Der Hund als arme Sau

Eigentlich sind "Qualzuchten" ja verboten. Weil das Gesetz aber zahnlos ist, blüht das Geschäft mit den kranken Rassehunden wie eh und je.

Mops - Cover
Leiden wegen Qualzucht: der Mops Foto: Alexandr Zhenzhirov/iStock/Thinkstock

Suzy Q. hätte diesen Sommer fast nicht überlebt. Große Hitze ist für Hunde generell kein Honiglecken, für Suzy ist sie schlicht lebensgefährlich. Suzy Q. ist ein Mops, der wie viele andere Möpse auch an "Brachyzephalie" ­leidet, an "Kurzköpfigkeit". Möpse wie Suzy haben meist keine Schnauze und keinen Hals und röcheln wie ein schwer erkälteter Mensch. Das rührt von den verkürzten, engen Atemwegen her.

Hitzschlaggefahr

Weil Hunde ihre Körpertemperatur über Hecheln regulieren und das bei den Kurzköp­figen schlecht funktioniert, riskieren sie bei Temperaturen über 25 Grad einen Hitzschlag. So verbrachte die mit 9,8 Kilogramm leicht übergewich­tige Mopsdame die Monate Juli und August ausschließlich in der klimatisierten Altbauwohnung ihrer Halterin. Fürs Tagesgeschäft musste ein Katzenklo herhalten. Am Ende der Wohnungshaft sah Suzy noch melancholischer als sonst aus – und weiter zugenommen hatte sie auch.

So putzig

Möpse sowie französische und englische Bulldoggen sind meist kurzköpfig, was gewollt ist, weil es sie so knuffig aussehen lässt. Aber auch bei Boston Terriern, Chihuahuas und Pekinesen wird das Kindchenschema bewusst per Zucht verstärkt. Veterinärmediziner und verantwortungsbewusste Kynologen nennen das "Qualzucht", weil die ­Tiere mit gesundheitlichen Problemen leben müssen.

Modetrend Liliput

Brigid Weinzinger von "pro tier", dem Dachverband österreichischer Tierschutzorganisationen, hält alle Hunde mit kleinen Nasen für Ergebnisse von Qualzucht. Und auch alle Rassen, die so klein wie möglich gekreuzt werden. Hunde im Taschenformat, die man im City-Bag mitführen kann, sind seit einiger Zeit der ­letzte Schrei. Ob ein derartiger Liliputhund allerdings ein artgerechtes Leben zu führen imstande ist, darf mit Recht angezweifelt werden.

Rassehunde

Rund eine Million Vierbeiner tummeln sich in Österreichs Haushalten. Davon dürften zwischen 30 und 40 Prozent reinrassig sein, wie Gerald Pötz vom österreichischen Hundehalterverband (ÖHV) schätzt. Auch wenn nicht gerade eine bewusste "Qualzucht" am Werk ist, bei vielen dieser Rassen gibt es mittlerweile Erbkrankheiten als Kollateralschaden des Züchtens. So tendieren Golden Retriever zu Gelenksschäden, Schäferhunde leiden häufig an zu kurzer Lendenwirbelsäule, Dackel bekommen Bandscheibenvorfälle und Dobermänner sind für Herzschwäche anfällig. Bei Labradoren können Epilepsie und Grauer Star auftreten, Berner Sennenhunde neigen zu Krebs, und den Pudeln bereiten die Kniescheiben Probleme.

Schönheitsideale

Für ­Brigid Weinzinger sind die rassetypischen Defekte ­"systembedingt" und oft eine Folge von Inzucht. Bei Wettbewerben würden oft jene Hunde ausgezeichnet, die extreme Merkmale hätten. "In den verschiedensten Heimtierrassen wird auf Schönheitsideale hingezüchtet, die nichts mehr mit einem funktionsfähigen Organismus zu tun haben". Für die Zucht seien diese prämierten Hunde dann heiß begehrt, und die Besitzer könnten sich damit eine goldene Nase verdienen. Der massive Einsatz dieser Zuchtrüden führe zur starken Verbreitung falscher Schönheitsideale und sei zudem schlecht für die Durchmischung des Genpools. Für Weinzinger ist das Erscheinungsbild vieler Heimtierrassen nicht das Resultat einer natürlichen Entwicklung, sondern eine Schöpfung des Menschen. Im Vordergrund dürfe aber nicht ein ­dubioser Rassestandard sein, sondern Gesundheit und Wohlbefinden der einzelnen Tiere. "Wenn das bedeutet, dass man bei manchen Rassen nicht mehr 'reinrassig' weiterzüchten könne, ist das nicht dramatisch", sagt Weinzinger. Längst entstünden ohne Rassen, wie etwa der "Labradoodle" (eine Kreuzung zwischen Labrador und Pudel, die Red.), da wäre eine Kreuzung wie ein Mops-Pudel allemal besser als ein Mops mit chronischer Atemnot.

Die Gesetzeslage

An sich ist die Ausübung der Qualzucht als Tierquälerei verboten, ebenso wie "Import, Erwerb, Vermittlung, Weiter­gabe oder Ausstellung" von Tieren mit den einschlägigen Merkmalen. Per Jahresbeginn hätte das Gesetz nach einer langjährigen Übergangszeit schlagend werden sollen, diese Fristsetzung ist aber wieder kassiert worden. Jeder Mops-Züchter kann nun wie gehabt weitermachen, wenn er verspricht, die "Qualzuchtmerkmale" eh wieder rückbilden zu wollen.

Zahnlos

Eva Persy von der Tierschutz-Ombudsstelle Wien beklagt die Zahnlosigkeit der Bestimmung. "Es fehlen die Richtlinien für den Vollzug. Das ist so, als würde man zwar 'Rasen' verbieten, aber nicht festlegen, wie schnell Autos im Ortsgebiet oder auf der Autobahn fahren dürfen", kritisiert Persy. Manfred Hochleithner, Präsident der Wiener Tierärztekammer, fordert ein wirk­sames Verbot für die Züchtung von kurzatmigen Möpsen und anderen Rassen mit gewollten Missbildungen. "Tiere leiden zu lassen, damit sie einem Modetrend entsprechen, ist unerträglich", sagt Hochleithner, der darauf hinweist, dass in den USA manche Hunderassen nicht mehr im Flugzeug mitgenommen werden dürften, weil man befürchtet, sie könnten das nicht überleben.

Rückgezüchtet

Die Freunde des Mopses müssen übrigens nicht aus ethischen Gründen ganz auf den gutmütigen Hund verzichten. Es gibt ihn längst auch in einer Variante, die leicht rückgezüchtet ist und die den Tieren genug Luft zum Atmen lässt. "Retro-Möpse" heißen diese Hunde, die in etwa aussehen wie ihre Vorfahren zu Zeiten Bismarcks und Queen Victorias gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Nicht, dass die Nostalgie-Möpse superagil wären. Das ist ein Mops nie. Aber beweglicher und gesünder als "Suzy Q." sind sie allemal.