Explosion der Gewalt

Die Hemmschwelle sinkt. Unser Alltag wird merklich rauer – Gewalt und Aggression werden zum ständigen Begleiter. Die Zahlen sind alarmierend.

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Nimmt Gewalt zu? Foto: RomoloTavani/iStock/Thinkstock

Die Verrohung unserer Gesellschaft lässt sich wie der Klimawandel letztlich nicht mehr leugnen. Die Hetze im Internet – sie ist längst salonfähig geworden und eigentlich ist es ja eh nicht ganz so bös' gemeint. Die tägliche Meldung über häusliche Gewalt irgendwo in Österreich oder die Schlägerei in einer Diskothek – man überfliegt die Berichte nicht einmal mehr, schließlich ist man ja auch nicht selbst betroffen. Mit der Zeit stumpft man eben ab.

Kein Respekt.

Die Gewalt macht nicht einmal mehr vor (einstigen) Respektspersonen Halt. Was früher unvorstellbar war, ist längst Alltag. Allein an Wiener Schulen gab es im Vorjahr 312 Anzeigen wegen Körperverletzung, dreistellig schlossen diese Statistik auch noch Oberösterreich (114) und die Steiermark (109) ab. Nicht selten sind von den Gewalttaten auch Lehrer betroffen. Noch gefährlicher leben in Österreich Polizisten. Seit dem Jahr 2000 wurden 16.000 Exekutivbeamte im Einsatz verletzt – allein im Jahr 2017 wurden 2.031 Polizisten Opfer von Gewalt.

Männer und Gewalt

„Zweifellos hat die Gewalt zugenommen – vor allem bei den 15- bis 25-jährigen männlichen Jugendlichen. Und das kommt von mangelndem Respekt voreinander. Das beginnt bei der Erziehung, geht über die Schule bis zum Erwachsenenalltag im Beruf“, ist der renommierte deutsche Psychologe und Soziologe Alfred Gebert überzeugt.

Von 0 auf 180

Aggression und Gewaltbereitschaft steigen auch im Alltag. Sei es eben in der Schule, im Straßenverkehr oder auch in den eigenen vier Wänden. Während auf der Straße zwar viele schneller auf 180 sind als ihr Auto, bleibt es meist bei gegenseitigen Beschimpfungen und obszönen Gesten – laut Untersuchung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit muss nur in Ausnahmefälle die Polizei kalmierend einschreiten.

Häusliche Gewalt Anders sieht es da leider bei der häuslichen Gewalt aus. 18.860 Menschen wurden in Österreich im Jahr 2017 Opfer häuslicher Gewalt – und der absolute Großteil davon, nämlich 83 Prozent, waren Frauen und Mädchen. Darüber, dass die Dunkelziffer hierbei noch weit höher ist, gibt es bei Experten keine zwei Meinungen. Fast zwei Drittel aller 42.079 Anzeigen wegen Tötung, Körperverletzung, sexueller Übergriffe und Raub standen laut Kriminalstatistik im Vorjahr in Zusammenhang mit Beziehungstaten.

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Häusliche Gewalt betrifft viele Frauen Foto: yacobchuk/iStock/Thinkstock

Hass im Netz

Dass Sprache und Gewalt immer zusammenhängen, beweist ein Blick in die sozialen Medien. Der vielzitierte „Hass im Netz“ war nun sogar Thema im Ministerrat. „Das Internet kann und darf kein rechtsfreier Raum sein“, gaben Bundeskanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache zu Protokoll. Mit einem „digitalen Vermummungsverbot“ will man dem nun entgegenwirken. Viele Experten sehen diesen Schritt kritisch. „Durch die IP-Adresse existiert die Anonymität im Internet ja ohnehin nicht“, sagt Gregor Fischer vom Menschenrechtszentrum der Uni Graz (ETC) und Experte für Soziale Medien. „Ich sehe die Einführung der Klarnamenpflicht als falschen Weg, weil jene, die bisher schon Shitstorms verbreitet haben, einfach Wege finden werden, diese zu umgehen.“

