Ein Job wie ein Krimi: CSI Österreich

Wie Kriminalfälle nach 20 Jahren aufgeklärt werden, sechs Jahre alte Blutspuren einen Täter überführt haben und wieso sich DNA fast immer nachweisen lässt. Ein Lokalaugenschein bei der Tatortgruppe.

CSI Team - Cover
Dank moderner Technik können immer mehr alte Mordfälle aufgeklärt werden Foto: MoreISO/iStock/Thinkstock

Der Fall des im saudiarabischen Konsulat in Istanbul ermordeten Journalisten Khashoggi hat weltweit für Entsetzen gesorgt. "Erwürgt, zerstückelt und wahrscheinlich in Säure aufgelöst" – so lautet das derzeitige Ergebnis der türkischen Kriminaltechniker. Spuren hat es nach dem Blutbad sicher viele gegeben. "Alleine die Blutspuren sind nach einer derartigen Tat kaum zu entfernen. Hier hilft es auch nicht, wenn ein Täter die Wände neu anstreicht. Irgendwo in einer kleinen, winzigen Ritze finden wir in der Regel eine Blutspur und so können wir die DNA zuordnen", so Erwin Kepic, Chef der Tatortgruppe in Oberösterreich. Der frühere Gendarm ist seit 33 Jahren bei der Tatortgruppe und hat eine Menge erlebt. Alleine um die Blutspuren im Fall Khashoggi zu entfernen, wäre ungeheurer Aufwand notwendig. Kepic: "Selbst wenn man einen kompletten Parkettboden austauscht, heißt das noch lange nicht, dass wir kein Blut entdecken. Es gibt zwar spezielle Reinigungsmittel, die Blutreste sehr gut verschwinden lassen, darüber wissen aber nur Spezialisten Bescheid. Und wenn wir bemerken, dass jemand mit einem solchen Mittel gearbeitet hat, ist das schon wieder ein Indiz, dass irgendetwas faul ist." Täter haben also schlechte Karten …

CSI Österreich

Erwin Kepic leitet sozusagen CSI Oberösterreich: "So wie im Fernsehen läuft es aber bei uns in der Realität nicht!" Während wir einen sterilen Raum betreten, indem nach Spuren auf Kleidung oder anderen Materialien gesucht wird, erklärt Kepic, wie es wirklich zugeht: "Zwar entsprechen viele der verwendeten Geräte im Fernsehen der Realität, aber der Faktor Zeit ist absolut unrealistisch. So ist ein DNA-Abgleich nicht nach kurzer Zeit schon verfügbar. Dies dauert im besten Fall mindestens 24 Stunden und manchmal sogar eine Woche!" Zudem wird an Tatorten oft zwischen einem Tag und sogar zwei Wochen gesucht. Auch ein entdeckter Fingerabdruck kann nicht in fünf Minuten mit Millionen anderen im Computer abgeglichen werden. Dann schaltet Kepic im abgedunkelten Raum plötzlich das Licht aus und ein Gerät mit einem Rüssel ein. Aus dem Ende des Rüssels strahlt grünes Licht, mit dem der Kriminaltechniker auf ein Kleidungsstück leuchtet. "Je nachdem, welche Lichtfarbe ich wähle, kann ich verschiedenste Flecken am Kleidungsstück sichtbar machen. Blut sieht man beispielsweise am besten mit UV-Licht. Wir arbeiten generell extrem viel mit Licht. Deshalb verdunkeln wir meistens den Tatort, um so besser arbeiten zu können."

Spürnase

Kepic kennt viele Geschichten rund um seine Arbeit. Er hat unter anderem auch am Fall des Bombenattentäters Franz Fuchs mitgearbeitet, der in den 1990ern Bombenanschläge verübt hat. Damals ist man aufgrund eines Gipssockels, der für eine Bombe verwendet wurde, dem Täter auf die Spur gekommen. Das Wasser, mit dem Fuchs den Gips angerührt hatte, diente den Kriminalisten als "Vorlage", um es mit Wasserproben aus ganz Österreich zu vergleichen. Dadurch wurde der Wohnbezirk des Täters ausfindig gemacht. Ganz schwierig für Kepic sind Fälle mit Kindern: "So etwas setzt einem zu. Ich kann mich erinnern, als ich einmal mit zwei Fällen von plötzlichem Kindstod konfrontiert war. Zu dieser Zeit war mein Sohn zwei Jahre alt. Da bin ich öfter zu seinem Bett gegangen und habe geschaut, ob eh alles okay ist." Deshalb gibt es nach jedem Fall ein Mitarbeitergespräch, damit niemand die Bilder im Kopf mit nach Hause nimmt. Psychologische Betreuung ist generell wichtig. "Wobei es für den Polizisten, der an einem Tatort eintrifft, oft schwieriger ist, als für uns. Wir wissen ja schon vorher was uns erwartet", meint der Chef der Tatortgruppe.

