Helikopter-Eltern: Gut behütet, schlecht erzogen

Wenn Gefahr, Anstrengung oder Langeweile drohen, sind sie stets da, um ihren Kindern eine Stütze zu sein. Und auch, wenn sie nur das Beste wollen: Helikopter-Eltern - aka Über-Eltern oder Curling-Eltern - tun ihren Sprösslingen nichts Gutes mit ihrem zwanghaften Erziehungsstil.

Helikopter Eltern - Cover
Helikopter-Eltern fällt es schwer loszulassen Foto: iStock.com/Liderina

Sie schweben wie Beobachtungsdrohnen über den Köpfen ihrer Sprösslinge und warten gebannt auf den nächsten Einsatz. Und dieser kommt bestimmt. Denn wer Kinder hat, weiß, dass sie aus jeder Situation ein Abenteuer machen möchten. Ein Albtraum sondergleichen für sogenannte Helikopter-Eltern. Auf Bäume klettern, im Gatsch spielen, zu Fuß oder zumindest alleine in die Schule gehen/fahren oder sich einfach mal im Alltag langweilen - das kennen diese Kinder nicht. Eigene - gefährliche - Erfahrungen machen? Fehlanzeige. Die (schulfreien) Tageszeiten sind durchgeplant mit Privatunterricht und Kulturprogramm, damit der Nachwuchs vor lauter Nichtstun ja nicht auf blöde Gedanken kommt - und zumindest noch bestens gewappnet ist für eine erfolgreiche berufliche Zukunft. Alles, was pädagogisch nicht wertvoll ist, wird aus dem Weg geräumt. Was im ersten Moment nach Fürsorge par excellence klingt, entpuppt sich gerade in den späteren Jahren als fatal: Die Kinder werden zu unselbstständigen Weicheiern erzogen, denen man nicht mal die ordnungsgemäße Inskription an der Universität zutraut.

Angst

Inzwischen sind diese Hubschrauber nämlich nicht nur im Volksschulalter zu finden, sie halten auch schon Einzug in die Alma Mater des Landes. Die Eltern wollen ein entscheidendes Wörtchen bei der Studienwahl haben und gehen sogar einen Schritt weiter: Sie begleiten ihre Sprööslinge händchenhaltend zur Inskription und übernehmen dort alle Aufgaben, mit denen sich die angehenden Erstsemester herumschlagen sollten. Stundenplan erstellen, Räume suchen, mit den Professoren reden, die besten Plätze für Freistunden (falls der prall gefüllte Stundenplan diese überhaupt zulässt) ausfindig machen. Teilweise seien die angehenden Studenten nicht mal dabei, wenn deren Eltern die Beratungsstellen der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) mit Fragen bombadieren. Dort berichtet man auch, dass es schon Fälle gab, in denen die Eltern in der ersten Vorlesung neben ihrem Kind saßen.

Schutz

Neu ist das Phänomen der Helikopter-Eltern nicht. Schon Ende der 1980er-Jahre kreierte der israelisch-amerikanische Psychologe Haim Ginott die Beschreibung überfürsorglicher Eltern. Diese Gruppe bildete den Gegenpol zur damals modern gewordenen antiautoritären Erziehung, in der sich Kinder fernab elterlicher Bevormundung frei entfalten konnten.

Konflikt

Relativ neu hingegen in der Familie der "Glucken" sind die Rasenmäher-Eltern. Diese Eltern greifen ein, wenn ihr Kind sich beispielsweise mit einem anderen auf dem Sandplatz um die Sandschaufel streitet. Mit Sätzen wie "Du musst jetzt das Spielzeug teilen!" nehmen sie dem Nachwuchs die Möglichkeit, selbst den Konflikt zu lösen. Was am Spielplatz beginnt, dehnt sich auf die Schulzeit und immer öfter auf das Studium und das gesamte spätere Leben aus.

Asozial

Erzieher, Lehrer, Professoren und sogar Arbeitgeber beklagen, dass ihre "Schützlinge" nicht mehr in der Lage sind, ihre Emotionen und Impulse richtig einzuordnen und zu kontrollien und sich damit im sozialen Gefüge nicht zurechtzufinden. Ihnen fehlt schlichtweg die Erfahrung, dass und wie Hindernisse überwunden werden können, weil die Eltern diese in der Kindheit aus dem Weg räumen, noch bevor das Kind sie als solche erkannt hat. Enttäuschungen und Rückschläge sowie selbstständiges Arbeiten sind Fremdwörter für diese Generation, was vor allem Arbeitgebern Sorge bereitet, weil sie ihre Mitarbeiter stets "an der Hand" führen müssen. Kinder - und auch später als Erwachsene - fühlen sich "nicht gut genug", weil sie von den Eltern für ihre Leistungen nie Anerkennung bekommen, ganz egal, wie sehr sie sich angestrengt haben, um zu gefallen.

