Fleischskandal!

Ekelfleisch aus Polen wurde blitzschnell über zig Staatsgrenzen verschoben. Das verdeutlicht einmal mehr die Notwendigkeit einer Herkunftskennzeichnung von verarbeitetem Fleisch.

Fleisch - Cover
Die Lebensmittelkontrollen in Österreich zählen zu den strengsten in der EU Foto: Lisovskaya/iStock/Thinkstock

Der Film ist grausam. Er zeigt, wie zwei Kühe auf dem Boden liegend mit einer Seilwinde aus einem Lkw geschleift werden. Es ist Nacht, und die Szenerie im Schlachthof ist grell ausgeleuchtet. Arbeiter huschen herum und schneiden in einer anderen Einstellung an Rinderhälften herum. Man sieht, wie jemand Wucherungen und dunkle Druckstellen mit dem Messer bearbeitet. "Der Geruch des verrotteten Fleischs war ekelhaft. Mir wurde angeschafft, es mit einem Messer abzuschaben, damit es frischer aussieht", erklärt der Informant, den das polnische Investi­gativ-Fernsehformat "Super­wizjer" eingeschleust hatte, um diese Szenen heimlich aufzunehmen.

Verlustgeschäft

Drei Wochen lang hatte der Undercoverreporter als Arbeiter in dem Schlachtbetrieb in der Region Masowien gearbeitet. In drei Nachtschichten zählte er 28 kranke Kühe, die geschlachtet und verarbeitet wurden – ohne die vorgeschriebene Fleischbeschau. Ein krankes Tier ist normalerweise ein doppelter Verlust für den Bauern. Er kann es nicht verkaufen und muss im Gegenteil auch noch für dessen Entsorgung bezahlen. In der Sendung wurde behauptet, dass polnische Landwirte deshalb oft versuchen würden, ihre kranken Tiere über kriminelle Zwischenhändler abzustoßen. Nachdem das Material ausgestrahlt worden war, hatte Europa einen neuen Fleisch­skandal. Polen exportiert nämlich 80 Prozent seiner Rindfleischproduktion und tatsächlich zeigte sich, dass auch das Fleisch der kranken Tiere ins Ausland gegangen ist. Betroffen waren nach Angaben der EU-Kommission neben Polen mindestens 14 Staaten, darunter Deutschland, die Slowakei und Frankreich.

"Nicht ausruhen"

Nach Österreich kam Gott sei Dank nichts. "Dass wir vom aktuellen Geschehen nicht betroffen sind, ist erfreulich, aber kein Grund, sich auszuruhen", heißt es in einer Aussendung von Bauernbundpräsident ­Georg Strasser, der auf eine Forderung des Bauernbundes für eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung bei Milch, Eiern und Fleisch in verarbeiteten Produkten verweist. Auch für die Gemeinschaftsverpflegung (etwa in Altersheimen und Krankenhäusern) fordert der Bauernbund diese Kennzeichnung.

Wurst, Lasagne, Nuggets

Österreich hat ein sehr engmaschiges Kontrollnetz, das bei den Bauern beginnt und bis zur Weiterverarbeitung und dem Lebensmitteleinzelhandel gespannt ist. Bei Frisch­fleisch lässt sich die Herkunft normalerweise gut nachvollziehen. Auf der Verpackung ist angegeben, wo das Tier geboren, aufgezogen und geschlachtet wurde. Bei verarbeiteten Produkten, wie zum Beispiel Hühnernuggets, Lasagne oder Wurst, fehlt dieser (übrigens freiwillige) Herkunftsnachweis. Nur der Lebensmittelhersteller muss bei Nachfrage durch die Behörde angeben, wo er seine Rohstoffe gekauft hat. Konsumentenschützer wie etwa der VKI fordern seit Langem, dass auch dem Verbraucher diese Information zugänglich gemacht wird – direkt auf der Verpackung.

Globaler Fleischhandel

Das wäre umso wichtiger, als Fleisch ein global gehandeltes und permanent die Staatsgrenzen überschreitendes Produkt ist. Wie verwirrend der Weg vom Bauern bis zum Konsumenten sogar innerhalb der EU sein kann, weiß man spätestens seit dem "Pferdefleischskandal" des Jahres 2013. Pferdefleisch aus rumänischen Schlachthöfen kam damals über holländische und zypriotische Zwischenhändler nach Frankreich und Luxemburg.

Fleischbetrug

Irgendwo auf dem Weg wurde die Ware umdeklariert. Als Befüllung einer Schweizer Tortellinimarke kam das "Rindfleisch" auch in die Regale mehrerer Lebensmitteldiskonter in Österreich. Es tauchte in halb Europa auf, in Fertiglasagne in England und Schweden, in Dönerspießen in Wien und Berlin, in Gulasch und Ravioli in ganz Deutschland. Damals ertönte aus vielen Ländern der Ruf nach einer verschärften Deklarations­pfllicht für Bestandteile von Fertiglebensmitteln. Die EU-Kommission ist der Forderung nicht nachgekommen. "Zu teuer" und "zu aufwendig", hieß es damals – und heißt es bis heute.

Die größten Lebensmittelskandale

  • 2000: Weil man Tiermehl an Rinder verfüttert hatte, tritt bei diesen BSE auf. Durch den Genuss von Fleisch dieser Tiere wird beim Menschen die "Kreutzfeld-Jakob-Krankheit" ausgelöst.
  • 2005/2006: Deutsche Fleischhändler verkaufen Schlachtabfälle als Frischfleisch an Lebensmittelhersteller, Supermarktketten etikettieren abgelaufenes Fleisch um.
  • 2010: Ein deutscher Futtermittelhersteller bringt 3.000 Tonnen dioxinbelastetes Futter in Umlauf. Unzählige Mastbetriebe müssen ihre Ware vom Markt nehmen.
  • 2013: Pferdefleisch aus Rumänien wird ins EU-Ausland exportiert und als Rindfleisch umdeklariert. Es taucht in Fertigprodukten auch in Österreich auf.
  • 2017: Fleischproduzenten in Brasilien haben verdorbenes und teils mit krebserregenden Mitteln behandeltes Rindfleisch verkauft und Hühnerfleisch gestreckt.

Short Talk

DI Georg Strasser, Präsident Bauernbund

Weekend: Wäre es theoretisch auch in Österreich möglich, das Fleisch kranker Tiere zum Schlachter zu bringen?

Georg Strasser: Wenn es sich um kriminelle oder illegale Machenschaften handelt, ja, aber rechtlich ist das nicht möglich. Wir haben in Österreich strenge Vorgaben auf den Schlachthöfen. Die ­Anzahl der anwesenden Tierärzte am Schlachthof wird immer anhand der Schlachtleistung berechnet. Wenn also mehr Tiere ankommen, müssen auch mehr Tierärzte anwesend sein, welche den Gesundheitszustand der Tiere beurteilen. Das ist in vielen anderen Ländern nicht so streng geregelt.

Was müsste geschehen, um zu verhindern, dass falsch deklariertes oder verdorbenes Fleisch auf verschlungenen Wegen nach Österreich kommt?

Georg Strasser: Offensichtlich haben in Polen Menschen ein ille­gales Geschäft gemacht. Wenn absichtlich Gesetze umgangen werden, findet man immer einen Weg. In Österreich haben wir ein engmaschiges Netz an Kontrollen vom Bauern bis zur Fleischtheke. Einerseits gibt es das Kon­trollnetz der öffentlichen Hand, andererseits die internen Kontrollsysteme diverser Markenprogramme.

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