Esoterik: Wie uns Wunderwuzzis abcashen

Geistheiler, "Energetiker" und andere Gesundheitsgurus machen Kasse mit grobem Nonsens. Ist Österreich ein Paradies für Scharlatane?

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Österreich - ein Paradies für Scharlatane? Foto: Eetum/iStock/Thinkstock

Christoph Fasching ist der Mann, der für das Krankenhaus Nord in ­Wien-Floridsdorf ein sechs Seiten langes Gutachten geliefert hat. Um die bescheidene Summe von 95.000 Euro. Es gipfelt in der höchst originellen Empfehlung eines "Schutzrings, der verhindert, dass negative Energien Einfluss auf das Haus und die Menschen nehmen". Der "Bewusstseinsforscher" und Unternehmensberater aus Salzburg war früher Autoverkäufer.

Engel "gechannelt"

Jetzt verkauft er seine Privatoffenbarungen, die er unter anderem von Erzengel Gabriel, dem Chef der himmlischen Heerscharen, empfängt. Sieben Bücher hat Fasching bereits geschrieben, eines davon heißt "Anleitung zur Bildung einer neuen Gesellschaft in der 5. ­Dimension". Beim Bau des neuen Großkrankenhauses in Wien gibt es massive Probleme, von Fehlplanung über Baumängel bis hin zu einer massiven Kostenüberschreitung. Offensichtlich war die Projektleitung dem Projekt nicht ganz ­gewachsen. Dass die für das Schlamassel Verantwortlichen zudem noch auf die Idee gekommen sind, 95.000 Euro für einen offenkundigen ­Hokuspokus auszugeben, ist allerdings nicht nur inkompetent, sondern auch gelinde gesagt, ­äußerst seltsam. Aber es liegt durchaus im Trend.

Simple Botschaft

In der Esoterik-Szene gilt Christoph Fasching als Star. Wie auch der "Naturheiler" Robert Franz, der ebenfalls aus der Autobranche kommt. Der aus Rumänien stammende Ex-Mechaniker und Ex-Stuntman hält landauf, landab elendslange Vorträge zu Gesundheitsthemen, in denen er gegen Pharmaindustrie und Schulmedizin vom Leder zieht und seine Nahrungsergänzungsmittel anpreist. Das Franz'sche Credo lautet: "Alle Krankheiten sind Mangelkrankheiten". Das ist zwar nachweislich falsch, wird aber von den Fans felsenfest geglaubt. Zumal ja auch suggeriert wird, dass man sich mit den Franz-Pulvern gegen alle Übel dieser Welt vom Pickel bis zum Tumor wappnen könne.

Reißender Absatz

Franz hat 30.000 Facebook-Follower, seine YouTube-Vorträge werden Hunderttausende Male angeklickt, und die Vortragssäle sind zum Brechen gefüllt. Der Verkauf in eigenen Shops und der Online-Versand der Präparate, vorwiegend sind es Traubenkernextrakt, Vitamin D3, Magnesium und Schwefel, brummt und beschert dem Barfuß-Guru im Pumuckl-Outfit Millionenumsätze. Der Steirischen Ärztekammer wurde das Treiben des lila Medizinmanns schließlich so unheimlich, dass sie ihn vor Kurzem wegen Kurpfuscherei angezeigt hat. Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob die Vorwürfe für eine An­klage ausreichen. Es mag nicht besonders für Franz sprechen, dass die AGES (die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) zwei seiner Präparate als gesundheitsschädlich und nicht ­verkehrsfähig beurteilt hatte.

Heilen mit Blick

Bei "Braco", vulgo Josip Grbavac, dürfte dieser Nachweis schwerfallen. Grbavac stellt nichts her und hält auch keine Reden. Er steht nur ein paar Minuten auf einem Podest da, schaut in die Menge und tritt dann ab. Zur weihevollen Stimmung trägt auch das Blumen­arrangement bei, das verdammt an eine Aussegnungshalle erinnert. Braco streitet offiziell ab, ein Heiler zu sein, zieht aber Krebskranke, Depressive und sonst wie vom Leben Gebeutelte magisch an. Angeblich ist es Bracos "gebender Blick", der per "Energiefluss" eine heilende Wirkung entfaltet. Hämische Beobachter nennen ihn den "Discount-Guru", weil die Eintritte zu seinen Dackelblick-Events relativ günstig sind. So kostet die dreiminü­tige Audienz in einem Vösendorfer Seminarhotel laut einem Bericht des Standard nur fünf Euro pro Besucher.

Heilschmuck

Wenn man allerdings bedenkt, dass bei Braco-Terminen per Blockabfertigung schon mal bis zu 4.000 Besucher des stillen Meisters teilhaftig werden, kann man sich ausrechnen, wie viel da an Gewinn (Umsatz minus Lokalmiete) zusammenkommt. Wie die deutsche Tageszeitung "Die Welt" schätzt, sollen pro Jahr 250.000 Menschen Braco-Veranstaltungen besuchen. Dazu kommt ein weltweiter Vertrieb von DVDs, "Heilschmuck" und Merchandising-Klimbim.

