Häusliche Gewalt in Oberösterreich in Zeiten der Corona-Krise

Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie befürchten Experten ein Ansteigen der häuslichen Gewalt. Das Weekend Magazin hat mit Eva Schuh, Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums OÖ, und Dagmar Andree, Vorsitzende des Linzer Frauenhauses, gesprochen.

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Unter der Telefonnummer 0800 222 555 erhalten von Gewalt betroffene Frauen Tag und Nacht Hilfe von Experten. Diese Frauenhelpline verzeichnet bereits jetzt 50 Prozent mehr Anrufe.

Weekend: Welche Faktoren spielen in der Corona-Krise zusätzlich eine Rolle - warum steigt die Gewaltbereitschaft?

Schuh: Die essentiellen Faktoren sind: lange auf engem Raum zusammen zu sein - bei vielen den ganzen Tag. Das ist natürlich schweirig, weil man schneller genervt ist. Dann natürlich die finanzielle Anspannung durch z.B. Jobverlust. Und auch, dass Kinder nicht die Möglichkeit haben, mit Freunden zu spielen, sich draußen auszutoben. Das trägt dazu bei, dass viele ihren gewohnten Sport - der auch stressabbauend ist - nicht machen können.

Andree: Ungewohntes enges Zusammenleben, Arbeitslosigkeit u.s.w. - das in Summe kann zu Eskalationen führen. Wir wissen dass gewaltbereite Menschen unter bestimmten Stresssituationen noch mehr dazu neigen, gewalttätig zu sein. Es gibt leider viele Männer, die mit Aggressionen und hoher Anspannung nicht umgehen können. ABER: Nicht jeder Mann, der jetzt arbeitslos ist, wird gewalttätig. Das ist immer noch eine Entscheidung, die der Täter selbst trifft. Mir ist wichtig: Es gibt keine Entschuldigung für Gewalt! Ich habe kein Verständnis für einen Mann, der zuschlägt.

Weekend: Stichwort: enges Zusammenleben - wie kann man Eskalationen vorbeugen?

Schuh: Wir haben Gott sei Dank noch keine Ausgangssperre in Oberösterreich. Wichtig wäre, bewusst Zeit getrennt voneinander zu verbringen, das heißt: getrennt spazieren gehen oder wenn es die Möglichkeit in der Wohnung gibt, sich für eine gewisse Zeit in unterscheidlichen Zimmern aufzuhalten. Wenn die Personen merken, sie werden jetzt aggressiv, sollten sie am besten die Wohnung verlassen und mal eine Runde um den Häuserblock gehen. Es ist natürlich eine angespannte Situation, was leichter zu Konflikten führt, es ist aber keine Entschuldigung dafür, gewalttätig zu werden.

Weekend: Was können von häuslicher Gewalt Betroffene tun?

Andree: Das Linzer Frauenhaus hat natürlich auch jetzt geöffnet, wir schicken keine Frau weg! Unsere Schutzeinrichtung bietet Platz für 17 Frauen und deren Kinder. Seit Jänner haben wir eine Auslastung von mehr als 90 Prozent. Falls bei uns kein Platz mehr sein sollte, gibt es noch die vier anderen Frauenhäuser in Oberösterreich, auf die man zurückgreifen kann. Zusätzlich haben wir in Abstimmung mit Soziallandesrätin Birgit Gerstorfer ein Notquartier im Zentralraum eingerichtet. Natürlich bieten wir auch telefonische bzw. digitale Beratung an.

Schuh: Wenn Betroffene Angst haben, sofort Beratung holen! Alle Beratungsstellen und Gewaltschutzzentren sind besetzt - auch mit Dolmetscherinnen. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und es werden alle Personen beraten, die in Oberösterreich wohnhaft sind. Wenn wirklich Gewaltvorfälle vorliegen, unbedingt die Polizei anrufen. Betroffene sollten das Handy immer bei sich haben und im Notfall schnell die Wohnung verlassen und die Polizei anrufen.

Weekend: Was, wenn die Betroffenen keine Möglichkeit haben, die Polizei anzurufen, ohne dass der Täter es mitkriegt? Wie wichtig ist jetzt Nachbarschaftshilfe bzw. Zivilcourage?

Schuh: Sehr wichtig! Unsere Bitte ist: Wenn man irgendetwas wahrnimmt in der Nachbarwohnung, das sich danach anhört, als hätte jemand Angst -  dann bitte die Polizei anrufen! Wenn man sich traut, kann man auch versuchen, die Situation zu unterbrechen und anzuläuten – man soll sich aber nicht selber in Gefahr begeben.

Andree: Ja, genau darum ist jetzt auch Zivilcourage so wichtig. Nicht wegschauen, wenn man etwas mitkriegt in der Nachbarschaft! Es ist immer besser, einmal zu oft die Polizei angerufen zu haben. Wenn man glaubt, es ist zu laut in der Nebenwohnung, kann man auch beim Nachbarn anläuten und z.B. nach Zucker oder Mehl fragen – um die Gewaltsituation zu unterbrechen. In dem Moment kann die Frau vielleicht auch die Polizei anrufen.

Weekend: Hat die Polizei jetzt auch genügend Kapazitäten, um sich um Einzelfälle kümmern zu können?

Schuh: Wir haben von der Polizei zugesichert bekommen, dass sie natürlich weiterhin Betretungsverbote etc. ausspricht.

Andree: Die Polizei hat bestätigt, dass Wegweisungen nach wie vor vorgenommen werden. Die Polizisten sind auch vorbereitet darauf, dass Eskalationen vermehrt passieren werden. Was wir noch nicht einschätzen können, ist, wie reagiert die Polizei wenn die ganze Familie in Quarantäne ist. Ich hoffe, dass man dann nicht beschwichtigt, sondern weiterhin Wegweisungen vornimmt. Bis jetzt war bzw. ist das aber noch kein Thema.

Weekend: Um sich aus einer Gewaltbeziehung trennen zu können, ist es auch wichtig, wirtschaftlich unabhängig zu sein. Erhalten Betroffene hier Unterstützung?

Schuh: Wir haben das Projekt Perspektive:Arbeit, das durch das AMS OÖ finanziert wird. Damit unterstützen wir gewaltbetroffene Frauen bei der Abreitssuche beziehungsweise beim Arbeitsplatzerhalt. Bei Frauen kommen oft Multiproblemlagen zusammen: Wenn man noch nicht weiß, wie zahle ich meine Miete, wie ernähre ich meine Kinder, wer kann auf meine Kinder aufpassen - dann ist es schwierig einen Kopf für die Arbeitssuche zu haben. Deswegen unterstützen wir sie hier in allen Belangen.

Beratungsstellen - Kontakte

Polizeitnotruf: 133

Frauenhelpline: 0800 / 222 555

Frauenhaus Linz: 0732 / 60 67 00, office@frauenhaus-linz.at

Gewaltschutzzentrum OÖ: 0732 / 60 77 60, ooe@gewaltschutzzentrum.at

Autonomes Frauenzentrum Linz: 0732 / 60 22 00, hallo@frauenzentrum.at

Familienzentrum Pichling: 0732 / 32 00 71

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Eva Schuh, Geschäftsführerin vom Gewaltschutzzentrum OÖ im Weekend Talk. Foto: Fotografie New Art Linz

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Dagmar Andree, Vorsitzende des Linzer Frauenhauses im Weekend Talk. Foto: privat

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