Generation YouTube: Dumm und dümmer?

Verwöhnt, faul und unfähig: Egal ob Babyboomer, Generation X oder Millennials, jede Generation glaubt, die Weisheit für sich gepachtet zu haben. War früher wirklich alles besser?

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Smartphone und Social Media - mehr Fluch als Segen für Kinder? Foto: shironosov/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

"Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer." Dieses Zitat stammt nicht etwa aus den 1970er-Jahren, sondern wird dem griechischen Philosophen Sokrates, der vor rund 2.500 Jahren lebte, zugeschrieben. Dieses "Urteil" wird seither von Generation zu Generation weitergegeben. Aber gibt es auch Beweise dafür?

Bildungsbürger

Immer wieder werden ­alarmierende Zahlen veröffentlicht: So sind 31 Prozent der 15-Jährigen in mindestens einer der drei PISA-Domänen (Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften) besonders leistungsschwach. Zusätzlich rechnet man in Österreich damit, dass knapp eine Million Menschen funktionelle Analphabeten sind, also nur völlig unzureichend lesen und schreiben können. Geht man aber vom nominellen Bildungsabschluss aus, ist genau das Gegenteil der Fall: Seit 1981 ist die Zahl der Personen, die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen, von 46 auf 18,3 Prozent gesunken. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Akademiker aber verdreifacht. Trotzdem haben vor allem die Lehrer das Gefühl, dass der Wert von Bildung abgenommen hat. "Die Schüler haben wenig Willen, sich anzustrengen, und eine geringe Toleranzgrenze, was Misserfolge betrifft. Materiell gesehen bekommen sie alles, sich anzustrengen lohnt sich nicht", erklärt eine Lehrerin, die an ­einer Neuen Mittelschule (NMS) arbeitet. In den Gymnasien zeigt sich ein anderes Bild: "Wir sind natürlich eine Insel der Seligen und haben den Vorteil, dass wir uns die Schüler noch großteils selbst aussuchen können", so eine AHS-Lehrerin. Aber auch hier sieht man die Probleme: "Meiner Meinung nach müssten wir die Ressourcen in die Volksschulen verlagern und eine Lösung für 'Brennpunktschulen' finden." Die Probleme, die sich durch die fehlenden Kompetenzen ergeben, ziehen sich natürlich auch ins Berufsleben weiter: "Unternehmen können von zehn Anwärtern, die sich um eine Lehrstelle bewerben, nur zwei nehmen, weil den anderen trotz eines positiven Schulabschlusses grundlegende Fähigkeiten wie Rechtschreibung und Grundrechnungsarten fehlen", sagt Autor Andreas Salcher.

Helikopter vs. U-Boot

Die letzten beiden Generationen haben ein neues Phänomen zutage gebracht: Eltern, die den Kindern mit ihrer überfürsorglichen Erziehung die Möglichkeit nehmen, aus Misserfolgen zu lernen. Dieses Verhalten der Eltern führt zu einer mangelnden Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen. "Die Eltern suchen die Schuld für Misserfolge nicht bei sich selbst oder dem Kind, sondern irgendwo anders. Ein Beispiel: Kann ein Kind schlecht lesen, hat es gleich Legasthenie", so eine Lehrerin. Die Helikoptereltern haben es mittlerweile auch auf die Hochschulen geschafft und begleiten ihre "Kleinen" sogar zum Inskribieren auf die Universität. Dieser Umstand hat dazu geführt, dass die Unis eigene Broschüren bereitlegen. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich die Eltern, die sich nur peripher für die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder interessieren und die Verantwortung auf die Schulen schieben. "Wir haben es zum Teil mit einer unerzogenen Generation zu tun, der von ihren Eltern oft die wichtigsten Regeln und Werte im zwischenmenschlichen Umgang nicht mitgegeben wurden. Viele dieser Kinder können sich in keine Gemeinschaft einpassen und werden immer aggressiver", so Salcher. Auch der deutsche Professor Klaus Hurrelmann stellt ein ernüchterndes Zeugnis aus: "Es werden heute ­leider mehr Kinder von jenen Eltern in die Welt gesetzt, die nicht genügend reflektieren, was es bedeutet, ein Kind zu bekommen. Sie investieren wenig in den Nachwuchs, weil sie die Folgen nicht bedacht haben. Und die, die viel investieren könnten, entscheiden sich oft gegen Kinder – das wirkt sich auf Dauer auf die Bildungsressourcen eines Landes aus."

