Cashcow Küchenkunst: Topfgeldjäger

Mit der neuen Lust am Kochen lassen sich unglaubliche Summen verdienen. Davon profitieren vor allem die Vorkocher der Nation: Die Gagen der "Oberköche" sind höher als die vieler Hollywoodstars.

Kochen Teller
Früher für alle Teil der Hausarbeit, heute für viele ein Hobby: Kochen Foto: KuzminSemen/iStock/Thinkstock

Zurück an den Herd war vor noch nicht allzu langer Zeit eine Forderung, die vor allem die Frauenbewegung zu Proteststürmen veranlasste. Zu kochen halt als unpopulär. Die Tätigkeit selbst wurde als anstrengend und wenig befriedigend empfunden, als diskriminierend. Heute hat sich das gründlich geändert. Denn die ganze Welt - geschlechtsunabhängig - drängt zum Herd. Freiwillig. 

Cashcow 

Foodismus nennt sich die Bewegung rund um den Essenskult, um den sich abseits der großen Lebensmittelkonzerne ein Wirtschaftszweig gebildet hat, der Milliardenumsätze einfährt. Denn wer kocht, braucht nicht nur Lebensmittel, sondern auch Rezepte, Elektrogeräte, Töpfe, Küchen, Geschirr, Besteckt, Gläser, Wein, Dekoration und Tischwäsche. Und - ganz wichtig: Motivation und Anleitung. Kein Wunder, dass die Stars des TV-Geschehens nicht mehr allein die Schauspieler und Moderatoren sind - sondern Köche. Wer es als Küchenkünstler vor eine TV-Kamera geschafft hat, hat gewonnen: EInem Fernsehkoch winken Traumgagen, Promistatus und Prestige, das sich für die Restaurants der Fernsehköche lukrativ nutzen lässt. 

Fernsehköche 

Der österreichische Fernsehkoch Johann Lafer kann pro TV-Auftritt etwa 15.000 Euro verlangen. Er muss zwar beklagen, dass sein eigenes Restaurant La Val d´Or im deutschen Rheinland-Pfalz nicht ganz so gut läuft, wie er sich das vorgestellt hatte, nagt aber dennoch nicht am Hungertuch. Mit Werbeverträgen, Kochkursen, einem Delikatessenshop und Küchengeräten soll er rund zehn Millionen Euro pro Jahr einnehmen. Dazu kommen seine Kochbücher: Pro Buch erhält er dem Vernehmen nach 50.000 - plus Umsatzbeteiligung. Was nichts gegen Tim Mälzer ist: Der deutsche Fernsehkoch - übrigens einer der wenigen Köche, die auch mit ihrem Restaurant einen ansehnlichen Gewinn erzielen - soll sogar 70.000 Euro Gage für sein nächstes Kochbuch ausgehandelt haben. Maßstab für Cash-Kocher ist jedoch ein britischer Kochkünstler - was einigermaßen überrascht, ist doch die britische Küche nicht gerade für ihre außergewöhnliche Güte bekannt. Jamie Oliver hat es trotzdem geschafft: Sagenhafte 100 Millionen Euro nimmt er jährlich mit allen Oliver-Formen ein und kann es sich leisten, seine Popularität für soziale Projekte zu nutzen. Sprungbrett für seine außergewöhnliche Karriere waren die TV-Auftritte. 

Spitzengastronomen

Der erste deutsche Fernsehkoch - mit dem Künstlernamen Clemens Wilmenrod - beschränkte sich in den 1950er-Jahren darauf, der deutschen Hausfrau Rezepte wie Rumtopf oder Toast Hawaii vorzustellen. Sein Erfolg war richtungsweisend: Jeweils einige Tage nach der Sendung stieg die Nachfrage nach genau den Zutaten für genau jene Rezepte, die er in seiner Show präsentiert hatte. Auch wenn heute das Niveau der Fernsehköche deutlich über Rumtopf und Toast Hawaii liegt, ist es nicht so, dass die Fernsehköche zur Elite der heimischen Gastronomie zählen müssen. Denn die heimischen Haubenköche haben in der Regel keine Zeit, ihrem Publikum zu erklären, warum ein Erdäpfelgulasch ohne Lorbeerblatt nur der halbe Spaß ist. 

