Der Anführer: 99ers-Coach Doug Mason im Interview

Die Grazer Eishockeycracks mischen die EBEL gehörig auf: Im Interview spricht der 99ers-Headcoach über den aktuellen Höhenflug, den „Leadership“-Faktor und erklärt, warum er noch keinen Gedanken ans Play-off verschwendet.

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weekend: Die 99ers spielen die beste Saison seit Jahren. Wie lautet das Erfolgsrezept? 
Doug Mason: Vor allem war es wichtig, viele gute Spieler zu verpflichten, die der Mannschaft auch charakterlich weiterhelfen können. Im Mannschaftssport spricht man oft von einer „Leader-ship“-Group. Diese Gruppe erleichtert mir die Arbeit in der Kabine, weil die Jungs sich viele Dinge selbst organisieren. Solche Spieler zu finden ist aber immer ein Glücksspiel. Man kann ja niemanden im Gesicht ansehen, ob er eine Führungspersönlichkeit ist. Mein Ziel war es auch, mehr Spieler zu verpflichten, die Erfahrungen auf hohem Profi-Niveau vorweisen können. Also zum Beispiel in Schweden, Deutschland, Österreich oder Nordamerika gespielt haben und die nötige Routine mitbringen.

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weekend: Darf man schon mit einem Auge auf die Play-offs schielen? 
Doug Mason: Diesem Thema widme ich im Moment keine Sekunde. Wir schauen weiter von Spiel zu Spiel. Das Einzige, was mich interessiert, ist der Abstand zum siebenten Tabellenplatz. Wir wollen auf jeden Fall in die Platzierungsrunde kommen, um uns direkt für die Play-offs zu qualifizieren. Sollten wir dieses Ziel verfehlen, bleibt aber immer noch der Weg über die Qualifikationsrunde – egal wie, das Erreichen der Play-offs ist unser Ziel.

weekend: Gab es nach dem enttäuschenden Abschneiden im Vorjahr Gedanken an einen Abschied aus Graz? 
Doug Mason: Was ich nicht verstehe ist, warum ein Trainer bei einem Misserfolg sofort den Hut nehmen muss. Wir haben im Vorjahr die Platzierungsrunde nur um drei Punkte verpasst und danach sehr viele Spieler abgegeben. Das war für mich einer der Hauptgründe für den letzten Platz. Die Platzierung war im Saisonrückblick auch nicht wichtig für mich. Deshalb habe ich auch keinen Grund gesehen, mich mit einem Abschied aus Graz zu beschäftigen. Der Trainer ist immer der Anführer der Mannschaft. Was sagt es also aus, wenn er der Erste ist, der sich bei Misserfolg zurückzieht. Für mich ist das eine Frage der Integrität und der große Unterschied zum Fußball.

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weekend: Welcher Neuzugang hat Sie am meisten beeindruckt?
Doug Mason: Wir haben in dieser Saison das Glück, dass alle Spieler einen guten Eindruck hinterlassen haben. Ein Beweis dafür ist, dass man unter den Top-20 der Punkteliste sieben unserer Spieler findet. Ohne diese starke Kollektivleistung wäre es auch nicht möglich, in der Tabelle vorne zu stehen. Das Ziel eines Trainers muss es daher immer sein, jedem Spieler das Gefühl zu vermitteln, ein wichtiger Teil des Teams zu sein. Man muss den Spielern auch zeigen, dass man ihnen vertraut: Die Jungs dürfen keine Angst haben, dass sie bei einem Fehler sofort auf der Bank sitzen.

weekend: Durch die viel diskutierte Punkteregelung ist es vor allem für junge Österreicher schwer, sich in der Liga zu etablieren. Wie beurteilen Sie die Leistung der heimischen Spieler?
Doug Mason: Ich habe schon immer gesagt, dass die Regelung nicht gut für österreichische Spieler ist, die nicht zu den Top-Spielern zählen. Wir haben in diesem Jahr viele gute Österreicher und elf Legionäre im Team. Im Prinzip ist es aber egal, ob Österreicher oder Legionär, am Ende zählt für mich nur die Leistung – der Reisepass spielt keine Rolle.

weekend: Die 99ers liegen in allen Team-Statistiken im Spitzenbereich – der Powerplay-Wert ist sogar der Topwert der Liga. Wie wichtig ist ein funktionierendes Überzahlspiel?
Doug Mason: Powerplays sind ein wichtiger Teil des Spiels. Gleichzeitig darf man aber nicht vergessen, dass wir in dieser Kategorie auch im Vorjahr auf Platz eins waren. Herausgekommen ist dann der zwölfte Tabellenplatz. Im Überzahlspiel geht es neben dem Toreschießen vor allem darum, das Momentum im eigenen Team zu halten. Allein mit dem Powerplay gewinnt man auf Dauer keine Spiele.

weekend: Noch ein kurzer Ausflug in die Statistikwelt: 2016 hatten die 99ers noch die meisten Strafminuten zu Buche stehen. Im Vorjahr waren es die wenigsten der Liga. Wie wichtig ist es, Strafen zu vermeiden? 
Doug Mason: Ich will so wenige Strafen wie möglich haben. Meine Spieler haben gelernt, Eishockey auf die richtige Weise zu spielen. Strafen wie „Haken“ oder „Beinstellen“ sollen vermieden werden. Wenn ein Spieler eine Strafe bekommt, weil der Schiedsrichter meint, dass ein Check zu hart gewesen ist, kann ich damit Leben. Wenn wir pro Partie nur drei bis vier Mal in Unterzahl spielen müssen, ist das perfekt.

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weekend: Die Erfolge bringen die Fans zurück in die Halle. Wie wichtig ist die Unterstützung von den Rängen?
Doug Mason: Es gibt keinen Sportler, der nicht die Anerkennung des Publikums braucht. Natürlich geht es im Profisport auch ums Geld, sobald aber der Vertrag unterschrieben ist, geht es nur mehr um die Bestätigung durch das Publikum – Sportler haben einfach ein größeres Ego als ,normale’ Menschen. Die Unterstützung des Publikums ist Futter für das Ego. Wenn man vor 4.000 Leuten spielen darf, gibt das natürlich einen zusätzlichen Motivationsschub.

weekend: Gerade im Eishockey gibt es ja über Weihnachten keine Verschnaufpause. Wie verbringen Sie die Feiertage? 
Doug Mason: Eigentlich mache ich nichts Besonderes. Meine Frau und meine Kinder sind ja in der Schweiz oder in Holland – also bin ich in Graz alleine. Den Spielern gebe ich aber am 24. und 25. Dezember frei, damit Sie die Feiertage mit ihren Familien verbringen können.