"Humanenergetiker"

Die Alpenrepublik ist ein recht fruchtbares Terrain für schillernde Persönlichkeiten à la Fasching, Franz oder Braco. Allein die Wirtschaftskammer hat mittlerweile Abertausende "Energetiker" unter ihren Fit­tichen – sie arbeiten etwa mit Aromaanwendungen, Bioresonanz, Bachblüten, Farb- oder Lichtquellen, Feng-Shui, Musik und Klangschalen, Edelsteinen, Aura-Interpretation, Astrologie, sie pendeln oder suchen Wasseradern mit der Wünschel­rute. Offiziell darf ein "Humanergetiker" weder Diagnosen stellen noch Therapien anbieten, aber man kann davon ausgehen, dass viele unter der Hand das trotzdem tun. Und außerdem gibt es ja auch noch die Grauzone der inoffiziellen Geistheiler, Schamanen und sonstigen Paramediziner, die auf lächerliche irdische Details wie Gewerbescheine sowieso pfeifen. Jeder, der auf Übersinnlich macht, Engel "channelt", "Energiefelder" repariert oder "Quantenheilung" anbietet, muss sich um die Kundschaft nicht groß sorgen. Das geht zumindest aus einer repräsentativen Spectra-Studie aus dem Jahr 2012 hervor. Die Umfrage liefert einen brauchbaren Anhaltspunkt, was die Akzeptanz und Verbreitung von esoterischem Gedankengut hierzulande betrifft.

Was glauben die?

An Telepathie glauben demnach 39 Prozent der ÖsterreicherInnen, 30 Prozent halten "übersinnliche Wahrnehmungen und Erfahrungen" für möglich und 29 Prozent Heilungen durch Handauflegen und "Energieübertragung". Hell­sehen und Wahrsagen halten immerhin 17 Prozent für glaubwürdig und an der Wirksamkeit von "Magie" halten 15 Prozent fest. Eher im Abwind ist der gute alte UFO-Glaube: Nur mehr sechs Prozent der Österreicher halten die Kontaktaufname mit Aliens für möglich. Der Glaube an fliegende Untertassen ist übrigens die einzige Männerbastion – in allen sonstigen Bereichen sind Frauen eindeutig das "leichtgläubigere" Geschlecht: An Wunderheilungen etwa glauben 36 Prozent Frauen und 21 Prozent Männer. Gutgläubig. "Es ist auffallend, dass esoterisches Gedankengut dort floriert, wo traditionell die katholische Kirche zu Hause ist. Das kann man im deutschen Sprachraum sehen", sagt die Medizinjournalistin Krista Federspiel, Spezialistin für Alternativmedizin und magische Praktiken. "Da hat der Wunderglaube Tradition. Überdies hatten wir einst 200 Jahre lang Absolutismus. Beides hat Gutgläubigkeit und Bewunderung gefördert. Geistheiler und Gurus geben ja auch vor, einen 'guten Draht nach oben' zu haben, das ­beeindruckt viele."

Geistheiler-Test

Federspiel ist wissenschaftlicher Beirat in der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), eine Institution, die sich der Aufgabe widmet, gesunder Skepsis und kritischem Denken wieder zu mehr Geltung zu verhelfen. Regelmäßig prüft die GWUP die über­vollen Regale des esoterischen Supermarkts. 2005 waren in einem legendären Experiment für "Help-TV" die „Geistheiler“ dran. Sind Leute, die behaupten, übersinnlich begabt zu sein, in der Lage, die pure physische Gegenwart eines Menschen zu spüren, den sie gar nicht sehen, hören oder fühlen? Was ja das Mindeste wäre, was man von Hypersensitiven erwarten sollte (Hier ist das Experiment aus­führlich beschrieben: www.gwup.org/infos). Fehlanzeige! Die getesteten 21 Geistheiler aus dem In- und Ausland lieferten durch die Bank leider nur eines: die statistisch erwartbare Rate an Zufallstreffern. Wieder einmal konnte sich niemand den 1-Million-Dollar- Preis abholen, den James ­Randi in den USA für Menschen mit nachweisbaren PSI-Fähigkeiten ausgelobt ­hatte. Das ist, wie gesagt, schon ein paar Jahre her. Die Million – sie wartet bis heute auf den Gewinner.

Dr. Krista Federspiel im Short Talk
Medizinjournalistin GWUP Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften Wien

Wenn man sich mit Leuten wie Robert Franz auseinandersetzt, hat man den ­Eindruck, man hat es mit Egomanen zu tun. Wie sehen Sie das?

Naturheiler, Geistheiler und Schamanen überschätzen sich, weil die Heilserwartung ihrer Kunden sie gleichsam erhöht und weil Leidende nach jedem Strohhalm greifen. Einige wollen wohl Gutes tun, aber vielen Scharlatanen geht es um das Macht­gefühl und den Verdienst.

Man könnte es ja auch ­salopp sehen und sagen, "jeder soll glauben, was er will, wenn’s hilft ..."?

Viele paramedizinische Methoden sind harmlos, aber alle bringen das Risiko mit sich, dass ihre Anbieter wenig von Medizin verstehen und daher ernsthafte Krankheiten nicht ­erkennen. In ihrer Selbstüberschätzung sehen sie auch ihre Grenzen nicht, raten oft dazu, die vom Arzt verschriebenen Medikamente abzusetzen oder wenden irgendeinen ­Hokuspokus oder selbstgerührte Mittelchen an. Das kann etwa bei Krebs ein Todesurteil sein. Dafür gibt es leider Hunderte Beispiele. Es trifft auch immer wieder Kinder, deren Eltern den angeblichen Naturverfahren vertrauen.

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