Die 3 Typen von Helikopter-Eltern

  1. Rettungshubschrauber: Sie beschützen ihre Kinder vor Unannehmlichkeiten und Niederlagen; sie sind sofort zur Stelle, wenn sie jemand schief anschaut; sie bringen das zu Hause vergessene Turnsackerl nach.
  2. Transporthubschrauber: Das sind die Mama- oder Papataxis, die Schuleinfahrten blockieren und sogar Feuerwehreinsätze verhindern. An einigen Schulen gibt es bereits sogenannte Kiss-andGo-Zonen wie am Flughafen.
  3. Kampfhubschrauber: Beschweren sich sogar beim Ministerium über Noten, Sitzordnung, Essen, Lehrpläne u.v.m.

 

5 Trends zu Elterntaxis

  1. In den 1970er-Jahren gingen noch 90 Prozent der Kinder alleine und zu Fuß in die Schule. Heute wird in Österreich jedes fünfte Kind von sogenannten Elterntaxis bis vor den Schuleingang mit dem Auto geführt oder sogar bis in die Klasse begleitet.
  2. Laut Verkehrsclub Österreich (VÖC) weist Kärnten mit 35 Prozent die höchste Rate an Elterntaxis auf, Wien (14 Prozent) und Tirol (18 Prozent) die niedrigste.
  3. 49 Prozent der Sechs- bis 14-Jährigen in Vorarlberg gehen zu Fuß oder fahren mit dem Rad in die Schule, in Niederösterreich sind es nur 24 Prozent.
  4. Mit 56 Prozent hat Niederösterreich den höchsten Anteil jener Schüler, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen.'
  5. Die zunehmende Menge an Elterntaxis führt auch immer öfter zu Chaos und sogar zu gefährlichen Verkehrssituationen vor den Schulen.
  6. Kinder erwerben keine Kompetenzen für das richtige Verhalten im Straßenverkehr, wenn sie stets behütet von A nach B chauffiert werden. Außerdem wird ihr Bewegungsdrang unterdrückt.

 

Short Talk

Ulrike Zartler, Soziologin an der Universität Wien

Weekend: Welche möglichen Ursachen gibt es für das Phänomen "Helikopter-Eltern"?

Ulrike Zartler: Zwei mögliche Ursachen sind: 1. die soziodemografische Entwicklung: Eltern haben heute weniger Kinder, wodurch sich die Aufmerksamkeit eher auf ein einzelnes Kind konzentrieren lässt. 2. die Norm der "guten Elternschaft": In der Gesellschaft wird erwartet, dass Eltern sich um ihre Kinder kümmern, kompetent mit ihnen umgehen, sich pädagogisches Wissen aneignen usw. Sehr schön ersichtlich ist das an den meterlangen Regalen mit Erziehungsratgebern in Buchhandlungen.

Weekend: Wie hat sich das Eltern-Kind-Verhältnis verändert?

Ulrike Zartler: Eltern-Kind-Verhältnisse haben sich von einem Autoritätsverhältnis hin zu einem eher gleichrangingen Verhältnis entwickelt. In der Familiensoziologie gibt es dafür die schönen Schlagworte: vom Befehlshaushalt zum Verhandlungshaushalt. Mittlerweile sieht man mitunter aber auch eine Weiterentwicklung zum Beratungshaushalt: Eltern werden zunehmend zu BeraterInnen ihrer Kinder.

Weekend: Was sind die möglichen Konsequenzen einer Erziehung durch "Helikopter-Eltern"?

Ulrike Zartler: Folgen sind für die Eltern Überforderung. Für die Kinder ein weitgehend abhängiges Aufwachsen, in dem sie wenig Freiräume haben, selbst etwas auszuprobieren und eigene Fehler zu machen. Der "Papa/Mama wird's schon richten" als Grundhaltung kann auf dieser Basis gut gedeihen und eventuell zu Unselbstständigkeit führen.