Die Abgründe in uns: Die Faszination des Bösen

Die Magie des Bösen – wirkt sie vielleicht auch, weil in jedem von uns etwas Böses steckt? Doch was bringt manche Menschen dazu, tatsächlich Gräueltaten zu verüben?

Böse Maske 1031459686 Getty Images
Auf der Leinwand faszinierend, im wahren Leben abschreckend Foto: akvafoto/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Wirres, aggressives oder wahnsinniges Gelächter – das ist das Markenzeichen des Joker, der gerade in unseren Kinos für Gänsehaut sorgt. Er ist nicht nur Gegenspieler von Batman, sondern gilt als das Böse schlechthin. Allein 43 Darstellungen gibt es von ihm – und die aktuelle Version wird sicher nicht die letzte bleiben.

Doch was im Film für einen schaurig-unterhaltsamen Abend sorgt, gibt es – vielleicht nicht in so einer krassen Ausprägung – auch in der Realität. Und zwar nicht so selten, wenn man die Schlagzeilen der vergangenen Wochen betrachtet: Vom Fünffachmord in Kitzbühel über die Messerattacke auf fünf Polizisten in Paris bis hin zu Amokläufen in den USA – die Liste ließe sich noch beliebig erweitern um Verbrechen, die es nicht in die großen Schlagzeilen geschafft haben.

Die Fakten

Die gute Nachricht vorab: Die Zahl der Gewaltdelikte ist in Österreich im Vorjahr gesunken – es gab aber mehr Morde. 160 Versuche und 73 tödliche Angriffe wurden verzeichnet. Zwei Drittel davon sind Beziehungsdelikte, der Tatort ist meist das eigene Zuhause. Mit einer Aufklärungsquote von über 95 Prozent braucht man sich dennoch nicht verstecken. Und: Im internationalen Vergleich liegt Österreich ebenfalls gar nicht so schlecht. In Deutschland sind im Vorjahr z. B. 386 Morde begangen worden, in den USA sogar 47 – jeden Tag. Bezogen auf die Einwohnerzahl verzeichnet Österreich die niedrigste Rate an Tötungsdelikten in der gesamten EU. Besorgniserregend ist allerdings nicht die Zahl der Delikte, sondern vielmehr die Aggression und Gewaltbereitschaft, mit der die Täter zuschlagen. Das bestätigt auch Psychiater und Gutachter Reinhard Haller: "Geringe Auslöser führen zu einer maximalen Reaktion. Vor allem bei jungen Männern kommt es zu einem vermehrten Aggressionsstau, ein typisches Beispiel ist der aktuelle Fall in Kitzbühel."

Der Auslöser

Haller geht davon aus, dass in jedem von uns etwas Böses steckt. Doch was ist letztendlich der Auslöser, dass auf böse Ideen böse Taten folgen? "Entscheidend ist eine Kombination aus mehreren Faktoren, zum einen in Bezug auf die Persönlichkeit: Ist jemand in lieblosen Verhältnissen aufgewachsen, gibt es ein Trauma etc. Und auch die Situation ist entscheidend: Im Vollrausch, mit Gruppendynamik unter Jugendlichen oder in Diktaturen mit autoritären Befehlsstrukturen werden schneller Grenzen überschritten", so Haller.

Biologische Ursachen

Ethische Entscheidungen spielen sich aber auch in speziellen Regionen des Gehirns ab. Bei Untersuchungen von Serienmördern und Amok­läufern wurden z. B. Hirntumore oder Störungen des Frontalhirns festgestellt. Eine Schädigung des Frontalhirns führt zu erhöhter Aggressivität, zu rücksichtslosem Verhalten und zu erhöhter Risikobereitschaft – und somit zu einer Enthemmung von Trieben und Impulsen. "Dies erhöht zwar das Risiko, führt aber nicht per se zu einer bösen Tat. Es ist nur ein Faktor von vielen", betont Haller.