Cold Case?

Im nächsten Raum, den wir betreten, steht ein Gerät um etwa 130.000 Euro, das Fingerabdrücke auf Gegenständen wie Waffen findet. Auch, wenn diese Monate unter Wasser gelegen haben! Heiße Spuren werden heute demnach nicht so schnell kalt wie noch vor Jahrzehnten. Das gilt vor allem bei Mordfällen. Erwin Kepic: "Mord verjährt nie. Wir klären immer wieder Fälle auf, die eigentlich schon aufgegeben wurden." Durch Fortbildung, die ständige Weiterentwicklung der Technik und Verfahren werden Cold Cases immer wieder neu aufgerollt. Kepic erinnert sich: "In einer Bar hat jemand damit geprahlt, einen Menschen sechs Jahre zuvor umgebracht zu haben. Ein Polizist hat dies gehört und tatsächlich eine abgängige Person in den Akten entdeckt. Wir haben dann nach sechs Jahren Blut und DNA in der Wohnung des Verdächtigen gefunden. Er hat daraufhin gestanden, die Leiche in den Mondsee geworfen zu haben, wo wir diese auch gefunden haben. Kürzlich hatten wir sogar den Mord an einer 86-Jährigen nach 20 Jahren aufklären können. Die Ermittler kommen immer wieder mit alten Fällen und dann legen wir erneut los."

Kommissar Tatort

Wie wichtig ist heute die Arbeit einer Tatortgruppe? "Vor etwa 20 Jahren trugen die Sachbeweise (also die Arbeit der Tatortgruppen) 20 Prozent zur Aufklärung bei. Heute sind es 85 Prozent! An dieser Zahl erkennt man, wie wichtig es ist, vor den Ermittlungen den Tatort genauestens zu untersuchen!“ Und das geschieht relativ oft. Es kommt vor, dass zwei Profis der Tatortgruppe zwei Wochen am Tatort arbeiten! "Ich kann mich an einen Fall erinnern, wo wir 40 Fenster nachbauen haben lassen, nur um festzustellen, wie ein Täter mit welchem Werkzeug das Fenster eingeschlagen hat", erinnert sich Kepic. Die Tatortermittler haben jedenfalls oft mit schlimmen Jungs und Verbrechen zu tun. Ob Kepic wohl Angst hat, wenn er heutzutage auf die Straße geht? "Garantiert nicht, die Menschen wissen meiner Meinung oft gar nicht, wie sicher wir hier bei uns leben. Die Mordrate und viele andere Verbrechensraten sind bei uns in Österreich extrem niedrig."

Wussten Sie, dass ...

  • Tatortgruppen jeden bedenklichen Todesfall untersuchen. Vor allem bei Selbstmord wird genauer hingesehen, da so mancher Mörder einen Selbstmord vortäuschen will.
  • sich selbst in einem Auto, das mit einer Bombe in die Luft gesprengt wird, DNA-Spuren finden lassen!
  • Superkleber verwendet wird, um Fingerabdrücke sichtbar zu machen. Genauer gesagt wird ein Spezialkleber in einer Kammer erwärmt und die Dämpfe setzen sich am Fingerabdruck fest.
  • die meisten Täter aus dem Bekannten- und Familienkreis stammen? Fälle, die „außerhalb“ dieser Gruppe angesiedelt sind, sind daher sehr schwierig zu lösen.
  • Feuer nur dann alle Spuren vernichtet, wenn das Opfer bzw. ein Gegenstand quasi komplett zu Asche verbrennt.
  • Schutzanzüge, Pinsel, Pinzetten nur einmal verwendet werden, um am nächsten Tatort nicht falsche Spuren zu hinterlassen.
  • Fingerabdrücke zu 100 Prozent nur einem Menschen zuzuordnen sind. Die DNA nur zu 99 Prozent, weil es ja eineiige Zwillinge gibt.
  • durch hinterlassene DNA immer nachgewiesen werden kann, ob eine bestimmte Person in einem Raum war!