Greta Thunberg: Einmal kurz die Welt retten

Greta Thunberg initiierte die größte Jugendbewegung der jüngeren Geschichte – von vielen verehrt, wird aber auch die Kritik immer lauter.

Greta Thunberg
Greta Thunberg unterwegs für den Klimaschutz Foto: Jonathan Nackstrand/AFP/picturedesk.com

Ein 15-jähriges Mädchen will nicht mehr zur Schule gehen, sondern stattdessen lieber die Welt retten. Klingt ganz nach den diversen Träumereien eines typischen Teenagers – doch dieses Mädchen aus Schweden meinte es offensichtlich ernst. So wurde aus einem einsamen Streik vor dem schwedischen Reichstag im August des Vorjahres inzwischen mit "Fridays for Future" die für viele größte Protestbewegung seit den "68ern".

Einflussreich

Greta Thunberg, inzwischen 16, wurde für ihre Anhänger zu einer Art weiblicher Messias, zur Lichtgestalt im Kampf gegen den Klimawandel. Und mittlerweile hat die Tochter einer Opernsängerin und eines Schauspielers wirklich viele Anhänger. Auf Instagram folgen ihr über 1,9 Millionen Menschen, auf Facebook sind es weit über 900.000 und auf Twitter auch noch 600.000. Nicht umsonst zierte sie also das Cover des legendären Time Magazine und wurde zu einem der einflussreichsten Teenager der Welt gewählt.

Liken für den Status

"Gerade solche Botschaften lassen sich in den sozialen Medien wahnsinnig schnell verbreiten – außerdem ist es ja auch so, dass Facebook schon auch sehr der persönlichen Imagepflege dient, und wenn ich jetzt ein Posting von Greta Thunberg like, definiere ich mich ja auch selbst damit und zeige, dass ich mich für die Umwelt einsetze. Ob das jetzt auch wirklich so ist, spielt in der Onlinewelt nur eine zweitrangige Rolle", erklärt die Französin Gayannée Kedia, Sozialpsychologien an der Uni Graz.

Terminator und Papst

Greta mobilisiert aber auch im echten Leben. Egal wo sie in Europa mit dem Zug hinfährt, von London bis Kattowitz, von Brüssel bis Rom, Tausende hängen an ihren Lippen. In Wien waren es im Rahmen des "Austrian World Summit" sogar 35.000. Längst weiß die junge Schwedin neben einer weltweiten Anhängerschar (in Australien protestierten im November 2018 über 10.000 Schüler gegen den Klimawandel) prominente Unterstützer wie den einstigen "Terminator" Arnold Schwarzenegger an ihrer Seite – und selbst der Papst dankte Greta für ihr "großes Engagement für die Verteidigung der Schöpfung".

Schulschwänzer

Und doch stößt die "Fridays for Future"-Bewegung auch auf immer mehr Ablehnung – oft sogar regelrechten Hass. Sehen einige in Thunbergs Aktionismus nur eine aufgeblasene Marketingmaschinerie, stempeln andere auch die Freitagsproteste in Österreich als schnödes Schulschwänzen ab. Eine Aussage, die Greta nur zu gut kennt – "aber warum sollen wir für eine Zukunft lernen, die bald nicht mehr existieren wird, wenn niemand etwas tut, um sie zu retten?"

Freie Gesellschaft

Für die Sozialpsychologin Kedia ist die immer stärker aufkommende Kritik nur logisch. "Weil es in einer freien Gesellschaft nur natürlich ist, dass es immer auch eine Gegenbewegung gibt. Das ist ja grundsätzlich auch gut so, weil sich damit auch eine freie Gesellschaft definiert – wir leben ja zum Glück nicht in einer Diktatur."

Religiöser Eifer

Einer dieser Kritiker ist der Wiener Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. "Für mich ist diese gesamte Bewegung ein riesengroßes PR-Ereignis – die Menschen folgen mit religiösem Eifer der vermeintlichen Erlöserin. Ich warte ja nur mehr darauf, dass bei ihr Stigmata wie bei Jesus Christus auftreten", formuliert es der 59-Jährige überspitzt. Für ihn ist der Klimastreik kein Beweis dafür, dass sich die Jugend plötzlich politisch interessiert. "Im Gegenteil, es zeugt ja eher von politischem Desinteresse, dass man nichts kritisch hinterfragt und einfach nachläuft. Vielmehr ist es eine emotionale Bewegung, die auf große Bilder und starke Symbole setzt – und das hat bei den Menschen eben schon immer funktioniert."

Andere Sorgen

Für Heinzlmaier ist es auch nicht "die" österreichische Jugend, die auf die Straßen geht und demonstriert. "Vielmehr ist es einfach die Basis der Grünen Partei aus einem postmateriellen, urbanen Milieu – Jugendliche, die in wohlbehüteten Vierteln aufgewachsen sind, ins Gymnasium gehen und sich sonst keine Sorgen machen müssen. Und ich freu mich für sie auch wirklich, dass sie sich mit ökologischen Themen auseinandersetzen können. Aber Menschen in anderen Wiener Bezirken haben sicher auch ganz andere Sorgen."

Längere Halbwertszeit

Dennoch glaubt der Jugendforscher nicht an ein schnelles Verschwinden der freitäglichen Demonstrationen aus den Straßenbildern der europäischen Städte. "Da stecken viele Emotionen und vor allem auch viel Geld dahinter. Ich glaube also, dass das sicher auch über die Sommerferien hinaus weitergehen wird."

Short Talk

Bernhard Heinzlmaier, Jugendforscher

Weekend: Wären Sie stolz, wenn Ihre Kinder sich an "Fridays for Future" beteiligen würden?

Bernhard Heinzlmaier: Ich sehe das gleich wie die Fronleichnamsumzüge – wäre weder begeistert noch entsetzt. Ich sehe diese Bewegung als jugendkulturelle Demonstrations­folklore, einen globalen Kreuzzug mit reli­giösem Eifer behaftet, ohne sich aber kritisch damit auseinanderzusetzen. Also stolz wäre ich eher nicht.

Weekend: Wie sehen Sie den Vergleich mit der 68er-Bewegung?

Bernhard Heinzlmaier: Dieser Vergleich ist lächerlich. Damals hat man sich kritisch mit der Gesellschaft auseinandergesetzt und nach Alternativen gesucht. Da war eine Fülle an politischen Themen, die das Leben der Menschen nachhaltig beeinflusst haben. Etwa die Überarbeitung des Jugendstraffvollzuges, die Stellung der Frau usw.

Weekend: Wie erfolgreich sehen Sie die Bewegung aktuell?

Bernhard Heinzelmaier: Wenn man sieht, dass sogar die FPÖ ihre grüne Seite entdeckt, kann man schon von einer gewissen politischen Resonanz sprechen. Allerdings ist die Politik auch leicht auszurechnen – man wirft einen Knochen hin, und der wird schwanzwedelnd aufgenommen. Aber eine ernsthafte, nachhaltige Politik kann ich noch nicht erkennen.