Der böse Trend

Eine Untergruppe des Psychopathen, der bösartige Narzisst, ist übrigens eine besonders gefährliche Version, die gerade sehr "en vogue" ist. Dieser lebt auf Kosten anderer, hat keine Empathie, hält sich nicht an Recht und Ordnung und ist extrem misstrauisch. Man könnte behaupten, dass viele Politiker unter diese Kategorie fallen. "Politiker müssen sich beschimpfen lassen und das erträgt ein Narzisst schwer. Dass Trump, aber auch der türkische, philippinische oder brasilianische Präsident Narzissten sind, lässt sich aber nicht von der Hand weisen." Aber es scheint, als ob das Böse sein Gesicht wandelt, wie Haller meint: "Einzelmassaker, z. B. an Schulen, nehmen zu – und zwar nicht nur in den USA. Auch Terror­anschläge richten sich nicht gegen Einzelpersonen, sondern gegen die heile Welt als solche. Das Motiv als solches wandelt sich."

Der "Code des Bösen"

  • Fehlende Empathie
  • Einseitige Machtverteilung
  • Entwürdigung der Opfer
  • Psychopathische Charakterstruktur (Sadismus, Maligner Narzissmus)
  • Planungsgrad
  • Schwere der Folgen für die Opfer
  • Missachtung des Moralinstinktes

6 Verbrechen, die Österreich in Atem hielten

  1. Elfriede Blauensteiner Mittels Kontaktanzeigen suchte sie sich ihre wohlhabenden pflegebedürftigen Opfer. Mit einem gefährlichen Medikamentenmix machte sie diese bewusstlos und ließ sie einen langsamen Erfrierungstod sterben. Sie starb an den Folgen eines Gehirntumors im Gefängnis.
  2. Jack Unterweger Der 1994 verstorbene Steirer gilt als einer der bekanntesten Serienmörder Österreichs. Nach seiner ersten Verurteilung wurde er wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Und sechs Jahre später wegen neunfachen Mordes erneut zu lebenslanger Haft verurteilt.
  3. Franz Fuchs Der Brief- und Rohrbombenattentäter sorgte von 1993 bis 1997 für Schlagzeilen. Als Fuchs glaubte, entlarvt worden zu sein, zündete er eine Rohrbombe – der Selbstmordversuch trennte ihm beide Hände ab. Ein Jahr nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft beging er Selbstmord.
  4. Estibaliz Carranza: Sie erschoss ihren Exmann, mit dem sie einen Eissalon in Wien betrieb, zerteilte ihn und betonierte die Leichenteile in Mörtelwannen. Ihren neuen Lebensgefährten ereilte dasselbe Schicksal. Sie wurde auf der Flucht gefasst und sitzt in der Sonderanstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.
  5. Josef Fritzl 24 Jahre lang hielt "das Monster von Amstetten" seine Tochter in einem Kellerverlies seines Hauses gefangen. Er zeugte sieben Kinder mit ihr, die er ebenfalls in seinem Keller verbarrikadierte. Nachdem eines der Kinder ins Krankenhaus musste, flog er auf. Urteil: lebenslang.
  6. Wolfgang Priklopil 1998 wurde die damals zehnjährige Natascha Kampusch auf dem Weg zur Schule entführt. Priklopil hielt Kampusch mehr als acht Jahre lang in seinem Haus östlich von Wien gefangen, bevor sie fliehen konnte. Noch am selben Tag warf er sich vor einen fahrenden Zug.

Short Talk

Reinhard Haller, Gerichtspsychiater

Weekend: Warum fasziniert uns das Böse?

Reinhard Haller: Ein Verbrechen hat immer mit Emotionen zu tun, mit Neid, Eifersucht, Habgier u.s.w. Man will die Geschichte dahinter kennen. Hinzu kommt, dass jeder Mensch in sich Abgründe hat. Für mich ist das auch die Erklärung, weshalb sich Thriller so großer Beliebtheit erfreuen: Letztlich spürt der Mensch, dass er auch böse Anteile hat, die zwar verdrängt sind, mit denen er sich so aber befassen kann.

Weekend: Welches war Ihr bisher interessantester Fall?

Reinhard Haller: Franz Fuchs war sicher der spannendste Fall. Er war genial, nicht nur beim Bau der Bomben, sondern in so vielen Bereichen – nur nicht sozial. Aber er war auch sehr leicht kränkbar. Auch hier gab es nicht das große Motiv, sondern es war die Summe an Kränkungen.

Weekend: Wie wahrt man bei so viel Bösem die Distanz?

Reinhard Haller: Auch Psychopathen sind Menschen. Man darf die Empathie und den Glauben ans Gute nicht verlieren. Der wissenschaftliche Blick hilft natürlich auch.