Funkstille unter Verwandten: Wie kommt es dazu?

Stille Nacht. Harmonie unterm Weihnachtsbaum? In vielen Familien Fehlanzeige, weil der Kontakt – oft einseitig – abgebrochen wurde. Funkstille unter Verwandten: Wie kommt es dazu?

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Weihnachten kann einsam sein Foto: gpointstudio/iStock/Thinkstock

Was einige Menschen das ganze Jahr über beschäftigt, wird anderen zur Weihnachtszeit wieder schmerzlich bewusst: jemand fehlt. Das kann dieser eine Onkel sein, den man nur von alten Bildern kennt, oder jener „andere“ Teil der Verwandtschaft, dem man maximal auf Begräbnissen begegnet. Wenn Streitigkeiten nicht mehr ausgefochten werden können, bleibt als letzter Ausweg für viele nur noch der Kontaktabbruch.

Erbfragen

Scheidungen, Missgunst, Unehrlichkeit – und nicht zuletzt das liebe Geld zählen zu den Hauptursachen, wenn sich Familien entzweien. Insbesondere die Aufteilung des Erbes kann zur emotionalen Härteprobe werden. Das hat auch Franz (52) am eigenen Leib erlebt. Studienabschluss in Rekordzeit, bald darauf das erste Kind, Hausbau: Franz hatte sein Leben schon früh fest in der Hand. Anders sein jüngerer Bruder Erwin. „Unsere Mutter kocht heute noch für ihn“, erzählt Franz.

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Streit an Weihnachten kommt häufig vor Foto: AntonioGuillem/iStock/Thinkstock

Bevorzugung oder Hilfe

Einmal habe er sie darauf angesprochen. „Da hieß es, dass er eben im Gegensatz zu mir mehr Unterstützung braucht. Ich würde mein Leben ja selbst auf die Reihe bekommen“, sagt Franz. Vor einem Jahr beschlossen die Eltern, dass Erwin deshalb Haus und Grund eines Tages alleine erben sollte. Von Franz wurde eine Verzichtserklärung gefordert: „Zuerst war ich einverstanden. Aber dann kam die Wut und ich weigerte mich.“ Heute ist die Beziehung zur Familie schwer zerrüttet. Ab und an geht er sie aber trotzdem noch besuchen – seinen beiden Kindern zuliebe. „Mein Vater verlässt das Zimmer, wenn ich komme“, erzählt Franz. „Das macht mich sehr traurig. Ich habe doch nichts Unrechtes getan!“

Ein Tabu

Wenn Eltern sich von ihren Kindern abwenden und Kinder Eltern den Rücken kehren, kratzt das an einem gesellschaftlichen Tabu. Gerade zur Weihnachtszeit werden verlassene Eltern vermehrt damit konfrontiert: „Was machst du zu den Feiertagen? Kommen die Kinder vorbei?“ Betroffene erzählen in den seltensten Fällen, dass sich die Kinder abgewandt haben. „Das Bild der intakten Familie, die sich gegenseitig unterstützt, ist noch sehr in unseren Köpfen verankert“, sagt Familientherapeutin Michaela Langecker-Wohatschek. „Es wird tendenziell als persönlicher Makel empfunden, wenn man diesem Bild nicht entsprechen kann.“ Dabei ist die endgültige Trennung oft nur der Schlusspunkt eines langen, schmerzhaften Prozesses.

Fehlende Anerkennung

Das weiß auch Astrid (32) nur zu gut. Lange hat sie darüber nachgedacht, ob sie den Kontakt zu ihrem Vater abbrechen soll: „Er hat mich nie unterstützt, mich immer klein gemacht. Mein Studium war ihm ein Dorn im Auge. Er wollte, dass ich Medizin studiere.“ Als sich Astrid dann „nur“ für Pädagogik entschied, stellte er sämtliche Unterhaltszahlungen ein. Um die Mutter nicht zu verletzen, schob sie die Entscheidung immer wieder hinaus. Auch in der Hoffnung, dass der Vater sie eines Tages doch akzeptieren würde.

