Das Ende der guten Sitten

Ess-, Rauch- und Handyverbot: Immer mehr Verhaltensweisen werden uns verordnet. Kontrollwahn oder letzte Rettung für ein ­erträgliches Miteinander?

Smartphone Liebe - Cover
Nicht ohne mein Smartphone: Wenn Unhöflichkeit Gefühle abkühlt Foto: AntonioGuillem/iStock/Thinkstock

Das unachtsame und rücksichts­lose Verhalten seiner Mitmenschen kann einen bisweilen in den Wahnsinn treiben. Da ist der Passant, der seine Zigarette einfach auf die Straße fallen lässt, bevor er sich in den vollgestopften Wagon quetscht. Da sind in ihre Smartphones starrende Fahrgäste, die jene Senioren ignorieren, die sich unsicher an Haltestangen festklammern. Hektische Einkaufende drängen sich an Supermarktkassen und in Warteschlangen eiskalt vor. In Restaurants werden Kinder vor Tablets geparkt – sonst würden sie nicht einmal zehn Minuten ruhig sitzen bleiben. Der Kumpel widmet sich in der Bar lieber seinem Handy als aufmerksam dem Gespräch. An der Stiege wartet die ­junge Frau mit Kinderwagen vergeblich auf Hilfe und schafft es schließlich irgendwie selbst. Haben wir verlernt, uns gut zu benehmen?

Ansichtssache

"Was unter 'gutem Benehmen' verstanden wird, ist sehr unterschiedlich", sagt Inge Wolff, die in Deutschland mitunter als "Benimm-Päpstin" bezeichnet wird. "Der Begriff wird von älteren Menschen anders interpretiert als von jüngeren, von Deutschen anders als in Österreich lebenden." Was gutes Benehmen ist und was nicht, das definiert jede Gesellschaft, ja sogar jede Generation für sich. Laut einer Umfrage des Instituts für Markt- Sozialanalysen (IMAS) empfanden es vor vierzig Jahren über 60 Prozent der Österreicher als schlechtes Benehmen, wenn ein Mann einer Frau nicht in den Mantel half. 2012 sah darin nicht einmal jeder vierte Österreicher ­einen Benimm-Verstoß. Zum großen Ärgernis entwickelt sich heute dagegen das Handy im öffentlichen Raum, wie etwa im Kino oder Theater. "Deshalb würde ich auch nicht von 'generell' seltener gewordener Höflichkeit oder schlechteren Umgangsformen sprechen", sagt Wolff. Psychotherapeut Florian Kwauk sieht ein anderes ­Problem: "Wir legen oft mehr Wert auf Statussymbole als auf unsere Mitmenschen."

Ende der Höflichkeit

Tatsächlich scheint sich ­höfliches Benehmen langsam, aber sicher aus dem ­öffentlichen Raum zurückzuziehen. Besonders augenfällig wird das allmorgendlich in Bim, Bus und U-Bahn. Die Wiener Linien fühlen sich mittlerweile bemüßigt, dem rüpelhaften Verhalten ihrer Fahrgäste entgegenzuwirken. Eine breit angelegte Imagekampagne sollte bereits 2013 für mehr Rücksicht in der U-Bahn sorgen. Penetrant riechendes Essen, Nasenbohren und lautstarkes Musikhören wurden angeprangert.

