Geschichten-Erzähler

Audienz beim Erfolgsautor: In seinem alten Kloster in St. Georgen/Stiefing traf das Weekend Magazin Folke Tegetthoff zum großen Interview.

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Foto: geopho.com

weekend: Was macht für Sie eine gute Geschichte aus?
Folke Tegetthoff: Eine gute Geschichte ist die, wo ich jemanden finde, der mir zuhört. Das klingt sehr simpel und einfach, ist es aber nicht. Wir sind nämlich eine Gesellschaft der Redenden, der Plaudertaschen – was ja ein Zeichen des steigenden Egoismus ist, dass wir unsere Geschichten für so wichtig halten, dass wir sie ständig erzählen müssen. Das ist eines der großen Probleme unserer Zeit geworden – die Leute erzählen einfach ununterbrochen Geschichten und es interessiert sie überhaupt nicht, ob jemand da ist, den die Geschichte interessiert.

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weekend: Sind Geschichten also nicht mehr zeitgemäß?
Folke Tegetthoff: Meiner Meinung nach ist eine gute Geschichte zeitgemäßer denn je, weil jeder von uns eine ganz große Sehnsucht nach Geschichten hat. Das hat auch mit der heutigen Zeit zu tun, in der wir in ganz verknappter Form ständig Informationen ausgesetzt sind. Wenn man etwa auf Instagram ein Foto postet – damit will ich ja das gleiche wie mit einer riesengroß erzählten Geschichte erreichen. Ganz viele Kinder und Jugendliche verlieren die Fähigkeit, große Geschichten zu erzählen, gerade für die ist es deshalb ganz wichtig, auf ein anderes Medium auszuweichen – und das ist eben das Bild. Deshalb leben wir auch in einer völlig übervisualisierten Welt.

weekend: Sind Sie selbst auch auf Instagram?
Folke Tegetthoff: Nein, ich verzichte bewusst auf Social Media. Mir ist das zu oberflächlich, zu vergänglich, einfach zu nichtssagend. Dieses schnell Hinausgepeitschte hat selten einen Tiefgang, das widerspricht völlig meiner Einstellung. Ebenso wie ich schon seit Jahren auch keine Tageszeitungen mehr lese. >

weekend: Sie konsumieren also keine Nachrichten?
Folke Tegetthoff: Nein, wir haben auch noch nie einen Fernseher gehabt. Wenn irgendwas Wichtiges ist, schau ich es mir auf der TV-Thek an und ich lebe wunderbar damit.

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weekend: Das heißt, auch die Tagespolitik verfolgen Sie nicht?
Folke Tegetthoff: Die ist ja nicht entscheidend oder wichtig. Und ob ich mir das wirklich Wichtige drei oder 48 Stunden später anschaue – wen interessiert das? Diese Sensationsbefriedigung durch schnelle Medien, dem will ich mich entziehen.

weekend: Bleiben wir aber bei der Tagespolitik – was meinen Sie, wie wird man in 50 Jahren auf Österreich im Jahr 2019 zurückschauen?
Folke Tegetthoff: Die Geschichte ist immer sehr gnädig und betrachtet das im Rückspiegel ohne diese ideologischen Äxte, die so gern geschwungen werden. Wobei ich es ja sehr interessant finde, dass, wenn du ein Künstler bist, du natürlich automatisch links sein musst.

weekend: Welchem politischen Spektrum würden Sie sich zuordnen?
Folke Tegetthoff: Ich wollte mich nie entscheiden. Ich brauche keinerlei Ideologien, fühle mich mit meinem eigenen, politischen Gedanken völlig ausbalanciert. Das Schlimme an der Tagespolitik ist ja, dass wir so getrieben sind von Ideoligien. Nehmen wir zum Beispiel die Wirtschaftspolitik: Da ist es mir ein absolutes Rätsel, wie Menschen reagieren, wenn eine Sozialministerin sagt, wir sollten darüber nachdenken, wer die Arbeit schafft. Das schafft nun einmal die Industrie – die Unternehmen schaffen eben die Arbeit. Punkt. Zu sagen, ich bin Künstler und darf mich mit schnödem Mammon nicht beschäftigten, ist furchtbar. Dafür jammert jeder, dass er kein Geld hat, dass der Staat nicht genug fördert.

weekend: Die österreichische Tagespolitik wird aktuell ja von „Einzelfällen“ beherrscht …
Folke Tegetthoff: Darüber bin ich unglaublich bedrückt. Ich würde keinem FPÖ-Politiker, der Aussagen dieser Art trifft, die Hand geben, auch wenn es mich um Förderungen oder was auch immer bringt – das interessiert mich überhaupt nicht. Ich finde es ganz schrecklich, dass man aus der Geschichte scheinbar nicht lernt. Wenn man nichts lernt aus dem Rückblick, aus der Diktion, wie man Sprache verwendet – und das merkt man bei der FPÖ ganz extremst, wie da Sprache eingesetzt wird, um da Aggressionen und Ängste zu schüren – ist das natürlich abzulehnen.

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weekend: Am 24. Mai startet zum bereits 32. Mal Ihr Storytelling Festival „grazErzählt“ – was ist das Erfolgsgeheimnis dieser Veranstaltung?
Folke Tegetthoff: Die Idee dahinter war und ist einfach, Kulturen und Religonen gemeinsam auf einer Bühne zu präsentieren. Einfach, um auf eine spielerische Art und Weise zu zeigen, was es heißt, Toleranz gegenüber anderen zu üben. Und ich glaube, dass das eben mit kaum etwas anderem besser geht, als mit Geschichten. Dafür braucht man sich nur die Religionen anzuschauen – ob Bibel oder Koran, alle Religionsbücher sind auf Geschichten aufgebaut. Diese Idee hat bis ins 32. Jahr seine Gültigkeit – wir präsentieren die unterschiedlichsten Formen menschlichen Ausdrucks.

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