Schlussstrich

„Ich habe die Schuld immer wieder bei mir gesucht“, erzählt Astrid. „Aber mir ist klar geworden: Er wird nie mit mir zufrieden sein. Egal, was ich mache oder wie erfolgreich ich bin.“ Ihre Entscheidung, den Kontakt zu beenden, hat sie ihrem Vater telefonisch mitgeteilt. In der ersten Zeit habe sie sehr gelitten. „Zuerst habe ich sogar noch ein bisschen gehofft, dass es ihm leid tut und er sein Verhalten mir gegenüber ändert“, sagt sie. Heute gehe es ihr mit der Entscheidung aber gut: „Ich fühle mich befreit, seit er nicht mehr in meinem Leben ist und ich mir nicht mehr anhören muss, dass alles an mir schlecht ist. Ich hätte den Kontakt schon viel früher abbrechen sollen.“

Plötzlich Stille

Selten läuft ein Kontaktabbruch wie in Astrids Fall ab. Kein letztes Telefonat, kein Abschied, keine Erklärung: Oft beschließt ein Familienmitglied still und für sich, zu gehen. „Eines Tages war er einfach nicht mehr da“, erzählt Bettina (48). „Ich habe meinen Bruder 21 Jahre nicht mehr gesehen. Nicht einmal bei der Beerdigung unseres Vaters war er.“ Weshalb er den Kontakt zur gesamten Familie abgebrochen hat, ist ihr bis heute ein Rätsel. Die gemeinsame Schwester habe sich nach Jahrzehnten um Versöhnung bemüht: „Ihre Kinder wollten ihren Onkel kennenlernen. Das hat zu einer langsamen Annäherung geführt.“ Dieser Fall zeigt deutlich: Familienstreitigkeiten betreffen nie nur zwei Personen. Sie wirken sich auf die gesamte Familie aus. Im schlimmsten Fall zerbrechen Verwandtschaften in unterschiedliche Lager – sei es, weil eine Partei Loyalität einfordert oder man sich schützend vor den anderen stellt.

Generationenzwist

„Meine Mutter wird von ihrer Schwester verachtet und dauernd lächerlich gemacht. Ich versuche sie aufzubauen, aber meine Schwester schlägt sich auf die Seite der Tante“, erzählt Eva (45) . Der Konflikt der beiden Frauen hat sich damit in die nächste Generation fortgesetzt. Eva hat den Kontakt zur Schwester mittlerweile gänzlich abgebrochen. Die Eltern besucht sie nur noch, wenn sie sicher sein kann, dass sie nicht da ist.

Heilsame Distanz

Auf Distanz zu gehen, um die eigenen Gefühle zu sortieren kann auf lange Sicht manchmal heilsam sein. „Nämlich dann, wenn es nicht möglich erscheint, die Dinge, die einen belasten, zu thematisieren oder als Teil des anderen zu akzeptieren“, sagt Familientherapeutin Langecker-Wohatschek. Ein Patentrezept für das Kitten einer angeknacksten Beziehung gibt es aber nicht. Dass ein Kontaktabbruch nicht für immer sein muss, betont auch Psychotherapeutin Barbara Galla. „Kontaktabbrüche sind niemals eine langfristige Lösung. Jeder Fall ist individuell und braucht eine unterschiedliche Bearbeitung.“ Der Schlüssel zur Versöhnung ist für sie Kommunikation. „Ich sehe im wertschätzenden Gespräch immer eine Möglichkeit“, sagt sie. „Manchmal braucht es aber eine neutrale, außenstehende Person, notfalls auch eine Familientherapie, um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.“

Short Talk mit Michaela Langecker Wohatschek, Familientherapeutin

Nicht immer ist ein Kontaktabbruch wechselseitig. Wie geht man damit um, verlassen zu werden?

Hier kann Trauerarbeit, wie sie auch bei anderen Verlusterlebnissen angewandt wird, hilfreich sein.

Kann man einzerrüttetes Verhältnis wieder kitten?

Ja – wenn es gelingt, sich von gegenseitigen Vorwürfen zu verabschieden. Wichtig ist, die eigenen Gefühle auszudrücken und die eigenen Verhaltensweisen zu überdenken. Vielleicht kann man dann sogar ein neues Verständnis füreinander entwickeln. Das kann allerdings keine Einbahnstraße sein. Dafür müssen beide Seiten gleichermaßen bereit sein, an der Neugestaltung zu arbeiten.

Was würden Sie Betroffenen raten?

Darüber reden hilft immer. Wertschätzende, unterstützende Beziehungen können sehr heilsam sein. Sie können auch das angeknackste Selbstbild wieder zurechtrücken. Wenn man mit der Situation alleine nicht fertig wird, würde ich professionelle Hilfe in Form von Psychotherapie oder Beratung empfehlen.