Herausforderung 

Heinz Reitbauer, der mit dem Restaurant Steirereck zu den besten Köchen Europas zählt, hat sich schon ein paar Mal im Fernsehen als Vorkocher versucht - und festgestellt, dass das nicht seine Welt ist. Reitbauer: "Um medial erfolgreich zu sein, muss man mehr können als nur gut kochen. Dieser Typ bin ich nicht. Ich war immer eher der ruhigere, introvertierte Typ und mache eine Sache lieber anständig als viele Sachen halb." Mit dem Steirereck in Wien ist das dem 42-Jährigen durchaus gelungen - und zwar auch wirtschaftlich. Denn gehobene Gastronomie erfolgreich zu vermarkten gehört zu den größten Herausforderungen selbstständigen Unternehmertums. Und obwohl Reitbauer, wie er sagt, auf finanziellen Reichtum keinen besonderen Wert zu legen scheint, dürfte der Spitzenkoch ganz gut verdienen. 

Harte Arbeit 

Das wiederum gelingt nicht allen Köchen. Gewöhnliche Köche ohne Zusatzausbildungen verdienen zwischen 1.300 und 1.800 Euro (brutto) monatlich. Wer auf Saison geht, Zusatzqualifikationen erwirbt und sich einen Namen macht, kann mit einem Vielfachen rechnen. Die Arbeit ist schwer und familienfeindlich. Gegenwärtig erlernen in Österreich 4.662 Köche und Köchinnen das Handwerk, im vergangenen Jahr waren es noch 4.998. Was auffällt: Die Branche ist eindeutig männerdominiert. "Männer", vermutet Heinz Reitbauer, "sind körperlich belastbarer. Es gibt zwar ebenso viele gute Köchinnen wie Köcher, aber in großen Küchen ist das Kochen mit viel harter Arbeit verbunden, weshalb Frauen immer noch davor zurückschrecken." So müsse man z.B. Säcke schleppen oder große Stücke Fleisch zerteilen. Mit mangelndem Talent hat das Männer-Frauen-Ungleichgewicht als nichts zu tun. "Ich würde sogar behaupten, dass Frauen beim Kochen talentierter sind als Männer", meint Reitbauer. Doch auch zu Hause schwingen immer mehr Männer den Kochlöffel. Reitbauer: "Männer kochen zu Hause gerne zu besonderen Anlässen. Da wird dann eine besondere Zeremonie aus der Tätigkeit gemacht und auch einmal ein mehrgängiges Menü serviert. Im Alltag sind es dagegen immer noch eher die Frauen, die sich mit dem Zubereiten von Speisen auseinandersetzen. Sie sehen den Akt des Kochens nicht als Feierlichkeit, sondern als Notwendigkeit, und stehen dem Thema daher auch pragmatischer gegenüber."

Umsatzsteigerung 

Dass Kochen zum Volkssport geworden ist, kommt selbstverständlich auch den Herstellern von Küchen entgegen. Matthäus Unterberger, Geschäftsführer von MHK Küchen, sieht den Grund für den grundsätzlichen Trend in der "Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit und Individualität. Mann kann in der Küche selbst etwas kreieren und den Wunsch nach Genuss selbst verwirklichen." Der Gesamtmarkt wächst seit Jahren. Unterberger: "Hightech ist sicher nicht der Grund, warum die Menschen wieder lieber in der Küche sind. Das hat vielmehr damit zu tun, dass sich die kleine Kammer aus den 90er-Jahren zur Jahrhundertwende geöffnet hat und wieder zum Lebensmittelpunkt geworden ist."