Hate Speech

Das Phänomen „Hate Speech“ ist in Österreich untrennbar mit der großen Flüchtlingskrise im Jahr 2015 verbunden. „Verknüpft mit bewusst gestreuten Fake News ergibt das dann einen ziemlich gefährlichen Cocktail“, ist Su- sanne Sackl-Sharif vom Institut für Journalismus an der Fachhochschule Joanneum in Graz überzeugt. „Wir haben uns in den letzten Jahren wirklich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt und da ist schon auffallend, dass es vor allem rechte, meist von Männern dominierte Gruppierungen sind, die Shitstorms gezielt und strukturiert initiieren. Das politisch links stehende Spektrum ist da weit weniger gut organisiert, wenn man das so nennen will.“

Extremismus

Ein Eindruck, der auch durch Zahlen des aktuellen Verfassungsschutzberichts belegt wird: Dort gab es 2017 zwar einen Rückgang von 19 Prozent an Tathandlungen mit rechtsextremistischem Hintergrund (1.063) – die daraus resultierenden 1.576 Anzeigen sind aber deutlich höher als jene 307, die linksextremistisch motiviert waren. Besorgniserregend ist auch der Anstieg an Meldungen bei der Internet-Meldestelle „NS-Wiederbetätigung“ – die Hinweise stiegen von 3.124 im Jahr 2016 auf 3.523 im Vorjahr. „Pauschal aber zu sagen, dass früher alles besser war, wäre zu einfach: Dinge, die damals auf einem Zeltfest passiert sind, sind eben einfach dort geblieben – heute lassen sich diverse Botschaften einfach viel leichter verbreiten“, hält Sackl-Sharif fest.

Radikaler Islam

Dass die Radikalisierungsversuche aber gerade bei Minderheiten auf durchaus fruchtbaren Boden fallen, ist auch kein Geheimnis. Für Aufsehen sorgte zuletzt das Buch „Eure Gesetze interessieren uns nicht“ des pakistanisch-deutschen Autors Shams Ul-Haq. Er hielt sich für die Recherche auch sechs Monate lang unter falscher Identität in verschiedenen Grazer Moscheen auf. Die Stadt gilt laut Ul-Haq als Hot-spot der radikalen Islamistenszene. Nach seiner Wahrnehmung würden dort moderne Hassprediger nicht direkt zum Dschihad aufrufen, sondern die Gläubigen anders, aber ganz gezielt in Richtung eines radikalen Islam lenken. „Die Radikalisierungsgefahr ist bei Minderheiten immer größer“, ist auch Fischer überzeugt. „Der Dschihadismus braucht, um weiter zu radikalisieren, den Rechtsextremismus und natürlich umgekehrt.“ Alles in allem ein ziemlich gefährlicher Cocktail, der unseren Alltag aber auch in Zukunft begleiten, wenn nicht sogar bestimmen wird.

Short Talk mit Eva Schuh, Gewaltschutzzentrum OÖ

Würden Sie zustimmen, wenn man von einer Verrohung der Gesellschaft spricht?

Ja, leider. Es ist so, dass wir in letzter Zeit einen deutlichen Anstieg an Hochrisikofällen, also Fälle mit schwerster Gewalt oder sogar mit Tötungsdelikt, verzeichnen. Vor allem handelt es sich um Tötungsdelikte an Frauen, wo Österreich ja sogar im europäischen Vergleich ganz weit vorne liegt.

Ist häusliche Gewalt also ein Männer-Problem?

Männer sind in der Regel eben körperlich überlegen – und dazu wird Gewalt nach wie vor oft als Machtdemonstration eingesetzt. Wir haben in Oberösterreich im Vorjahr 2.535 Klienten, die Opfer von Gewalt wurden, gehabt und das waren alles Frauen.

Kann man allgemein sagen, dass die Hemmschwellen zur Gewaltausübung immer mehr sinken?

Auch das kann ich nur bestätigen. Es werden einfach keine Grenzen mehr aufgezeigt. Wir bekommen immer wieder Anrufe von Beratungsstellen oder auch Krankenhäusern, dass die Situationen immer schneller eskalieren. Auch Richter sagen ja, dass es vermehrt zu Drohungen oder Randalen im Gerichtssaal kommt.

Was ist Ihrer Meinung der Grund dafür?

Das ist schwierig zu beantworten. Aus meiner Sicht kommunizieren die Menschen einfach viel zu wenig direkt miteinander. Außerdem ist ja auch die Verrohung unserer Sprache nicht zu leugnen. Aber man muss hier ja auch anmerken, dass dies den Leuten von Politikern aus aller Welt vorgelebt wird. Ein erster Schritt wäre daher, dass die Politik mit der Abrüstung der Worte beginnt.

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