Fußball-WM: Spiele im "Reich des Bösen"

Die besten Fußballer der Welt messen sich ab 14. Juni in Russland. Für Wladimir Putin geht es dabei vor allem um die Positionierung Russlands als Weltmacht.

Fußballstadium - Cover
Die Fußball-WM findet von 14. Juni bis 15. Juli statt Foto: efks/iStock/Thinkstock

Nastrovje! Zwei Milliarden Liter Wodka werden in Russland pro Jahr getrunken – das ergibt einen stolzen Pro-Kopf-Konsum von 17 Litern. Wie oft dabei auf Wladimir Putin angestoßen wurde, ist statistisch nicht belegt. Zweifellos ist der ehemalige Geheimdienstchef im eigenen Land aber so beliebt wie überhaupt noch nie. Mit fast 77 Prozent der Stimmen bei der letzten Präsidentschaftswahl fuhr er das beste Ergebnis seiner ­Karriere ein.

Macht

Der Großteil der Russen steht hinter seinem Präsidenten – knapp 90 Prozent der Landsleute befürworteten etwa die Annexion der Krim, so eine Umfrage des Lewada-Zentrums, dem einzigen vom Staat unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Russlands. Es ist dies ein Wert, den Putin noch nie erreicht hat. Einher mit dieser Beliebtheit geht eine schier unerschöpfliche Machtfülle. "Wenn Macht eine Währung ist, dann ist Wladimir Putin der reichste Mensch der Welt", konstatierte deshalb etwa das Magazin Forbes.

Muskelspiele

Der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan bezeichnete die Sowjetunion einst als "Reich des Bösen" – dies war 1983, mitten im ­"Kalten Krieg". Die UdSSR gibt es längst nicht mehr – und doch hält sich dieses Russland-Image hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen. Zumal Putin um seine Trauer ob des Zerfalls des Riesenreichs keinen Hehl macht: "Der Zerfall der UdSSR ist die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts." Nun setzt der 65-Jährige alles daran, sein Land zu alter Stärke zurückzuführen. Neben politischen und militärischen Muskelspielen setzt er dabei vor allem auf den Sport.

Zehn Milliarden

Groß­ereignisse wie die Olympischen Winterspiele 2014 und natürlich die am 14. Juni beginnende Fußball-WM sollen den russischen Weltmachtstatus vor einem Milliardenpublikum untermauern. Und dafür rollt der Rubel. Neun der zwölf WM-Stadien wurden extra für die WM gebaut – die Gesamtkosten belaufen sich auf zehn Milliarden Euro, inoffiziell sollen es weit mehr werden. Und das in einem Land, in dem 20 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben.

Arbeitssklaven

Was Menschenleben in Putins Reich offensichtlich wert sind, brachte eine Story des norwegischen Magazins "Josimar" zutage. So hackelten am Stadion in St. Petersburg 110 Nordkoreaner als Zwangsarbeiter mit. Sie lebten dort wie Sklaven in einem mit Stacheldraht umzäunten Containerlager, ohne Kontakt zur Außenwelt. Die Männer kamen auf Befehl des nordkoreanischen Regimes. "Man wirbt sie für zehn Jahre an, indem man ihnen höhere Reisrationen und den ewigen Dank Kim Jong-uns verspricht", erklärte Menschenrechtsanwalt Andrej Jakimow in der "Welt". Vom Fußballweltverband FIFA hört man dazu außer Plattitüden nicht viel – man will es sich mit Putin ja nicht verscherzen. Dass derartige Praktiken ohne Wissen des mächtigsten Mannes im Staat angewendet werden, darf bezweifelt werden. Ähnliches gilt für den Dopingskandal, der nach Olympia auch die russischen Kicker ­erfasst hat. So sollen sämtliche Spieler des russischen Kaders bei der WM 2014 von Doping profitiert haben. Konsequenzen? Fehlanzeige.

Dopingskandal

Und nun droht kurz vor dem Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudi-Arabien der nächste Skandal: Wie die ARD berichtet, sollen auffällige Doping-Proben von mehreren Spielern aus dem russischen WM-Kader ­vertuscht worden sein. Die Welt-Doping-Behörde WADA hatte laut ARD im Dezember 2014 im Moskauer Doping- Kontrolllabor 155 Proben von Fußballern in Russland beschlagnahmt und vor nun einem Jahr an die FIFA übergeben – bis dato ohne Ergebnis. Der ARD-Bericht stammt übrigens von Hajo Seppelt. Dem Doping- Experten wurde zunächst die Einreise zur WM verweigert – erst nach diplomatischem Druck hatte er das Visum erhalten, bei einer Einreise droht ihm allerdings ein Verhör durch die ­russische Justiz, die Seppelt zur unerwünschten Person erklärte.

Milliardär

Putin und die Russen juckt derartige "west­liche Propaganda" wenig. Vor allem jene nicht, die unter dem "Zaren" gut verdienen. So ist laut Forbes die Anzahl der russischen Dollar-Milliardäre heuer wieder auf über 100 ­gestiegen – 106 Menschen ­haben in Russland ein milliardenschweres Vermögen angehäuft, 2004 waren es 36. Und über allen soll Putin selbst thronen. Laut verschiedenen Berichten soll sich das von ihm kontrollierte Vermögen irgendwo zwischen 40 und 300 Milliarden Dollar bewegen. Freilich, laut offizieller Wahlliste belauft sich Putins Immobilien-Reichtum lediglich auf eine 70-Quadratmeter-Wohnung und eine 18-Quadratmeter große Garage. Die Wahrheit würden anscheinend selbst die hartgesottenen Russen nicht verkraften: Der Durchschnittslohn liegt nämlich nur knapp über 600 Euro netto – knapp fünf Millionen Menschen müssen sich allerdings mit dem gesetzlichen Mindestlohn von 123 Euro ­begnügen. Kein Wunder also, dass viele Russen zur Flasche greifen – jeder vierte Mann stirbt so wegen Alkoholkonsums vor seinem 55. Geburtstag. Nastrovje …

Angst vor den Hooligans

Es waren Bilder, die um die Welt gingen – russische Hooligans machten bei der EURO 2016 in Marseille richtiggehend Jagd auf englische Fans. Die Russen gingen dabei mit nahezu militärischer Präzision und erschreckender Gewalt vor – an die 40 Fans wurden teilweise schwerverletzt. "Die WM wird ein Festival der Gewalt", reiben sich die großteils rechtsextremen und ultranationalistischen Schläger bereits die Hände in Vorfreude auf die WM. Die englische "Sun" hat deshalb unlängst sogar "10 Gebote" für ein Überleben in Russland abgedruckt. Spät, aber doch, hat die russische Politik reagiert, seit 2017 drohen Hooligans nun empfindliche Geldstrafen sowie Stadionverbote. Bleibt nur abzuwarten, ob sich diese Leute damit abhalten lassen, die WM als große Bühne für ihren Wahnsinn zu nutzen.