Essverbot

Letztlich haben die Wiener Linien jedoch festgestellt, dass sie sich auf freiwillige Rücksichtnahme ihrer Fahrgäste doch nicht so ganz verlassen können. Vor nicht einmal zehn Jahren ­reagierte das Unternehmen noch entsetzt auf den Vorschlag, Essen in der U-Bahn zu verbieten. "Die Wiener Linien sind ein Dienstleistungsunternehmen und kein Unternehmen, das gesellschaftliche Normen diktiert oder bestimmtes Sozialverhalten verbietet", hielt der damalige ­Geschäftsführer Dr. Michael Lichtenegger, 2009 in einer Aussendung fest. Heute ist man anderer Meinung. Ab 2019 gilt ein flächendeckendes Essverbot in allen U-Bahnen, in der U6 wurde es bereits eingeführt. Es scheint, als bräuchten wir erst Vorschriften und Verbote, um zu wissen, was sich gehört und was nicht: Essverbot, Rauchverbot, Handyverbot sind nur ein kleiner Auszug aus der immer länger werdenden ­Liste. "Das Wehklagen betreffend Verrechtlichung ist nicht neu und poppt in regel­mäßigen Abständen auf", sagt ­Professor Sascha Ferz, Rechtswissenschafter an der Universität Graz.

Gesetzeswunsch

Tatsächlich würden Gesetze immer neue und bislang der sozialen Selbstregulierung überlas­sene Lebensbereiche erfassen. Neue Technologien, Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und die Zunahme unpersönlicher Kommunika­tion würden nach neuen ­Regelungen verlangen, so Professor Ferz. Kwauka hingegen sieht einen tatsäch­lichen Mitgrund in der Abnahme guten Benehmens. "Ich möchte sogar behaupten, dass unsere Gesellschaft zunehmend den Respekt ­voreinander verliert. Das ­erschwert das Zusammen­leben in großen Städten ­zusehends", sagt Psycho­therapeut Kwauka. Aus diesem Grund würden ­immer mehr Menschen den Gesetzgeber auffordern, das gesellschaft­liche Miteinander zu regeln.

Respektsache

Dass sich gutes Benehmen tatsächlich verordnen lässt, bezweifelt Professor Ferz. Aber: "Wo relevante Zwecke, wie etwa Jugend- und Arbeitnehmerschutz in der Antiraucherdiskussion, zugrunde liegen, scheint die moralische ­Wirkung höher zu sein." Heißt: Einsicht hilft, sich an Regeln zu halten. Dass ­Verordnungen von oben letztlich nicht die Lösung sein können, meint jedoch auch Kwauka: "Regeln und Gesetze sollen uns dabei helfen, das Leben in einer Gesellschaft respektvoller zu gestalten – nur leider erzeugen sie kein soziales Mit­gefühl für unsere Mitmenschen."

Knigge im wahrsten Sinn

Um Mitgefühl, Respekt und Achtsamkeit geht es letztlich aber. So meinte Benimm­expertin Wolff unlängst in einem Interview, dass eine einzige Umgangsform zeitlose Gültigkeit besäße: "Kein Mensch sollte vor anderen bloßgestellt werden." Ziemlich sicher täte uns ­jedenfalls eine ­ordentliche Portion Knigge gut. Die Rede ist aber ­keineswegs von einem steifen Korsett überholter Benimmregeln. Dem Freiherrn zufolge ist Höflichkeit nichts anderes als seinen Mitmenschen ­mit Achtung gegenüberzu­treten ...

Top 10 der schlechten Sitten

  • Müll: Müll oder Papier auf die Straße zu werfen (73 % finden das unhöflich)
  • Drängeln: An der Supermarktkasse vordrängeln (72 %)
  • Sitzenbleiben: Älteren Menschen in Öffis keinen Sitzplatz anbieten (71 %)
  • Parken: Einem bereits Wartenden die ­Parklücke wegschnappen (67 %)
  • Schmutzfink: Sich nach dem Toilettengang nicht die Hände zu waschen (67 %)
  • Zu spät kommen: Grundloses Zuspät­kommen bei Verabredungen (64 %)
  • Unterbrechen: Einen anderen im Gespräch nicht ausreden lassen (64 %)
  • Rauchen: Sich in einem rauchfreien ­Bereich eine Zigarette anzünden (55 %)
  • Handy: Im Theater, Kino, Krankenhaus das Handy nicht abschalten (47 %)
  • Krachmacher: Am Sonntag laute Arbeiten verrichten (44 %)