Insta-Star

Die Generation YouTube zeichnet aus, dass sie die Digitalisierung des Alltags bereits komplett in ihr Leben integriert hat. Das Smartphone ist ihr ständiger Begleiter und bringt neue Berufswünsche: Immer öfter werden statt Polizist oder Tierarzt Influencer und Profi-Gamer genannt. Den Vorbildern auf Plattformen wie Instagram, Twitch, Snapchat und Co. wird nachgeeifert. Das hat zur Folge, dass Zehnjährige zwar die neuesten Computerspiele und Insta-Stars, aber keine Märchen mehr kennen. Eine Studie der Freien Universität Berlin bescheinigt ein erschreckendes Niveau im Bereich Allgemeinbildung: 40 Prozent der Befragten haben die Frage "Kennen Sie den Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur?" mit "Nein" beantwortet. Das "Wissen der Welt" in der Hosentasche zu haben hat außerdem unterschiedliche Auswirkungen auf die Jugendlichen: "Untersuchungen zeigen, dass ohne Begleitung das Smartphone für niedrige soziale Schichten negative Wirkungen hat, für höhere soziale Schichten positive. Die Schere geht also auseinander, wenn wir uns in der Schule nicht mit Kindern und ihren digitalen Geräten aktiv auseinander­setzen", erklärt Salcher.

Short Talk

Andreas Salcher, Buchautor

Woran liegt es, dass wir das Gefühl haben, der Jugend fehlt der "Hausverstand"?

Andreas Salcher: Ich würde statt dem Wort "Hausverstand" lieber die Begriffe "soziale Kompetenz" und "Problemlösungsfähigkeit" wählen. Lernen durch Erfahrung lässt sich nicht durch noch so viel Belehrung ersetzen. Schwimmen lernt man in einem Schwimmbecken, nicht im Physiksaal, Radfahren durch Hinfallen und wieder Aufstehen. Sozial kompetente Eltern können ihren Kindern sehr wohl Werte wie Mitgefühl, Resilienz, Selbstwertgefühl oder Zielstrebigkeit vermitteln.

Was unterscheidet die aktuellen Jugendlichen von den Generationen zuvor?

Andreas Salcher: Die Lebenswelten von jungen Menschen, die aus gebildeten Elternhäusern kommen, die sie fördern und zur Selbstbestimmung erziehen, und von jenen, deren Eltern oft selbst große Probleme haben, ihr eigenes Leben zu meistern, klaffen stark aus­einander. Der große gemeinsame Nenner zu den Generationen zuvor sind sicher die Chancen und Gefahren von Smartphones und Social Media. Kluge Eltern reagieren hier weder mit Totalverboten, die den Reiz des Verbotenen nur erhöhen, noch mit einer Laissez-faire-Haltung, die Kinder völlig überfordert. Verantwortungsbewusste Eltern stellen klare Regeln auf, die sie konsequent durchsetzen.

Was läuft in unseren Schulen falsch, dass Jugendliche gefühlt etwas fern der Realität aufwachsen?

Andreas Salcher: Seien wir ehrlich: Würden wir heute unser Schulsystem komplett neu gründen, kämen wir wohl nie auf die Idee, zu versuchen, bis zu 22 Gegenstände zusammenhanglos in 50-Minuten-Einheiten in Kinderköpfe hineinzustopfen. Lernen passiert über Beziehung, deshalb funktioniert es in der Volksschule noch am besten. Lernformen und Lehrpläne haben sich auch ab der Mittelstufe den Schülern anzupassen und nicht umgekehrt. Öffnen wir daher die Schulen für "schulfremde" Personen wie Künstler, Handwerker, Jungunternehmer, Erfinder oder Sportler, damit sie für einige Tage oder Wochen einen Hauch der echten Welt mitbringen. Geben wir unseren Schulen endlich Luft zum Atmen, befreien wir sie von Vorschriften, die für den Betrieb von Atomkraftwerken sinnvoll sind, aber nicht für Schulen.

Wie schlau sind Sie?

1. Heldenplatz ist ein Drama von ...?
a. Thomas Bernhard
b. Peter Handke
c. Elfriede Jelinek

2. Wann wurde in Österreich das Wahlrecht für Frauen eingeführt?
a. 1955
b. 1925
c. 1918

3. Wie hoch ist die Bevölkerungszahl in der EU?
a. ca. 245 Millionen
b. ca. 510 Millionen
c. ca. 850 Millionen

4. Welches Ereignis gilt als Auslöser des Ersten Weltkriegs?
a. Attentat von Wien
b. Attentat von Berlin
c. Attentat von Sarajevo

5. Am Karfreitag gedenken Christen ...
a. der Kreuzigung von Jesus
b. der Auferstehung von Jesus
c. der Wunder von Jesus

6. Aus welchem Märchen entstammt der Ausdruck "Sieben auf einen Streich"?
a. Schneewittchen und die sieben Zwerge
b. Der Wolf und die sieben Geißlein
c. Das tapfere Schneiderlein

(Richtige Antworten: 1a; 2c; 3b; 4c; 5a; 6c)