Ermahnung an die Zivilgesellschaft

Neue Perspektiven. Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer spricht im Weekend Interview über schwankende Stimmungen, eine zu führende Verteilungsdebatte und den Wert des Zusammenlebens nach der Coronakrise.

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Foto: Markus Trinkel

weekend: Herr Landeshauptmann, wie geht es jemandem, der nach einem fulminanten Wahlsieg, am Höhepunkt seiner politischen Karriere, von einer derartigen Krise heimgesucht wird?
Hermann Schützenhöfer: Persönlich geht es mir eigentlich recht gut. Ja, es gibt tatsächlich Leute, die meinen, die Coronakrise sei eine Art Heimsuchung. Ich würde das so nicht unterschreiben. Aber ich denke, es ist eine Ermahnung an die Zivilgesellschaft, mehr auf die Ressourcen zu schauen und nicht mit beiden Füßen über dem Boden zu schweben.

weekend: Wie ist Ihr persönlicher Alltag zwischen Homeoffice und Burg verlaufen?
Hermann Schützenhöfer: Der entscheidende Unterschied war, dass ich in den letzten Wochen so oft zu Hause zu Mittag gegessen habe, wie sonst in einem ganzen Jahr nicht. Aber ich bin natürlich täglich im Büro, habe unzählige Videokonferenzen und es bleibt anstrengend.

„Das hieße ja, bei rauem Wellengang als Kapitän das Schiff zu verlassen“.

weekend: Hat es auch Momente gegeben, in denen Sie an Rücktritt gedacht haben?
Hermann Schützenhöfer: Natürlich hadert man manchmal ein wenig mit dem Schicksal. Ich bin jetzt fast fünf Jahre Landeshauptmann. Drei Tage nach meinem Amtsantritt war die Amokfahrt in Graz, ein paar Monate später sind 3.500 Menschen über die Grenze gekommen und jetzt die Coronakrise. Aber an Rücktritt habe ich nie gedacht. Das hieße ja, in einer Situation, in der Erfahrung gefragt ist, als Kapitän bei rauem Wellengang das Schiff zu verlassen.

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Äquidistanz. In Zeiten von Corona ist es noch wichtiger, die Distanz zwischen Journalist und Politiker zu wahren. Foto: Markus Trinkel

weekend: Fehlen Ihnen öffentliche Auftritte und der Umgang mit Menschen?
Hermann Schützenhöfer: Ja, das fehlt mir sehr. Ich habe es immer genossen, nach Versammlungen zum Beispiel in der Südsteiermark mit Freunden in einem Buschenschank den Abend ausklingen zu lassen. Das geht momentan natürlich nicht, schließlich müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht – ohne zynisch sein zu wollen – sündhaft benehmen. Die eigentliche Schwierigkeit, nämlich die Wirtschaft wieder zu beleben, steht uns noch bevor.

weekend: Wirtschaft hat ja viel mit Psychologie zu tun. Wurde von der Regierung zu viel Angst verbreitet und fällt uns das auf den Kopf?
Hermann Schützenhöfer: Mir ist es lieber, ich habe zu viel als zu wenig Respekt in so einer Situation. Wir erleben momentan, dass die Stimmung schwankt. Jene, die jetzt sagen, das war alles zu viel, das wäre so nicht notwendig gewesen, würden bei einer Explosion des Virus sagen, die Regierung hat nicht konsequent genug gehandelt. Diese Krise kennt keine Gewinner. Sie kennt in Wahrheit nur Verlierer.

weekend: Es gibt auch Leute, die sagen: na ja 600 Tote, so viel ist das ja nicht. 2019 starben 420 Menschen im Straßenverkehr, niemand würde auf die Idee kommen, den Autoverkehr zu verbieten.
Hermann Schützenhöfer: Man führt halt nie die Debatte, wie viele Menschen in Russland bei Verkehrsunfällen täglich verunglücken. Aber es wird fünf Jahre darüber diskutiert, warum ein Flugzeug mit 270 Menschen abgestürzt ist. Grundsätzlich sage ich, das Leben ist kein Spiel und auch nicht wiederholbar. Daher beteilige ich mich an solchen Vergleichen nicht.

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Foto: Markus Trinkel

weekend: Die Staatsverschuldung steigt enorm an. Wäre es da nicht legitim, über Vermögens- und Erbschaftssteuern zu reden?
Hermann Schützenhöfer: Das weist der Bundeskanzler in seiner Funktion als ÖVP-Obmann strikt zurück. Ich glaube, dass wir nach Ende der Krise eine breite Debatte brauchen. Die Fragestellung wird vielfältig sein: Was hat der Staat zu leisten und was bleibt dem Bürger überlassen? Was ist im Sozialsystem gerecht? Wo kann ich die Schrauben bei jenen, die ohnehin materiell begünstigt sind, auch ein wenig zurückdrehen? Wir leben in einer brüchigen Wohlstandsgesellschaft.

„Wenn die Krise einen Sinn hat, dann den, dass man über Sein und Sinn des Lebens nachdenkt.“

weekend: Das hat wohl auch mit Solidarität zu tun. Ist diese geringer geworden?
Hermann Schützenhöfer: Die Solidarität ist nicht ausgestorben, aber so mancher Wert des Zusammenlebens ist wohl verloren gegangen. Denken Sie nur an die Hamsterkäufe. Für viele Menschen ist die eigene Befindlichkeit das Maß der Dinge geworden. Wenn diese Krise einen Sinn hat, dann den, dass man über Sein und Sinn des Lebens nachdenkt.

weekend: Haben wir verlernt, das Leben zu schätzen?
Hermann Schützenhöfer: Ja. Die Krise sollte zumindest dazu führen, dass wir den Umweltschutz und den damit einhergehenden Klimawandel noch stärker in den Vordergrund stellen. Es gibt kein Lamentieren, man kann aus Krisen auch Chancen machen. Wenn uns das gelingt, und da bin ich zuversichtlich, könnte man darin eben einen Sinn sehen.