Kinder fest in Frauenhand?

Eltern sorgen sich, dass der hohe Frauenanteil an Österreichs Kindergärten und Schulen für Burschen zum Problem wird. Tatsächlich birgt er einige Tücken.

Schule Lehrerin - Cover
Rund 70 Prozent aller Lehrkräfte sind Frauen Foto: SerrNovik/iStock/Thinkstock

Mehr als 70 Prozent aller Lehrkräfte in Österreich sind Frauen. Die "Verweiblichung der Schule" würde Burschen in eine Bildungskrise werfen, wird immer wieder gewarnt. Aber ist an dieser Behauptung wirklich etwas dran? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hat Bildungsforscher Marcel Helbig die Ergebnisse von 42 Studien unter die Lupe genommen. Er kommt zu einem eindeutigen Befund: Das Geschlecht der Lehrkraft spielt für den schulischen Erfolg keine Rolle. Keine einzige Studie belegt, dass Buben bei männlichen Lehrern bessere Noten oder Kompetenzen hätten.

Mädchen profitieren

"Das Einzige, was man mit gleichgeschlechtlichen Vorbildern nachweisen konnte, betrifft die Mädchen: Haben sie eine Mathe-, Physik- oder Chemielehrerin, so begünstigt das in manchen Fällen ihre Aspiration in naturwissenschaftlichen Fächern. Bei Buben haben wir keinen solchen Effekt feststellen können", erklärt Helbig.

Unbeliebte Wahl

Männliche Lehrer sind an Österreichs Schulen mit nicht einmal 30 Prozent stark unterrepräsentiert. In Kindergarten und Volksschule sind die Zahlen noch gravierender: Gerade einmal zwei bzw. acht Prozent der Stellen werden hier von Männern besetzt. Umfragen zufolge ist für diesen Zustand nicht nur das Gehalt verantwortlich, auch das schlechte Image des Berufs schreckt Männer ab. Jobs in Volksschule oder Kindergarten werden von vielen zudem als "typisch weiblich" gesehen. Jugendliche entscheiden sich bei der Karrierewahl aber sehr früh gegen einen Beruf, den sie als geschlechtsuntypisch wahrnehmen.

Verantwortung

Einen weiteren Grund für die Geschlechterschieflage sieht Michael Weiß (30), Kindergartenhelfer aus Linz, in einer falschen Vorstellung vom Beruf. "Ich glaube, dass viele Männer denken, dass die Arbeit nur aus Windelnwechseln besteht – und Frauen das besser können." Dabei ist die Tätigkeit eine überaus vielseitige, bereitet der Kindergarten doch auf spielerische Art auf einen problemlosen Schulstart vor.

Bezugspersonen

Weiß ist davon überzeugt, dass Buben und Mädchen von mehr Männern im Kindergarten profitieren würden – sei es von einer anderen Art des Umgangs oder der Kommunikation. "Ich denke schon, dass Männer einen anderen Zugang zu Kindern haben", so Weiß. "Kinder brauchen manchmal auch Gerangel oder wilderes Spielen, das sie bei Frauen eher nicht so bekommen." Für Kinder sei es zudem wichtig, eine männliche Bezugsperson zu haben – vor allem, da immer mehr Mütter alleinerziehend seien. "Burschen wachsen immer öfter ohne positiv-männliche Bezugsperson auf, an der sie sich orientieren könnten", sagt auch AHS-Lehrer Simon Perktold (31), der Latein an einer Schule im Pinzgau unterrichtet. Im Kindergarten und in der Schule könnte ein höherer Männeranteil Kindern ein Stück weit geben, was ihnen zuhause vielleicht fehlt, sind sich Perktold und Weiß einig. "Ein Ersatz für einen Vater ist das aber nicht", betont Weiß aber ebenso.

Kompetente Männer

Vielen Jungen fehlen schlichtweg kompetente männliche Vorbilder. Die Folge: "Kinder und Jugendliche müssen sich immer mehr an weiblichen Bezugspersonen orientieren", sagt Perktold. "Das macht es Burschen schwer, sich in ihrer männlichen Rolle in der Gesellschaft einzufinden." Insbesondere für die persönliche Entwicklung kann das zu einem Problem werden. Zahlreiche Studien belegen, dass Kinder und Jugendliche kompetente Männer in ihrem Umfeld brauchen, um ein stabiles männliches Selbstwertgefühl entwickeln zu können.

Verzerrte Realität

Die Darstellung von Männern und Männlichkeit in den Medien würde Perktold zufolge die Problematik noch weiter verschärfen. "Männlichkeit wird medial immer negativer dargestellt – hauptsächlich als Machtmissbrauch und exzessive Gewalttätigkeit. Dabei gibt es auch viele positive Aspekte von Männlichkeit wie Selbstdisziplin oder Initiativnahme", unterstreicht der Latein- und Psychologielehrer.

Streng, aber fair

Auch Bildungsexperte Helbig ist skeptisch, wenn es um die Rolle der Medien geht. "Finanzmanager, Ingenieure und Führungskräfte sind Männer. Da werden Stereotype weitergefahren, dagegen können ein paar Männer in der Grundstufe auch nichts ausrichten", sagt er im Interview mit der NZZ. Andere meinen, dass eine männliche Lehrkraft alleine durch ihre Anwesenheit einen Anstoß geben kann, anders über Männlichkeit zu denken. Wie man den Anteil männlicher Lehrkräfte steigern könnte, ist seit Jahren Diskussionsgegenstand. Das Patentrezept hat man noch nicht gefunden. "Die mangelnde soziale Anerkennung ist dabei sicher ein Thema", sagt Perktold. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass sich die Geschlechterverhältnisse an den Schulen so bald jedenfalls nicht ändern werden. Übrigens: Werden Kinder befragt, was eine gute Lehrkraft ausmacht, geben sie Antworten wie "fair" oder "streng, aber nicht zu sehr". "Männlich" oder "weiblich" ist so gut wie nie ein Thema.