankommen.“ Die Vermutung eines organisierten Tierhandels liege nahe. TVT und Vier Pfoten pochen im Sinne des Tierschutzes auf Lösungen vor Ort.

Tipps für Welpenkauf

  • Lassen Sie sich nicht von unseriösen Kleinanzeigen und Dumpingpreisen verleiten.
  • Kaufen Sie nie auf Märkten im Urlaub oder aus Mitleid.
  • Gehen Sie sicher, dass Sie Identität, Telefonnummer und Adresse des Verkäufers kennen.
  • Die Übergabe sollte nur beim Anbieter zu Hause stattfinden. Übergaben auf öffentlichen Plätzen bzw. „Hauszustellung“ weisen auf unseriöse Welpenhändler hin.
  • Lassen Sie sich auch die Geschwister und das Muttertier zeigen. Achten sie darauf, dass die Hündin im gleichen Haushalt lebt und gesund und munter wirkt.
  • Wird eine große Anzahl verschiedener Welpen bzw. Rassen angeboten, handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen unseriösen Welpenhändler.
  • Überprüfen Sie, ob die Angaben auf dem Impfpass stimmen. Bestehen Sie auf einen Kaufvertrag.

Short Talk

Gerda Melchior und Volker Schütz, Autoren von "Welpfenmafia" im Interview

Weekend: Wie hat sich der illegale Welpenhandel seit 2013 entwickelt?

Melchior und Schütz: Die Problematik ist mindestens so groß wie damals. Der Gesetzgeber hat zwar an vielen Schrauben gedreht und auch diverse Internetplattformen setzen auf Konsumentenaufklärung und Warnhinweise. Händler und Vermehrer finden aber immer wieder Umwege.

Weekend: Wie könnte man dem Herr werden?

Melchior und Schütz: Die Lösung führt nur über Aufklärung und Informa­tion. Aber auch härtere Strafen für Händler und Transporteure wären unbedingt notwendig.

Weekend: Warum bessert sich die Lage nicht?

Melchior und Schütz: Die Leute kaufen aus Geiz, Unwissenheit oder Mitleid. Dahinter steht ein Millionengeschäft mit Netzwerken aus Erzeugern, Transporteuren, Zwischenhändlern und Endhändlern. Das ist ein richtiges Netzwerk mit festen Strukturen. Wir haben versucht, die Öffentlichkeit aufzurütteln. Ich glaube aber, es ist bis heute nicht gelungen, dass das richtig ins Bewusstsein der Menschen gedrungen ist: Finger weg von Billigwelpen!