Gerald Eschenauer - der IRRgläubige

Der Wahl-Villacher ist ein umtriebiger Autor, der im neuen Buch „IRRglaube“ nicht nur die Politik kritisiert, sondern gleich die ganze Gesellschaft ins Visier nimmt. In wenigen Tagen geht sein Literaturfestival "Seitenstechen" über die Bühne.

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„Wir sind zu einer völlig gefühlsverarmten Gesellschaft geworden. Wenn du öffentlich laut klatschst oder lachst, erntest du seltsame Blicke.“ Gerald Eschenauer, Autor Foto: Eschenauer

Weekend: Vor wenigen Tagen ist Ihr siebentes Buch unter dem Titel „IRRglaube“ erschienen. Auch dieses Mal ist es kein Roman, sondern besteht aus Kurzgeschichten, Miniaturen und Gedichten. Worum geht’s?
Gerald Eschenauer: Wie in den anderen Büchern auch schon, behandle ich in meinen Geschichten immer die Unfähigkeiten des Miteinanderlebens. Wobei das Buch "IRRGlaube" noch eine Spur weiter geht und fragt, ob die Richtung, die wir eingeschlagen haben, die richtige ist. Meiner Meinung nach steuern wir auf eine Entwicklung zu, die hochgradig problematisch ist.

Weekend: Das Buch beginnt mit einer Urlaubsgeschichte. Was kann am Urlaub ein Irrglaube sein?
Gerald Eschenauer: Der Urlaub ist aus meiner Sicht einer der größten Irrtümer, der uns unterläuft. Während des Urlaubs versucht man doch, in eine heile Welt zu entfliehen. Dort ist alles wunderbar, alle Probleme (dieser Welt) sind vergessen. Doch wir werden mittlerweile auch dort von der Realität eingeholt. Wenn ich mich an den Strand setze und neben mir liegt bereits das Plastik herum, bedeutet das, dass ich auch dort nicht mehr in der heilen Welt bin und dass es ein Irrglaube ist, diese Form der heilen Welt gäbe es tatsächlich (noch).

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Eschenauers siebtentes Buch "IRRglaube" (MITGIFT Verlag) ist vor Kurzem erschienen Foto: Eschenauer
Weekend: Und die (ehemalige) österreichische Bundesregierung ist Ihrer Meinung nach nicht unschuldig daran, dass die „heile“ Welt zerbricht.
Gerald Eschenauer: Wie wir und wie unsere politische Repräsentanz momentan mit den Menschen umgeht ist besorgniserregend. Hochgradig problematisch für mich, weil sich hier autoritäre Staatsformen herauskristallisieren, die ich absolut nicht sehen möchte. Als Bürger dieses Landes nicht und als Künstler ohnehin nicht. Ich finde, dass jegliche Form von Diskriminierung, Extremismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit absolut keinen Platz in einer modernen Demokratie haben dürften.

Weekend: Sie nehmen die Anbetung der Digitalisierung als Allheilmittel unserer Probleme ins Visier.
Gerald Eschenauer: Wir sind zu einer völlig gefühlsverarmten Gesellschaft geworden. Wenn du laut klatschst oder lachst, erntest du besorgte Blicke. Und die Digitaliserung entmenschlicht die Gesellschaft noch weiter. Wir haben mittlerweile digitale Identitäten und menschliche Menschen, die gegeneinander ausgespielt werden. Es ist zwar noch weit weg von uns, aber in japanischen Krankenhäusern fahren bereits Roboter auf Magnetbahnen von Zimmer zu Zimmer und „kümmern“ sich um die Patienten. Irre! Ein großes Problem ist, dass die Digitalisierung sämtliche Gesetze, die wir haben, überholt und die Politik hinterherhinkt. Die Gesetzgebungen greifen nicht mehr auf das, was und wie wir jetzt leben. In meinen Augen, prescht die Politik auch hier - wie in so vielen Bereichen - vor, hat aber nicht die Rahmenbedingungen, um damit vernünftig umzugehen.

