VÖV-Vorstand Gerwin Müller im Interview

Erwachsenenbildung: Gerwin Müller ist der erste Kärntner an der Spitze des Dachverbands der Österreichischen Volkshochschulen und spricht mit uns über das Wesen der Institution Volkshochschule sowie seine neue Funktion.

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„Die Volkshochschulen gehören zu den innovativsten Erwachsenenbildungsinstitutionen Österreichs und erbringen wertvolle Integrationsleistungen.„ Gerwin Müller, Vorstandsvorsitzender VÖV Foto: Oskar Höher

weekend: Wie fühlt man sich als frischgebackener Vorstandsvorsitzender des Verbands Österreichischer Volkshochschulen (VÖV)?
Gerwin Müller: Ich bin einerseits stolz, da die Position erstmalig mit einem Kärntner besetzt wurde, was aufgrund der vergleichsweise geringen Größe der Kärntner Volkshochschulen wahrscheinlich einmalig bleiben wird, andererseits aber auch sehr gespannt darauf, was nun alles auf mich zukommen wird.

weekend: Welche Tätigkeitsfelder umfasst Ihre neue Funktion?
Gerwin Müller: Grob skizziert obliegen mir Repräsentations- und Organisationsaufgaben, das Lobbying bei Geldgebern und Politikern im Sinne aller Volkshochschulen in den Bundesländern sowie, gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen, die Vereinsführung des VÖV.

weekend: Ein Grund für Ihre Bestellung dürften Ihre Erfolge im Zusammenhang mit der Modernisierung und Professionalisierung der Volkshochschulen in Kärnten gewesen sein. Auf welche Meilensteine sind Sie diesbezüglich besonders stolz?
Gerwin Müller: In diesem Kontext sind mir die Professionalisierung der Vereinsstrukturen, die Umsetzung eines zukunftsorientierten Strategieprozesses, der Einstieg in die europäische Projektszene und die Einführung eines Qualitätssiegels zur Qualitätssicherung besonders wichtig. Diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass wir heute mit 70 hauptberuflichen und 630 nebenberuflichen Kursleitern jährlich 3500 Kurse mit 25000 Teilnehmern abhalten können sowie zur führenden Erwachsenenbildungsinstitution Kärntens aufgestiegen sind.

weekend: Können Sie uns einen Überblick über die inhaltliche Ausrichtung des Kursprogrammes der Volkshochschulen verschaffen?
Gerwin Müller: Die Volkshochschule soll zunächst einmal der Anforderung nachkommen, Weiterbildungskurse zu sozial verträglichen Preisen flächendeckend anzubieten. Unsere Schwerpunkte setzen sich dabei aus der Basisbildung - der Ausrottung des strukturellen Analphabetismus - und dem Nachholen des Pflichtschulabschlusses zusammen, was in dieser Form kärntenweit exklusiv von uns angeboten wird. Außerdem bildet unser Programm die europäischen Schlüsselkompetenzen des Lissabonprozesses ab, aus denen aktuell insbesondere die Digitalisierungskompetenzen herausstechen.

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Gerwin Müller ist der designierte Vorstandsvorsitzende des VÖV und scheidender AK-Vizedirektor sowie Geschäftsführer der Kärntner Volkshochschulen Foto: Gernot Gleiss

weekend: Stichwort Digitalisierung: Wie wird diese von den Volkshochschulen angewandt und gelebt?
Gerwin Müller: Die Volkshochschulen haben es sich zum Ziel gesetzt, nicht nur Digitalisierungskompetenzen zu vermitteln, sondern auch digitale Innovationen einzuführen. So trägt etwa unser umfangreiches E-Learning-Angebot den mittlerweile stark veränderten Arbeitsrythmen unserer Kursteilnehmer Rechnung, ist ein Onlineportal für unserer ehrenamtlichen Trainer im Entstehen und können alle unserer Kurse auch online gebucht werden. Wir sind diesbezüglich bereits auf einem guten Weg, werden unsere Anstrengungen jedoch in der Zukunft weiter intensivieren. Trotzdem wollen wir dabei die sozialen Kompetenzen und Bedürfnisse der Menschen nicht aus den Augen verlieren. Der Mensch ist analog und eine vollständige Digitalisierung bedeutet das Ende jeglichen sozialen Lebens. Das Zusammenkommen und der persönliche Austausch werden daher in unseren Kursen immer von zentraler Bedeutung sein. In diesem Sinne bieten wir auch viele Kunst- und Kulturkurse (Malen, Literatur, Fotografie, Philosophie) an, die sich einer immer größeren Beliebtheit erfreuen.

weekend: Die Volkshochschulen erfüllen ja auch wertvolle integrative Funktionen. Wie geht dies im Detail vonstatten?
Gerwin Müller: Unsere Kurse sind von einer sozialen Durchmischung gekennzeichnet. In ihnen sitzt der pensionierte Geschäftsführer neben der Kassiererin aus dem Supermarkt und im gegenseitigen Austausch lernen die beiden für sie bis dato unbekannte Lebenswelten können. In unseren Sprach- und Integrationskursen kommt es zu Freundschaften unter Migranten aus Ländern, die sich im Kriegszustand befinden. Zudem bieten wir gratis Nachhilfeunterricht für Kinder aus sozial benachteiligten Familien an kümmern uns verstärkt um junge Menschen, die aus dem Schulsystem gefallen sind. Letzteren versuchen wir auch Kompetenzen im reflektierten Umgang mit Medien, politische Bildung und eine Interesse für kulturelle Themen näherzubringen. Ziel es dabei auch, mündige Bürger auszubilden, die den Blick über den Tellerrand wagen und zu kritischem Denken fähig sind. Leider werden unsere Bemühungen durch die politischen Rahmenbedingungen oftmals stark eingeschränkt, da z.B. nur 0,8 % des Bildungsbudgets für Erwachsenenbildung veranschlagt werden.

weekend: Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?
Gerwin Müller: Zunächst einmal möchte ich alle Volkshochschulen besuchen und Gespräche mit den Verantwortlichen führen. In weiterer Folge möchte ich die Lobbying-Arbeit intensivieren und die Volkshochschulen als eine fixe Größe in der medialen Berichterstattungslandschaft verankern.

weekend: Ihre Zeit bei der Arbeiterkammer neigt sich dem Ende zu. Wie blicken sie darauf zurück?
​Gerwin Müller: Mit unendlicher Dankbarkeit, da ich viele interessante Menschen kennenlernen und unzählige bereichernde Dinge erleben dufte sowie auch mich selbst permanent weiterentwickeln konnte.

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