„Die Ansteckungsgefahr ist bei uns am geringsten“

Thomas Saliger, Sprecher von XXXLutz, über die Dramatik des Shutdowns beim zweitgrößten Möbelhändler der Welt, wie sich eine Firmenkultur trotz allem aufrecht erhalten lassen kann und was er in Zeit nach der Wiedereröffnung erwartet.

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Foto: XXXLutz

Weekend.at: Möbelhäuser zu, Mitarbeiter in Kurzarbeit. Wie hat sich Ihr persönlicher Arbeitsablauf in den letzten vier Wochen verändert? Home-Office statt am Set für Werbespot-Drehs mit der Familie Putz?

Thomas Saliger: So kann man es durchaus formulieren. Die Reisetätigkeit ist praktisch auf Null gesunken, die Zahl der Videokonferenzen dafür enorm gestiegen. Ich bin überzeugt: Diese Erfahrung wird das Geschäftsleben nach der Krise nachhaltig verändern. Die Zeit auf der Straße wird sich drastisch reduzieren – und die Umweltbelastung sinken. Besprechungen und Konferenzen werden vermehrt per Video durchgeführt werden.

Weekend.at: Im März haben sich die Ereignisse überschlagen. Was waren die ersten Maßnahmen in der Unternehmensgruppe nach der Bekanntgabe des Shutdowns des öffentlichen Lebens durch die Bundesregierung?

Saliger: Der erste Schritt war, die Kosten rasch zu minimieren. Kurzarbeit wurde beantragt, Prospektsendungen und TV-Werbungen storniert. Weil wir in dreizehn europäischen Ländern tätig sind, wo diese Schließungen unterschiedlich erfolgt sind, war das gar nicht so einfach.

„Selbst der beste Krisenplan wäre nutzlos gewesen, weil sich die Lage praktisch jeden Tag geändert hat. Als Unternehmen muss man die Situation jeden Tag neu bewerten.“

Weekend.at: Die Coronakrise, die in China ihren Ausgang nahm, ist ein Crash in Zeitlupe. Jedes größere Unternehmen hat Krisenpläne für den Notfall in der Schublade. Aber kann man sich auf so ein Szenario, wie wir es jetzt weltweit erleben, vorbereiten?

Saliger: Nie im Leben! Selbst der beste Krisenplan wäre nutzlos gewesen, weil sich die Lage praktisch jeden Tag geändert hat. Der Virus zwang Regierungen weltweit, die Maßnahmen immer wieder neu zu überdenken und anzupassen. Alleine das Kurzarbeitsmodell, das von der österreichischen Regierung sehr großzügig gestaltet wurde, hat sich mehrmals verändert. Hätte man sich also starr an einen Plan gehalten, wäre man mit Sicherheit daneben gelegen. Als Unternehmen muss man die Situation jeden Tag neu bewerten.

Weekend.at: In den ersten Tagen nach den Corona-Maßnahmen wurde das Unternehmen kritisiert, weil geplant war, Mitarbeiter trotzdem in die Märkte zu schicken. War das so ein Lernprozess?

Saliger: Die Frage in so einer schwierigen Herausforderung ist, ob die erste oder die letzte getroffene Entscheidung die richtige ist. Entscheidungen werden immer aufgrund des vorhandenen Informationsstands getroffen, da sind Anpassungen unausweichlich. Ich denke, der Lernprozess war bei allen groß. Was wir gelernt haben, ist die Erkenntnis, dass unsere Organisation in so einer schwierigen Situation funktioniert. Ein Handelskonzern in dieser Dimension ist in seiner Komplexität mit den Lieferketten von Bulgarien bis Norddeutschland nicht zu unterschätzen. Ein Möbelhaus zusperren ist eine Sache, aber die Logistik dahinter ist für uns eine unglaubliche Herausforderung. Das sehen viele nicht.

„Wir haben uns als Unternehmen von Anfang an auf Punkt und Beistrich an alle gesetzlichen Vorgaben gehalten und unseren Beitrag geleistet.“

Weekend.at: Wie lässt sich eine Firmenkultur trotz allem aufrechterhalten? Worauf kommt es an?

Saliger: Das wichtigste ist eine offene Kommunikation. Sagen, was man weiß und was nicht. Das haben wir getan und alle ausführlich in diesen Informationsprozess eingebunden. Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden. Es war zum Beispiel nicht klar, welche Art der Zustellung noch erlaubt ist. Wichtig ist mir, zu betonen: Wir haben uns als Unternehmen von Anfang an auf Punkt und Beistrich an alle gesetzlichen Vorgaben gehalten und unseren Beitrag geleistet.

Weekend: War online eine erhöhte Besucherfrequenz und Kauftätigkeit während des Shutdowns zu bemerken?

Saliger: Ja, die Zugriffe sind gestiegen, vor allem der Online-Shop wurde deutlich mehr genutzt. Aber die Einschränkung ist freilich, dass Besucher trotzdem vor Ort die Ware erleben, Stoffe spüren wollen und Beratung, etwa bei Küchen, unerlässlich ist. An eine richtige Online-Revolution im Handel, vor allem in unserer Branche, glaube ich nach diese Krise daher nicht.

Weekend: Ihre Kritik an der Regierung, dass Baumärkte früher als öffnen dürfen, ist wohl angekommen – aber es wird sich wohl nichts mehr ändern. Wie bereiten Sie sich auf die Wiedereröffnung Anfang Mai vor?

Saliger: Die Bandbreite reicht vom Mitarbeiter über den Lieferanten, der nun wieder voll liefern kann, bis hin zu den Gesundheitsmaßnahmen etwa an Kassenbereichen oder die Beschränkung der Besucher pro Quadratmeter. Darauf bezog sich auch unsere Kritik bezüglich der Baumärkte. Die Ansteckungsgefahr ist bei uns wohl am geringsten im gesamten Einzelhandel. In kaum einer anderen Branche sind die Verkaufsflächen pro Besucher größer.

Weekend: Sie sprechen von einem Umsatzrückgang von 10 Prozent in diesem Jahr. Inwieweit kann man ein verlorenes Geschäft im Einzelhandel – speziell in Ihrer Branche – wieder aufholen?

Saliger: Wir werden einiges aufholen können, weil der Bedarf nicht verschwindet. Kunden, die sich eine Couch oder eine Küche kaufen wollten, werden das tun. Zum anderen könnte auch das Neugeschäft steigen, weil die lange Zeit zuhause in den vergangenen Wochen zum Nachdenken angeregt hat, was man in den eigenen vier Wänden verschönern und verbessern kann. Und schließlich dürfen wir nicht vergessen: Wenn Geschäfte und Schulen wieder ihren Betrieb aufnehmen, ist der Virus nicht weg. Wir werden noch länger unsere meiste Zeit zuhause verbringen. Wir können uns daher vorstellen, dass der Möbelhandel wie nach der Finanzkrise 2008 auch diesmal wieder profitieren kann. Die Entwicklung hängt natürlich vom Konsumklima ab, wie rasch die Wirtschaft wieder anspringt und auf welchem Niveau die Arbeitslosigkeit verharren wird.