Weekend: Ein Beispiel?
Gerald Eschenauer: Es ist noch nicht lange her, dass alle Getränkehersteller auf Plastikflaschen umgestellt haben – und zehn Jahre später sagt man „Na, das ist aber pfui!“ Wieso überlegt man sich das nicht vorher schon?

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Das von Gerald Eschenauer initiierte Alpen-Adria-Literaturfestival "Seitenstechen" geht am 21. Juni 2019 in der Klosterruine Arnoldstein über die Bühne Foto: Otto Gombocz

Weekend: Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Schriftsteller?
Gerald Eschenauer: Die gröbsten Auswirkungen auf die SchriftstellerInnen und Verlagslandschaft gibt es im Bereich der Rechteverwaltung von digitalisierten Werken. Das ist eine große Urheberfrage. Große Konzerne digitalisieren Werke, ohne dass die Urheber Einsprüche erheben können. Daher bedarf es auch ganz geschickter politischer Gesetzgebung, um Werke geistiger Art zu schützen.

Weekend: Der Digitalisierungs-Wahn ist aber nicht der Grund, wieso Sie Ihre Geschichten auf einer mechanischen Schreibmaschine zum Leben erwecken…
Gerald Eschenauer: Es hat einen viel tiefsinnigeren Grund: Ich kann im ersten Moment keine Korrekturen durchführen. Das bedeutet, ich denke genau darüber nach, was ich schreibe, weil ich es nicht ständig löschen und neu formulieren kann. Dieser Prozess des Nachdenkens, wie baue ich den Satz oder die Geschichte auf, ist für mich und meine Geschichten ungemein wichtig.

Weekend: Es gab kritische Stimmen zu Ihrem Buchcover. Wieso?
Gerald Eschenauer: Ich werde unglaublich oft darauf angesprochen und verstehe die Aufregung nicht. Aufregen sollte man sich viel mehr über die vielen retouchierten Werbefolder, auf denen Kinder mit langgezogenen Armen und unnatürlich großen Füßen in absolut abnormalen Posen gezeigt werden. Andere Kinder sehen diese Bilder, diese scheinbaren Ideale und glauben, sie selbst seien nicht normal, weil sie nicht so aussehen. Ich sehe nun mal so aus nach dem Aufstehen wie auf meinem Buchcover. Das ist persönlich.

Weekend: Unnatürlich sind für Sie auch Workshops für Schriftsteller.
Gerald Eschenauer: Ja, ich halte es mit Gustav Januš, der meinte, jeder Schriftsteller müsse seine eigene, unverwechselbare Handschrift haben. Wie soll mir das eine Schreibschule beibringen? Mein Verein „BUCH13“ bietet Workshops für Autoren an, um sie auf die Buchpräsentationen und Ähnliches vorzubereiten. Aber nicht, um ihnen das Schreiben beizubringen. Schreiben kann man oder kann man nicht. Punkt.

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Gerald Eschenauer hat 2013 Kärntens größten Literaturverein „BUCH13“ gegründet, der mehr als 100 Mitglieder zählt und als Präsentationsplattform für Autoren fungiert. Foto: Hannes Pacheiner
Weekend: Schreiben können vor allem auch Ihre Gäste beim 3. Alpen-Adria-Literaturfestival am 21. Juni 2019 in der Klosterruine Arnoldstein. Wer ist heuer dabei?
​Gerald Eschenauer: Die Idee hinter „Seitenstechen“ ist, verdienstvollen AutorInnen einen Rahmen zu geben, der ihnen gerecht wird. Heuer mit dabei sind der österreichische Buchpreisträger Daniel Wisser aus Klagenfurt, Sabine Gruber aus Meran, die den österreichischen Kunstpreis für Literatur erhalten hat, die Südtirolerin Roberta Dapunt, der Kärntner Richter & Autor Janko Ferk und ich.

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